Spion in der Decke Wie ein Buchhändler seine Mitarbeiter überwacht

Mit eigenwilligen Methoden kontrolliert der Bahnhofsbuchhändler Stilke seine Mitarbeiter. In einer Filiale wurde heimlich das Personal gefilmt. Der Kollege, der die versteckte Kamera fand, soll nun gefeuert werden.

Von Michael Fröhlingsdorf


Hamburg - Als Andre H. am Donnerstag, den 13. Januar 2005, gegen Mittag seinen Dienst in einer Filiale des Bahnhofsbuchhandels Stilke am Hamburger Hauptbahnhof antritt, wundert er sich über das Kreppband unter der Decke: Zwei Streifen kleben direkt über der Kasse, zwei im Lagerraum, dort, wo sich Mitarbeiter Kaffee kochen und sich umziehen können.

Eine Kollegin erzählt dem 35-Jährigen von einem seltsamen Verdacht: Sie habe von einem ehemaligen Filialleiter gehört, die Räume würden heimlich von der Geschäftsführung überwacht. Misstrauisch geworden, untersuchte sie den Laden gründlich und entdeckte verdächtige, kleine Löcher in der Decke. Könnten dahinter möglicherweise Mini-Kameras versteckt sein? Vorsichtshalber überklebte sie die Löcher mit Klebestreifen.

Am Nachmittag will Andre H. Gewissheit: Er geht in den Lagerraum, packt sich einen Schrubber, klettert auf den Bürotisch und hebt die Platten der Deckenverkleidung an. Und dann sieht er sie: Hinter der Platten klebt eine kleine Platine mit Kameraauge. Ein Kabel führt zu einem Computer. Kein Zweifel: Die Belegschaft wurde heimlich beobachtet, selbst im Umkleideraum.

Stammkunde vor Gericht

Die aufgeflogene Spionage am Bahnhof wird Ende April vor dem Hamburger Arbeitsgericht verhandelt. Allerdings anders, als sich das Andre H. gedacht hat. Die Firma Stilke will ihn fristlos feuern, wegen Sachbeschädigung. Schließlich habe er die Minikamera von der Deckenplatte gelöst.

So absurd das klingt - die Richter dürfte das Verfahren kaum überraschen. Die Buchhandels- und Kioskkette mit rund 50 Filialen bundesweit ist Stammkunde vor Gericht. Allein seit Januar mussten die Juristen mehr als ein Dutzend Streitfälle zwischen Geschäftsführung und Betriebsrat klären.

Und das in einer Firma, deren Name lange als fein-hanseatisch galt: Über 100 Jahre war das 1872 gegründete Traditionsunternehmen in Privathand. Dann wurde es an die Kosmetikkette Douglas verkauft, die es 1997 an den Schweizer Konzern Valora veräußerte. Und der gilt, zumindest unter Gewerkschaftlern, als harter Arbeitgeber.

Weihnachtsgeld gekappt

Die illegale Kamera-Überwachung beweise, dass "Recht und Gesetz dort im Zweifel nicht zählen," klagt der stellvertretende Vize-Chef der Hamburger Verdi-Filiale, Ulrich Meinecke. Stilke-Chef und Valora-Deutschland-Boss Mathias Gehle wehrt sich: "Die allermeisten der knapp 1000 Arbeitsplätze von Valora in Deutschland bestehen über Jahre", bei den Klagen handele es sich um Einzelfälle. Zu der Bespitzelung will er sich nicht äußern - auch nicht dazu, ob diese Art von Mitarbeiterbeobachtung in anderen Filialen auch stattfindet.

Auf jeden Fall scheint das Vorgehen am Hamburger Hauptbahnhof ungesetzlich. Heimliche Kameraüberwachung am Arbeitsplatz ist in Deutschland nur unter strengen Bedingungen möglich - und auf keinen Fall ohne Zustimmung des Betriebsrat. Der allerdings war völlig überrascht und schickte eine Warnung an alle Filialen.

Zwar wurden keine weiteren Bespitzelungsanlagen gefunden, doch der Verdruss unter den Mitarbeitern ist auch so schon groß. Immer wieder melden sich Stilke-Angestellte bei Ver.di und berichten, wie sie unter Druck gesetzt wurden, dass ihnen wegen Nichtigkeiten gekündigt wurde. Der Hamburger Rechtsanwalt Andreas Bofalica, der etliche Verfahren gegen Stilke geführt hat, vertritt gerade wieder eine Mitarbeiterin. Sie sei vor die Tür gesetzt worden, nur weil sie versehentlich zwei Zeitschriften und vier Postkarten an der falschen Kasse abgerechnet hätte.

Selbst zu Weihnachten zeigt sich der Mutterkonzern Valora, mit 24 Prozent Marktführer im deutschen Bahnhofsbuchhandel, wenig spendabel. Im vergangenen Jahr zahlte das Unternehmen das vertraglich vereinbarte Weihnachtsgeld einfach nicht aus. Die Beschäftigten sollten freiwillig auf drei Viertel der Zahlung verzichten, sonst bekämen sie gar nichts, hieß es. Begründung: Stilke befinde sich in "Tarifverhandlungen", sagt der Geschäftsführer.

Billigkonkurrenz unter dem eigenen Dach

Tatsächlich will Gehle einen Haustarifvertrag ändern, der unter den Niveau im Einzelhandel liegt, den Mitarbeitern aber immerhin Stundenlöhnen von bis zu 12,50 Euro, Weihnachts- und Urlaubsgeld garantiert. Noch blockiert Ver.di das Vorhaben - fragt sich nur, wie lange. Denn Valora hat Billigkonkurrenz unter dem eigenen Dach: Die Ketten BHG, HD und Sussmann's verkaufen ebenfalls Bücher und Gummibärchen an Bahnhöfen und Flughäfen. Bei BHG allerdings gibt es, anders als bei der Traditionsfirma Stilke, weder Betriebsrat noch Tarifvertrag. Mitarbeiter arbeiten dort nach Ver.di-Angaben für sechs bis sieben Euro die Stunde.

Nach dem Umbau des Bahnhofs Hamburg-Altona bewarb sich Gehle sowohl mit Stilke als auch mit BHG um das neue Ladenlokal. Den Zuschlag - kaum verwunderlich - erhielt BHG. Die bisherige Stilke-Filiale wird nun im Mai geschlossen, die 14 Mitarbeiter sollen in andere Filiale wechseln - oder gehen.



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