Spitzelaffäre um Nestlé: Attacke auf Attac

Von Nils Klawitter

Der Lebensmittelkonzern Nestlé soll eine Gruppe von Attac-Aktivisten ausspioniert haben. In der Schweiz macht der Fall bereits als "Nestlégate" Furore - es geht um mögliche Maulwürfe, Verletzung der Privatsphäre und des Datenschutzgesetzes.

Wann genau Sara Meylan auftauchte, ist schwer zu sagen. Es muss im Spätsommer 2003 gewesen sein, als die dunkelblonde Frau Mitte 20 zu den Attac-Leuten in Lausanne stieß. Es war eine kleine Gruppe, die einen großen Gegner hatte: Nestlé, den mächtigsten Nahrungsmittelkonzern der Welt.

Attac-Aktivistin Schmid: Im Visier der Spitzel
AFP

Attac-Aktivistin Schmid: Im Visier der Spitzel

Die angebliche Versicherungsangestellte Meylan kam zu einem Zeitpunkt, als die Attac-Gruppe mit Recherchen zu einem kleinen Buch begann: "Nestlé – Anatomie eines Weltkonzerns" erschien ein Jahr später. Meylan arbeitete an dem Projekt mit. Bei der Buchvorstellung sei sie noch dabei gewesen, erinnert sich Béatrice Schmid, eine der Autorinnen. "Doch auf Fotos wollte sie nie."

Dann war Sara Meylan verschwunden. Tatsächlich hat es sie nie gegeben. Sie war eine Agentin der größten Schweizer Sicherheitsfirma Securitas, die unter Decknamen auf Attac angesetzt war - nach allem Anschein im Auftrag von Nestlé.

Das Westschweizer Fernsehmagazin "Temps présent" enthüllte den Spionagefall vor gut drei Wochen. Die Affäre passt in das Bild neurotischer Konzernmanager, die mit sozialer Verantwortung werben - und sich eher asozial verhalten: Lidl ließ Mitarbeiter bis auf die Toilette beschatten, die Deutsche Telekom eigene Aufsichtsräte - und nun offenbar Nestlé die Leute von Attac. In Schweizer Zeitungen ist bereits von "Nestlégate" die Rede, der Nahrungsmittelmulti dagegen reagiert gewohnt wortkarg. Während des G-8-Gipfels in Evian im Juni 2003 habe man "in enger Zusammenarbeit mit Securitas und der Waadtländer Polizei" Maßnahmen ergriffen, um Personal und Gebäude zu schützen, lässt Nestlé wissen. Gesetze seien "strikt eingehalten" worden.

Ob das tatsächlich so war, soll vor Gericht geklärt werden: Das Autorenteam hat Strafanzeige wegen Verletzung der Privatsphäre und des Datenschutzgesetzes erstattet. Merkwürdig ist auch, dass die Observation der Gruppe durch Sara Meylan erst nach dem G-8-Gipfel begann. "Ich bin überzeugt, dass es einen Auftrag von Nestlé gab, Attac wegen des Buchprojekts auszuspähen", sagt der Journalist Jean-Philippe Ceppi von "Temps présent", der den Fall monatelang recherchiert hat.

"Militärische Umstände"

Als Co-Autorin war Meylan zwar kaum zu gebrauchen, ihre Passagen über Kaffee mussten komplett umgeschrieben werden. Doch Meylan hatte Zugang zu allen Quellen und Recherchen ihrer Co-Autoren, denn die tauschten sich permanent untereinander aus. Sie kannte Kontaktpersonen, wusste von der Auseinandersetzung französischer Milchbauern mit Nestlé wegen Dumpingpreisen und von kolumbianischen Gewerkschaftern, die bei Nestlé arbeiteten und von Paramilitärs bedroht wurden.

Securitas-Generalsekretär Reto Casutt verklärt die Aktionen seiner Mitarbeiter zu einer Art Notwehr. Während des G-8-Gipfels hätten "militärische Umstände" geherrscht. Securitas sei deswegen im Sinne seiner Kunden gezwungen gewesen, einen "Informationsvorsprung" über geplante Aktionen zu erhalten. Eigentlich sei Infiltration keine Dienstleistung von Securitas. In diesem Fall jedoch gründete die Abteilung Investigation Service eine eigene G-8-Zelle. Über die Infiltration war kurioserweise sogar die Polizei des Kantons Waadt informiert.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wirtschaft
Twitter | RSS

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback

Fotostrecke
Affäre: "Nestlégate" in der Schweiz