Spitzel-Affäre Lidl entschuldigt sich bei überwachten Mitarbeitern

Kniefall vor den Kunden oder ernstgemeinte Betroffenheit? Der Lebensmittel-Discounter Lidl hat sich in großformatigen Zeitungsanzeigen bei seinen Mitarbeitern für die heimliche Überwachung entschuldigt. Künftig will man nur noch gemeinsam mit den Angestellten Diebstahl bekämpfen.


Hamburg - Der Druck ist zu groß geworden: Mit großformatigen Anzeigen hat sich Lidl bundesweit bei der Belegschaft entschuldigt. Der Vorwurf, durch Detekteien Mitarbeiter überwacht zu haben, "hat uns sehr betroffen gemacht", schreibt die Geschäftsführung in der am heutigen Montag in Tageszeitungen abgedruckten Anzeige. Der Eindruck, Lidl hätte Mitarbeiter systematisch bespitzelt, entspreche "in keinem Fall dem gelebten fairen Umgang des Unternehmens mit seinen Mitarbeitern". Ein Vorgehen in dieser Form war und sei durch Lidl weder gewollt noch beabsichtigt, hieß es weiter.

Ganzseitige Anzeige von Lidl: "Wenn sich Mitarbeiter persönlich verletzt fühlen, so bedauern wir das"
AP

Ganzseitige Anzeige von Lidl: "Wenn sich Mitarbeiter persönlich verletzt fühlen, so bedauern wir das"

Lidl war in der vergangenen Woche unter Druck geraten, nachdem das Nachrichtenmagazin "Stern" von seitenlangen Überwachungsprotokollen berichtet hatte. Danach hatten Privatdetektive im Auftrag des Discounters die Mitarbeiter systematisch ausspioniert: So wurden die Angestellten mit Miniaturkameras überwacht, Gespräche in seitenlangen Protokollen notiert. Aufgezeichnet wurden Banalitäten ("Das Guthaben auf ihrem Handy beträgt nur noch 85 Cent") ebenso wie Details aus dem Privatleben ("Ihr Freundeskreis besteht größtenteils aus Drogenabhängigen"). Das Unternehmen hatte den Einsatz der Detektive bislang mit einem jährlichen Verlust von rund 80 Millionen Euro durch Diebstahl begründet.

"Aus den Vorfällen haben wir gelernt"

In Einzelfällen seien durch die Detekteien zusätzliche und teilweise auch persönliche Informationen über Mitarbeiter protokolliert worden - dies sei so nicht gewollt gewesen. "Wenn sich Mitarbeiter durch die dargestellten Vorgehensweisen in Misskredit gebracht und persönlich verletzt fühlen, so bedauern wir dies außerordentlich und entschuldigen uns ausdrücklich dafür", hieß es in der Anzeige. "Aus den Vorfällen haben wir gelernt und werden zukünftig mit unseren Mitarbeitern gemeinsam die Firma vor Verlusten durch Diebstahl schützen."

Das Unternehmen betonte außerdem, es gehe fair mit seinen Mitarbeitern um. Genau das aber halten immer mehr Beobachter für zweifelhaft. In den vergangenen Jahren hatte vor allem die Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di immer wieder schwere Vorwürfe gegen den Discounter erhoben, weil er seine Beschäftigten schikaniere. Nach dem Bekanntwerden der neuen Vorwürfe gegen Lidl, kam jetzt aber auch scharfe Kritik aus der Politik.

So legte SPD-Generalsekretär Hubertus Heil den Verbrauchern am Wochenende einen Boykott nahe. "Ich bin vorsichtig mit Boykottaufrufen", sagte er der "Bild am Sonntag", "aber es sollte die Verbraucher schon interessieren, ob die Menschen in einem Laden nur Jobs haben - oder gute Arbeit, von der sie leben können, die nicht krank macht und die Würde der Beschäftigten wahrt." Heil verurteilt das Vorgehen von Lidl: "Wie hier die Würde von Arbeitnehmern verletzt wurde, ist widerlich", sagte er. "Mitarbeiter wurden wie Knechte behandelt."

Auch Verbraucherschutzminister Horst Seehofer (CSU) kritisiert Lidl. In einem Gastbeitrag für die Zeitung rief er die Öffentlichkeit auf, sich hinter die Opfer der Bespitzelung zu stellen. Grenzen seien überschritten: "Die scheinbar systematische Bespitzelung von Mitarbeitern erinnert an Methoden, die man in Deutschland längst überwunden glaubte", schrieb Seehofer und forderte einen schärferen gesetzlichen Schutz. Deutschland brauche ein eigenes Arbeitnehmer-Datenschutzgesetz angesichts der neuen technischen Möglichkeiten - und eine exemplarische Strafe, die von Großunternehmen nicht aus der Portokasse bestritten werden könne.

sam/AP/dpa-AFX



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