Spitzelei: Firmen hetzen Mitarbeitern Privatdetektive auf den Hals

Sie lauern in Zufahrten, überwachen Wohnzimmer: Privatdetektive werden von Firmen wie Evonik und Betapharm auf die eigenen Angestellten angesetzt. Einem Magazinbericht zufolge schnüffeln die Ermittler im Privatleben der Mitarbeiter und suchen nach Anlässen für einen Rauswurf.

Hamburg - Mehrere Deutsche Unternehmen setzen Privatdetektive auf ihre Mitarbeiter an, um Gründe für eine Kündigung zu finden. Das berichtet das Magazin "Stern". Dem Bericht zufolge werden Mitarbeiter in Deutschland damit in weit größerem Ausmaß überwacht als bislang bekannt.

Dem Magazin liegen die vertraulichen Protokolle von Dutzenden Detektiveinsätzen vor, bei denen Arbeitgeber ihre Angestellten beschatten ließen. So berichtet der "Stern" ausführlich über den Fall einer Frau namens Sonia K., die als Laborhilfe bei der Evonik-Tochter Degussa Technochemie gearbeitet habe. Als K. eine Krankmeldung einreichte, habe ihr Arbeitgeber Privatdetektive in Marsch gesetzt.

Diese bezogen vor dem Haus der Angestellten Posten. In dem Auftrag an die Detektei heißt es laut dem Bericht: "Sie ist seit letzter Woche krankgeschrieben. Da sie nachmittags noch einen zweiten Job hat, vermuten wir, dass sie diesen auch wahrnimmt. Vielleicht haben wir die Möglichkeit, Frau … zu überführen." Für die Ermittlungen habe das Unternehmen detaillierte Informationen über seine Angestellten an die Detektei übermittelt, darunter Fotos von einer Betriebsveranstaltung, dazu Angaben wie Adresse, Gewicht, Alter, Größe und das Autokennzeichen.

Nach Angaben des "Stern" distanziert sich Evonik von dem Schnüfflereinsatz, spricht von "Fehlverhalten der verantwortlichen Führungskraft". Gewerkschaftsvertreter gehen dagegen davon aus, dass Beschattung und Bespitzelung weitverbreitet sind. "Mitarbeiter-Observationen sind ein zunehmendes Problem", sagte Cornelia Brandt von der Gewerkschaft Ver.di dem Magazin.

Tatsächlich können Observationen von Mitarbeitern bei begründetem Verdacht berechtigt sein. Der "Stern" schreibt jedoch, die Detektivprotokolle legten den Eindruck nahe, dass die Aktionen in vielen Fällen nur dem Zweck gedient hätten, einen Kündigungsgrund zu finden. Das Magazin hat dem Bundesbeauftragten für Datenschutz, Peter Schaar, einige der Protokolle vorgelegt. Sein Urteil: "Oft fehlt es an einem konkreten Verdacht gegenüber dem Mitarbeiter. In solchen Fällen dient eine Observation nur dazu, einen Anlass für den Rausschmiss zu finden."

Dabei offenbaren die Überwachungsprotokolle, die dem Magazin vorliegen, wie dicht die Schnüffler den ahnungslosen Arbeitnehmern auf die Pelle rückten und wie lückenlos die Observierungen abliefen. So berichten die Privatermittler detailliert über das Privatleben eines Kölner Piloten: "Es ist Licht im Haus, und erkennbar sitzt die Familie gerade beim Abendessen. In der Zielstraße ist eine Observation mit Sichtkontakt unmöglich. Daher entscheiden sich die Sachbearbeiter, lediglich die einzige Zufahrt zu der Wohnadresse unter Beobachtung zu halten." Weiter heißt es, die Beobachter könnten "durch die gläserne Terrassentür" feststellen, "dass sich Zielperson mit etwa fünf anderen Erwachsenen und fünf Kindern im Wohnzimmer dieses Einfamilienhauses aufhält. Offensichtlich findet hier eine Familienfeier statt."

Hinweise auf Detektiveinsätze fand das Magazin auch im Falle des Raststättenbetreiber Tank & Rast, bei Air Berlin und sogar bei kleinen Familienbetrieben wie einer Gärtnerei im nordrhein-westfälischen Troisdorf und einer Apotheke in Siegen. Daneben sollen Arzneimittelhersteller wie Betapharm und Medice wiederum ihre Außendienstler kontrollieren lassen.

Das Augsburger Unternehmen Betapharm hat nach Recherchen des Magazins im Frühsommer 2007 seine Pharmareferenten beschatten lassen. Die Rechnung ging auf: Offenbar schummelten einige bei der Angabe ihrer Arbeitszeiten. Viele verloren ihren Job. Die Firma will heute nur noch so viel zu den Observationen sagen: "Bei den Kündigungen hat Betapharm im Rahmen arbeitsrechtlicher Vorschriften gehandelt."

Für Tank & Rast sagte ein Sprecher zu SPIEGEL ONLINE, die Überprüfung von Mitarbeitern im Krankheitsfall sei "absolut nicht üblich". Bisher sei es zu zwei Fällen von Observationen gekommen, beide im Frühjahr 2007. "Grundsätzlich wird diese Überprüfung im Krankheitsfall seit diesen Ausnahmefällen nicht mehr angewendet", betonte der Sprecher.

Air-Berlin-Sprecherin Alexandra Müller räumt die Schnüffelattacke auf den Piloten ein, allerdings habe es nur diesen einen Vorfall gegeben.

In den vergangenen Monaten waren immer wieder Spitzelskandale bei deutschen Unternehmern an die Öffentlichkeit geraten, so etwa bei der Deutschen Bank, der Telekom und der Deutschen Bahn. Der Lebensmitteldiscounter Lidl kam in Verruf, weil er seine Mitarbeiter massiv überwacht hat.

beb

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Forum - Bespitzelt und überwacht – sind Arbeitnehmer schutzlos?
insgesamt 227 Beiträge
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1.
Hartmut Dresia, 25.04.2009
Zitat von sysopViele Unternehmen gehen in Sachen Datenschutz rüde mit ihren Mitarbeitern um. Bespitzelungen und Überwachungen scheinen oft an der Tagesordnung zu sein. Sind Arbeitnehmer solchen Methoden schutzlos ausgeliefert?
Nach der Vielzahl der Skandale der letzten Zeit, ist eine Reform des Betriebsverfassungsgesetzes geboten, damit die Schutzrechte für Arbeitnehmer gestärkt werden. Hierbei muss auch geprüft werden, welche Übergriffe von Betriebsleitungen zukünftig strafrechtlich zu verfolgen sind. Ob allerdings das aktuelle Parlament den Mut dazu aufbringt? Heiner Flassbeck: Gescheitert - Warum die Politik vor der Wirtschaft kapituliert (http://www.plantor.de/2009/gescheitert-warum-die-politik-vor-der-wirtschaft-kapituliert/)
2.
Homanx 25.04.2009
Zitat von sysopViele Unternehmen gehen in Sachen Datenschutz rüde mit ihren Mitarbeitern um. Bespitzelungen und Überwachungen scheinen oft an der Tagesordnung zu sein. Sind Arbeitnehmer solchen Methoden schutzlos ausgeliefert?
Nicht nur Arbeitnehmer! Alle sind schutzlos!!! Wer das nicht erkannt hat, ist einfach weltfremd......
3.
roflem 25.04.2009
Zitat von sysopViele Unternehmen gehen in Sachen Datenschutz rüde mit ihren Mitarbeitern um. Bespitzelungen und Überwachungen scheinen oft an der Tagesordnung zu sein. Sind Arbeitnehmer solchen Methoden schutzlos ausgeliefert?
Das ganze basiert meiner Meinung nach auf den ehem. Stasi Mitarbeitern, die arbeitslos geworden, sich in der Privatdetektei Industrie angesiedelt haben und ihre "Fähigkeiten" wie Sauerbier anbieten. Nur so ist zu erklären, dass zum Teil berechtigte Überwachungsaufgaben in Stasi-ähnliche Verhaltensmuster ausufern, bei denen Mitarbeiter so tiefgreifend bespitzelt werden, dass am Ende Protokolle wie " M. spuckt nach rechts auf die Strasse, spricht mit dem Gemüsehändler" etc., auftauchen. Wer als Arbeitgeber seine Mitarbeiter bespitzeln will, soll sie einfach darüber informieren und entsprechenden Wisch unterzeichnen lassen basta!
4.
hanjin2 26.04.2009
Ich habs an anderer Stelle schon mal gepostet. Hier nochmal: http://www.zdf.de/ZDFmediathek/content/729912?inPopup=true Interessant ist auch wie wir von unseren Volksvertretern vertreten werden. Ab der 28. Minute.
5.
daten-terrier 26.04.2009
Volle Zustimmung. Da spricht nämlich der Praktiker und praktisch selbst Betroffene. Wie man nachlesen kann, bin auch ich gewiss kein Freund unserer Staatsschnüffler, unserer ausweitenden Finanzamts-Stasi-Methoden und z.B. der personenbezogenen und nicht anonymisierten Daten-Schnüffelei des Staates auf unseren Bankkonten. Aber im selben Atemzug wurde momentan von den Medien der anonymisierte Kontenabgleich von Lieferantenkonten mit Angestelltenkonten als Stasi-Schnüffelei aufgebauscht. Obwohl diese anonymisierte Kontrollaktion zur möglichen Korruptionsbekämpfung niemandem schadet, im Gegensatz zu den kafkaesken Finanzamtsmethoden, wurde hier von verblendeten Journalisten bewusst die falsche Sau durchs Dorf getrieben. Sie wollten mit diesem kleine-Leute-Populismus Volkszorn erzeugen, um die Auflage zu steigern. Defakto lenken sie damit von von den in Wirklichkeit ausufernden personenbezogenen Schnüffelmethoden des Staates ab. Und nach wie vor, kann Jedermann von Jedermann mit der einfachen Meldeauskunft sämtliche aktuellen und bisherigen Meldeadressen erfahren. Und Wirtschaftsunternehmen erhalten die Adressen gleich in riesigen Paketen, online, gegen Gebühr natürlich, vom Datenhehler Staat in Persona der Kommunen. Allein Bochum brachte diese Adressenhehlerei einige Hunderttausend Euro ein. Diese Einnahmequelle will man nicht verschliessen. Datenschutz hin oder her. So verscherbelt der Staat weiter unsere Adressen an zahlungswillige Interessenten. Und Zypries und Schäuble lassen den Bundesdatenschutzzwerg dabei ins Leere laufen und freuen sich über die überbordende Hysterie, weil Mehdorn mal ein paar anonymisierte Kontennummern hat abgleichen lassen. Das nenn ich Kunst des Ablenkungskrieges! Ich sehe schon einen gewaltigen Unterschied darin, ob ein Finanzbeamter meine gesamten privaten Geldbewegungen durchschnüffeln kann und ob die Stadt meine Adresse für 3,58 Euro an einen Stalker verkauft, oder ob Herr Mehdorn nur Nummer meines Gehaltskontos anonym mit den Konten aus seiner Einkaufsabteilung vergleichen lässt. Man wollte Mehdorn weghaben, Schäuble und Zypries behalten und zur Wahl etwas Unternehmensfeindliche Datenschutz-Hysterie erzeugen, um von den Staatsschnüfflern abzulenken.
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