Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Spionage-Affäre bei der Telekom: Fehler im System

Von

Spionage bei der Telekom, Schmiergeld bei Siemens, Rotlichtaffäre bei VW. Das Saubermann-Image deutscher Unternehmen ist passé. Die Liste der in zweifelhafte Machenschaften verwickelten Firmen wird länger. Das Fatale: Der Sittenverfall ist kein Zufall - sondern systembedingt.

Hamburg - Das Klischee vom deutschen Manager hat sich dramatisch gewandelt: nichts mehr übrig vom ordentlich gescheitelten Biedermann, der sorgsam mit seiner Prokura umgeht. Stattdessen tut sich immer schärfer das Bild von einem skrupellosen Zocker auf, der auch mit illegalen Mitteln Profit machen will.

Erklärungsnot: Telekom-Chef René Obermann bei seinem Statement zur Spionage-Affäre
DDP

Erklärungsnot: Telekom-Chef René Obermann bei seinem Statement zur Spionage-Affäre

VW, Siemens, Heros, Gildemeister, VW und andere mehr. Früher Synonyme für solide deutsche Unternehmen - heute für Korruption, Risiko, Sittenverfall. Seit diesem Wochenende ist die Liste noch ein wenig länger: Nach Informationen des SPIEGEL stehen jetzt auch die Deutsche Telekom, der Bau- und Dienstleistungskonzern Bilfinger Berger und die Düsseldorfer Sicherheitsfirma Klüh-Security im dringenden Verdacht, die Grenzen des Legalen deutlich überschritten zu haben.

  • Die Telekom steht im Zentrum einer ungeheuren Bespitzelungsaffäre. Der Deutsche Journalistenverband (DJV) spricht am Sonntag gar von einem "Angriff auf die Pressefreiheit". Um undichte Stellen im Vorstand und Aufsichtsrat aufzuspüren, sammelte und überprüfte der Konzern offenbar über ein Jahr lang Telefonverbindungsdaten von Aufsichtsräten und Managern. Eine Berliner Beratungsfirma sollte diese Datensätze auswerten und mit den Telefonnummern von Journalisten abgleichen.

    In einem Fax der Firma, das vor wenigen Wochen erste interne Ermittlungen bei der Telekom auslöste, heißt es: Ziel der Spähoperationen "Clipper", "Rheingold" und einiger anderer "Nebenprojekte" sei die "Auswertung mehrerer hunderttausend Festnetz- und Mobilfunk- Verbindungsdatensätze der wichtigsten über die Telekom berichtenden deutschen Journalisten und deren private Kontaktpersonen" gewesen.

    Nach ersten Plausibilitätsprüfungen beschloss Telekom-Chef René Obermann, die brisanten Daten und Anschuldigungen, die allesamt vor seinem Amtsantritt lagen, der Bonner Staatsanwaltschaft zu übergeben. Die prüft inzwischen die Einleitung eines Ermittlungsverfahrens. Informiert wurden von der Telekom nach SPIEGEL-Informationen auch das Kanzleramt, das Bundesfinanzministerium und Teile des Aufsichtsrats. Die Telekom selbst bestätigte dem SPIEGEL, dass man den Vorgang an die Ermittlungsbehörden weitergeleitet habe.
  • Bilfinger Berger steht im Ruch einer Schmiergeldaffäre. Im Zusammenhang mit dubiosen Zahlungen im Ausland ermittelt die Staatsanwaltschaft Wiesbaden gegen den Konzern. Bilfingers nigerianische Tochtergesellschaft Julius Berger wird verdächtigt, in den neunziger Jahren beim Bau einer Flüssiggasanlage in Nigeria an Zahlungen in Millionenhöhe an die Regierungspartei People's Democratic Party beteiligt gewesen zu sein. Der Baukonzern hält 49 Prozent an der Tochterfirma, die Nigeria-Geschäfte werden von Wiesbaden aus betreut.

    Bilfinger Berger weist alle Vorwürfe von sich. Tatsächlich hat der Baukonzern die Ermittlungen gegen sich selbst ins Rollen gebracht: Anfang des Jahres hatte das Unternehmen die Staatsanwaltschaft darüber informiert, dass es von der amerikanischen Justiz und der US-Börsenaufsicht SEC zur Kooperation im Nigeria-Fall aufgefordert worden war. Dort wird gegen US-Firmen ermittelt.
  • Bei der Sicherheitsfirma Klüh Security erhärtet sich der Betrugsverdacht: Die bundesweite Razzia in 21 Objekten des Düsseldorfer Unternehmens am vorigen Dienstag habe den "Verdacht der Steuerhinterziehung und des Missbrauchs von Sozialversicherungen erhärtet", erklärte die zuständige Staatsanwaltschaft dem SPIEGEL. Das Unternehmen, eine Tochter der weltweit operierenden Klüh-Gruppe, soll laut den Ermittlern Hartz-IV-Empfänger länger als erlaubt beschäftigt und Kunden betrogen haben, indem Praktikanten als Fachpersonal in Rechnung gestellt wurden – solche Praktikanten werden aber von der Arbeitsagentur bezahlt.

Das Ziel solchen Treibens ist immer das gleiche: Gewinnmaximierung. Der Druck, Erfolge zu erzielen, veranlasst viele Manager immer höhere Risiken einzugehen. Denn da ist ja der Konkurrent, der möglicherweise genauso handelt - und wer sich nicht traut, gerät vielleicht in Erklärungsnöte. Beim Chef, beim Vorstand, an der Börse.

Fast jedes zweite deutsche Unternehmen ist laut einer Studie der Wirtschaftsprüfergesellschaft PricewaterhouseCoopers von Wirtschaftskriminalität betroffen. Und die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), in der sich die 30 größten Industriestaaten zusammengetan haben, sieht mit Sorge nach Deutschland. Sie kritisiert Mängel im Kampf gegen die Korruption. "Es gibt eine Reihe von Fällen, die von den Staatsanwaltschaften nicht besonders aktiv verfolgt werden", kritisierte der Chef der Anti-Bestechungsabteilung der OECD, Mark Pieth, Ende vergangenen Jahres in der "Financial Times Deutschland". Wegen der hohen Exportquote der Bundesrepublik sehen die Korruptionsbekämpfer deutsche Unternehmen in großer Gefahr, unlautere Mittel anzuwenden.

Als weltweit immer wichtigerer Hintergrund für die Zunahme von Korruption gilt auch die Konzentration auf immer weniger, immer größere Konzerne in einzelnen Branchen. So etwa Flugzeugbauer, Automobilbauer, Schiffsbauer. Eine Vielzahl von Zulieferern ist von immer weniger Abnehmern abhängig. Schrumpfender Wettbewerb fördert Geschäfte in der Grauzone.

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: