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Spitzel-Skandal: Lidl entschuldigt sich für Stasi-Methoden

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Lidl preist sich für eine Firmenkultur der Fairness, des Lobs, der Anerkennung. Nun kommt heraus: Der Discounter ließ Mitarbeiter systematisch ausspionieren - mit Methoden, die an die Stasi erinnern. Datenschützer und Gewerkschafter sind entsetzt - der Konzern bittet nun um Entschuldigung.

Hamburg - Dieter Schwarz ist in seiner schwäbischen Heimat ein angesehener Unternehmer. Der Milliardär gilt als großzügiger Spender, seine Stiftung unterstützt viele Wissenschaftsprojekte. In Heilbronn fördert Schwarz die örtliche Business School, im fernen Halle finanziert er einen Lehrstuhl - den für Wirtschaftsethik.

Alles bestens, möchte man meinen. Wenn man nicht wüsste, mit welchen Beschäftigungsmethoden Dieter Schwarz sein Imperium aufgebaut hat.

Schwarz ist Gründer der Discountkette Lidl. Zu seinem Firmengeflecht gehört auch der Handelsriese Kaufland. Das "manager magazin" schätzt Schwarz' Vermögen auf 10,3 Milliarden Euro - damit ist er der viertreichste Deutsche nach den beiden Aldi-Brüdern Karl und Theo Albrecht sowie der Familie Porsche. Schwarz selbst sagt, er besitze deutlich weniger Geld: Der Großteil des Vermögens gehöre seiner Stiftung.

Doch spätestens seit heute kann Schwarz sein Image als sauberer Unternehmer vergessen. Laut "Stern" hat Lidl seine Mitarbeiter systematisch ausspioniert. Mit Miniaturkameras wurden die Angestellten überwacht, Gespräche in seitenlangen Protokollen notiert. Aufgezeichnet wurden Banalitäten ("Das Guthaben auf ihrem Handy beträgt nur noch 85 Cent.") ebenso wie Details aus dem Privatleben ("Ihr Freundeskreis besteht größtenteils aus Drogenabhängigen.").

Datenschützer sind über die Stasi-Methoden empört. In Baden-Württemberg, wo der Konzern seinen Sitz hat, leitet das Innenministerium nun eine offizielle Untersuchung ein. Auch die Gewerkschaft Ver.di kündigt Widerstand an: Sie will Mitarbeiter bei Klagen gegen Lidl unterstützen. Der Verdacht: ein gravierender Verstoß gegen das vom Grundgesetz geschützte Persönlichkeitsrecht. "Auf solche Unternehmer kann das Land verzichten", schimpft Ver.di-Handelsexperte Achim Neumann.

Die Spitzelaktion wirkt besonders bizarr, wenn man sich Lidls offizielle Firmenphilosophie vor Augen führt. Darin heißt es:

  • "Fairness ist ein Gebot gegenüber jedermann im Unternehmen."
  • "Wir achten und fördern uns gegenseitig."
  • "Vereinbarungen werden in einem Klima des Vertrauens eingehalten."
  • "Lob, Anerkennung und Kritikfähigkeit sollen unser Betriebsklima bestimmen."

Den überwachten Mitarbeitern muss dieser Katalog wie Zynismus vorkommen. Dabei steht Lidl nicht erst seit heute in der Kritik.

Jahrelang hat sich das Unternehmen gegen die Einrichtung von Betriebsräten gestemmt. Im vergangenen Jahr schaffte Ver.di immerhin einen Achtungserfolg - die Gewerkschaft setzte in fünf von bundesweit 2850 Filialen eine Arbeitnehmervertretung durch.

Aufregung löste im vergangenen Jahr auch der Einstieg von Lidl bei der Bio-Supermarktkette Basic aus. Lieferanten und Kunden der Ökoläden gingen auf die Barrikaden: Mit einem Billiganbieter vom Schlage Lidls wollten sie nichts zu tun haben. Im November gab der Konzern dem Druck nach und trennte sich wieder von seinen Basic-Anteilen.

Kritiker werfen Lidl seit Jahren Ausbeutung vor. Der SPIEGEL berichtete 2006, Jungmanager würden zwar mit dicken Einstiegsgehältern von gut 50.000 Euro gelockt. Viel Freude hätten die Nachwuchskräfte daran aber selten. In der Regel begännen sie ihre Karriere als Verkaufsleiter, nach einer halbjährigen Einarbeitungsphase seien sie für bis zu sieben Filialen zuständig. Wöchentliche Arbeitszeit: 60 bis 70 Stunden, manchmal auch 80. "Wer das mehr als zwei Jahre durchhält, gilt in der Branche als harter Hund", sagte ein Unternehmensberater dem SPIEGEL.

Noch härter als den akademischen Nachwuchs trifft es indes die Verkäuferinnen in den Geschäften. In einem "Schwarzbuch Lidl" hat Ver.di 2004 eine ganze Reihe von Vorwürfen aufgelistet:

  • Die Angestellten müssten sich ständigen Taschenkontrollen unterziehen, weil der Konzern Diebstahl ausschließen möchte.
  • Selbst die Privat-Pkw der Mitarbeiter würden überprüft.
  • Oft sei schon der Gang zum WC für viele Kassiererinnen Luxus. "Wenn ich die Kasse verlassen hätte, hätte es eine Abmahnung gegeben", sagte eine Mitarbeiterin. "Manchmal kam ich nach Hause und hatte einen nassen Schlüpfer."
  • Eine Mitarbeiterin sei in einem dreistündigen "Verhör" fälschlich beschuldigt worden, Pfandgeld unterschlagen zu haben. "Ich war fix und fertig", wird die Frau im Schwarzbuch zitiert.
  • Die Spätschichten, die offiziell um 20 Uhr enden, ziehen sich laut den Recherchen oft bis spät in den Abend hin. In einem Fall habe der Filialleiter die Türen des Geschäfts so lange verrammelt, bis die Arbeiten erledigt waren.

Lidl wies die Anschuldigungen damals als "Diffamierungskampagne" zurück.

Wesentlich zurückhaltender reagierte der Konzern an diesem Mittwoch, als der Spionageskandal bekannt wurde. Laut "Stern" bestreitet das Unternehmen die Existenz der Protokolle nicht. Diese dienten aber "nicht der Mitarbeiterüberwachung, sondern der Feststellung eventuellen Fehlverhaltens", zitiert das Magazin eine Sprecherin.

Jürgen Kisseberth, Mitglied der Lidl-Geschäftsführung, sagte an diesem Mittwoch zu dem Bericht über die Überwachungen: "Ich kann zum jetzigen Zeitpunkt nicht ausschließen, dass es dazu Aufträge gegeben hat." Dies sei aber nicht der Wille der Geschäftsleitung gewesen.

Laut Kisseberth hatte das Unternehmen zwei Detekteien engagiert. Diese hätten jedoch nur den Auftrag gehabt, Diebstähle von Kunden aufzudecken. Lidl werde die Zusammenarbeit mit externen Detekteien nun sofort beenden. "Es tut uns leid", sagte Kisseberth. "Wir können uns bei den betroffenen Mitarbeitern nur entschuldigen."

Laut "Stern" haben die Detektive detailliert die Verhaltensweisen der Beschäftigten protokolliert. In den Aufzeichnungen sei jeweils mit Tag und Uhrzeit notiert, wann und wie häufig Mitarbeiter auf die Toilette gingen, wer mit wem möglicherweise ein Liebesverhältnis habe, wer nach Ansicht der Überwacher unfähig sei - oder einfach nur "introvertiert und naiv wirkt". Auch das Äußere der Mitarbeiter wurde kommentiert ("Frau M. ist an beiden Unterarmen tätowiert").

Die meisten Berichte stammen aus Lidl-Filialen in Niedersachsen. Dazu kommen einzelne Abhörberichte aus Rheinland-Pfalz, Berlin und Schleswig-Holstein. Besonders krass ist auch ein Fall aus Tschechien: Dort sei einer Mitarbeiterin schlicht verboten worden, während der Arbeitszeit auf die Toilette zu gehen, schreibt das Magazin. Einzige Ausnahme: "Weibliche Mitarbeiter, die gerade ihre Tage haben, dürfen auch zwischendurch auf Toilette. Für dieses Privileg allerdings sollen sie - weithin sichtbar - ein Stirnband tragen."

Welche Folgen Lidl nun bevorstehen, ist noch offen. Die Ermittlungen, die das baden-württembergische Innenministerium eingeleitet hat, können Wochen dauern, bis Ergebnisse vorliegen.

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