Spielen im Büro Die Erben des Moorhuhns

Computerspiele am Arbeitsplatz verursachen Millionenschäden, beklagen Arbeitgeber. Sie kündigen Arbeitnehmern, rüsten sich mit Blockade-Software - und werden dem Bürospiele-Boom trotzdem nicht Herr. Gut so, sagen Forscher: Sie glauben, dass Spielen am Schreibtisch Vorteile hat.

Von Lukas Bay


Hamburg - Eine Partie Solitär kann den Job kosten. Edward Greenwood hat es selbst erlebt: Jeden Tag verschob der 39-jährige Familienvater Kartenstapel am Bürocomputer, "zur Entspannung". Bis sein Boss, New Yorks Bürgermeister Michael Bloomberg, eines Tages das Spiel auf seinem Bildschirm sah - und ihm fristlos kündigte, mit den Worten: "Der Arbeitsplatz ist nicht der angemessene Ort für Computerspiele."

Online-Multiplayer: Eine Taste rettet vor der Kündigung
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Der Bürgermeister steht mit dieser Meinung nicht alleine. Die meisten Arbeitgeber halten nichts von Spielvergnügen am Firmencomputer. Jeder vierte US-Unternehmer gab in einer Umfrage der American Management Association an, im vergangenen Jahr einem oder mehreren Mitarbeitern wegen "privater Computernutzung" gekündigt zu haben. Darunter fallen natürlich nicht nur Spieler - doch ihr Anteil wächst stetig.

In einer Studie der Universität Hamburg aus dem Jahr 2004 sagten 54 Prozent der Befragten, sie hätten schon am Arbeitsplatz-Computer gespielt. "Obwohl die Daten nicht repräsentativ sind, lässt sich klar eine Tendenz zum Spielen während der Arbeit ableiten", sagt Leonard Reinecke, Mitarbeiter an der Universität und Mitentwickler der Studie.

Das Spielangebot am Bürobildschirm wird immer vielfältiger - und immer zeitintensiver. Was mit einfachen Klassikern wie der Moorhuhn-Jagd oder Yetisports begann, ist nun zur komplexen virtuellen Welt geworden. In Onlinespielen wie "World of Warcraft" kämpfen Mitarbeiter schon mal lieber gegen Monster als gegen Aktenberge: Gut die Hälfte der Rollenspieler gibt in einer Umfrage der Website gamesdynamite.de an, auch im Büro zu spielen. Die Website geht davon aus, dass 300.000 Deutsche im Schnitt je eine Stunde am Tag mit virtuellen Rollenspielen verbringen - reichlich verplemperte Arbeitszeit.

Kartenspiel Solitär: Killer für die Produktivität der Angestellten

Kartenspiel Solitär: Killer für die Produktivität der Angestellten

Viele stellen sich dabei klüger an als der New Yorker Edward Greenwood. Im Internet kursiert seit einiger Zeit das Programm "Bosskey", der Name sagt alles: Kommt der Boss plötzlich ins Büro, macht das Programm per Tastendruck alle offenen Fenster unsichtbar. Ein jungfräulicher Desktop erscheint. Noch ein Knopfdruck - schon ist die bunte Spielewelt zurück auf den Schirm. In einigen Spielen ist die Boss-Taste von Haus aus eingebaut.

In den kommenden Jahren ist ein Boom bei Onlinespielen zu erwarten - parallel wächst sich vermutlich das Bürospiel-Problem aus. Laut einer Studie der OECD wird der Markt für Onlinespiele in Europa überdurchschnittlich wachsen: Der Marktumsatz soll von 950 Millionen Dollar 2004 auf mehr als acht Milliarden Dollar 2008 wachsen.

Die Arbeitgeber reagieren entsprechend verschärft auf Bürozocker. Zum Beispiel der US-Bundesstaat North Carolina: Das Kartenspiel Solitär, sagt Senator Austin Allran, zerstöre die Produktivität der Staatsdiener. Von den 50.000 Rechnern in der Staatsverwaltung sollen deshalb nach seinem Plan die mitgelieferten Spielebündel verschwinden.

Viele Privatfirmen setzen inzwischen sogenannte Webwasher oder Filtersoftware gegen Onlinespiele ein. Der Softwarefirma Secure Computing zufolge benutzen 60 bis 70 Prozent aller Unternehmen mit mehr als 1000 Mitarbeitern solche Programme - denn "neben der verlorenen Produktivität besteht für Unternehmen auch ein Sicherheitsrisiko durch heruntergeladene Software", sagt der Deutschlandchef von Secure Computing, Frank Kölmel.

Wissenschaftler sehen das Problem nicht ganz so eng - im Gegenteil: Gerade die strikte Linie der Spielverderber könnte sich als produktivitätsschädigend herausstellen. Ein Experiment der niederländischen Universität Utrecht mit Mitarbeitern eines Versicherungskonzern kam zu dem Ergebnis: Regelmäßiges Computerspielen am Arbeitsplatz erhöht die Zufriedenheit der Mitarbeiter. Es macht sie sogar produktiver.

Und eine Laborstudie der Universität Hamburg, die in Kürze veröffentlicht wird, soll nach ersten Angaben der Verfasser die Ergebnisse aus Utrecht bestätigen. Gegen ein kurzes Spiel in der Mittagspause, lautet die Grundrichtung, gibt es wissenschaftlich nichts einzuwenden.

Das hätte Edward Greenwood seinem Chef Michael Bloomberg mal eher klar machen sollen.



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