Staatliches Rettungspaket: "Jetzt ist die Krise unter Kontrolle"

Das Rettungspaket der Bundesregierung wird die Panik an den Börsen beenden - sagt Hans-Walter Peters, Partner der krisenfesten Berenberg-Bank. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview spricht er über das Ende des bisherigen Bankensystems, lobt die Politik und geißelt die Risikolust der eigenen Branche.

SPIEGEL ONLINE: Herr Peters, wird das milliardenschwere Rettungspaket der Regierung die Finanzmärkte stabilisieren?

Peters: Es wird helfen. Der Staat kann jetzt problemlos mit Eigenkapital bei Banken einsteigen und sie so refinanzieren. Damit sichert er sie faktisch ab. Nimmt man dazu die Garantie für Ersparnisse von Privatkunden, ist das ein umfangreiches Paket.

Berenberg-Gesellschafter Peters: "Extrem sensibel, wenn es ums Geld geht"
Nicole Hollmann

Berenberg-Gesellschafter Peters: "Extrem sensibel, wenn es ums Geld geht"

SPIEGEL ONLINE: Wann wird es wirken?

Peters: Das wird dauern. Der Paniklevel war extrem hoch. Die Banken müssen aufs Neue lernen, einander zu vertrauen, und das allgemeine Misstrauen der Menschen gegenüber unserem Finanzsystem muss wieder verschwinden. Aber das wird gelingen - weil der Staat eingesprungen ist. Die Krise ist jetzt unter Kontrolle.

SPIEGEL ONLINE: Ein Rettungspaket über eine halbe Billion Euro - gibt es wirklich keine Alternative?

Peters: Nein. Es ist der richtige Ansatz. Besonders beeindruckend finde ich, wie schnell die Politiker in Deutschland und Europa die Gefahr erkannt und gehandelt haben - im Vergleich dazu, wie lange solche Entscheidungsprozesse sonst dauern, und obwohl die Hauptverantwortung für das Problem in den USA liegt.

SPIEGEL ONLINE: Wie kann die Politik neues Vertrauen in die Banken schaffen, wo doch die Menschen Umfragen zufolge bisher eher ihrer Bank als der Politik vertraut haben?

Peters: Der Lösungsversuch der Politik setzt genau dort an, wo es bei den Banken zum Vertrauensbruch gekommen ist: bei der Refinanzierung. Weil der Staat den Banken Kapital zur Verfügung stellt, können sie wieder Kredite vergeben und arbeiten. Genau darum geht es. Unser Wirtschaftssystem ist intakt - aber es kommt in Probleme, wenn die Kreditversorgung aus Misstrauen nicht mehr funktioniert.

SPIEGEL ONLINE: Ist es nicht absurd, dass ausgerechnet die Banken als große Staatsverächter jetzt den Staat um Hilfe bitten müssen?

Peters: Ja und nein. Die Krise kann zwar durch den Staat gelöst werden. Langfristig funktioniert Wirtschaft mit starker Staatsbeteiligung aber nicht. Deshalb übernehmen die Regierungen nur da, wo es nicht mehr anders geht. Und das auch nicht lange - ich bin überzeugt, dass sie ihre Anteile irgendwann wieder abstoßen. Klar ist aber: Es ist unhaltbar, dass ein ganzes System innerhalb kürzester Zeit zusammenbricht und dann die Allgemeinheit mit solchen Riesenbeträgen einspringen muss.

SPIEGEL ONLINE: Wie konnte das Vertrauen in unser Finanzsystem so schnell verpuffen, wo es doch jahrzehntelang problemlos funktioniert hat?

Peters: Jeder Mensch reagiert extrem sensibel, sobald es ums Geld geht. Dass die US-Regierung vor einem Monat Lehman Brothers hat pleitegehen lassen - das war aus meiner Sicht der Auslöser. Das hat die Krise erst richtig befeuert. Wenn eine Top-Investmentbank mit funktionierendem Geschäftsmodell wie Lehman insolvent werden kann, bekommen die Menschen Panik.

SPIEGEL ONLINE: Wenn die USA Lehmann gerettet hätten, wäre uns das Schlimmste erspart geblieben?

Peters: Es wäre ein Signal gewesen, dass die Politik Banken dieser Größenordnung nicht pleitegehen lässt. Das hätte eine Hysterie verhindert. Nun ist es ungleich schwerer, Vertrauen zurückzugewinnen. Politik, Banken, Medien - alle müssen den Menschen jetzt klar machen, dass der Staat die Finanzinstitute und das Ersparte garantiert. Jeder kann sich sicher fühlen, keiner wird sein Geld durch Missmanagement verlieren: Diese Botschaft muss die Menschen erreichen.

SPIEGEL ONLINE: Bundeskanzlerin Merkel hat genau das schon vor einer Woche versprochen, trotzdem kam es zur Panik.

Peters: Ich bin überzeugt, dass die Anleger ohne dieses Versprechen wesentlich mehr Geld abgezogen und unter ihr Kopfkissen gelegt hätten. Es hätte schlimmer enden können. Dieses war der erste Teil zur Bewältigung der Krise.

SPIEGEL ONLINE: Wie können die Banken selbst wieder Vertrauen schaffen?

Peters: Wir brauchen jetzt volle Transparenz. Geschäftsmodelle müssen offen kommuniziert werden.

SPIEGEL ONLINE: Konkret braucht es ...

Peters: ... einen intensiven internen Austausch über Bilanzen, aber auch Klarheit nach außen. Selbst wir als nicht aktiennotierte Bank erwägen, künftig halb- oder vierteljährlich unsere Geschäftszahlen offenzulegen statt bisher jährlich. Wir haben nichts zu verheimlichen.

SPIEGEL ONLINE: Wenn man Ihre Geschäftszahlen anschaut, haben Sie in den vergangenen Jahren besser gewirtschaftet als die meisten Konkurrenten. Was haben Sie anders gemacht?

Peters: Meine Partner und ich haften mit unserem gesamten Vermögen. Das führt dazu, dass wir uns Risiken genauer ansehen. Wir waren nie im Subprime-Sektor engagiert.

SPIEGEL ONLINE: Wäre das auch ein Modell für größere Banken?

Peters: Sicherlich. Es kommt auf das Geschäftsmodell und das Renditeziel an. Unsere Haupteinnahmequelle ist die Dienstleistung am Kunden; so erwirtschaften wir eine deutlich zweistellige Eigenkapitalrendite und stellen dieses Jahr zehn Prozent mehr Mitarbeiter ein - momentan eher ungewöhnlich.

SPIEGEL ONLINE: Muss der Staat die Managerhaftung verschärfen?

Peters: Die Krise ist zu jung, um Endgültiges zu sagen. Aber ja, wir brauchen intensive Diskussionen. Alles muss auf den Tisch ...

SPIEGEL ONLINE: ... und am Ende wird man das bisherige Bankensystem nicht wiedererkennen?

Peters: Die Banken werden insgesamt weniger Risiken in Kauf nehmen. Man wird sich öfter fragen müssen: Welche Aussagekraft haben Ratings? Welche Geschäftsmodelle ergeben Sinn?

SPIEGEL ONLINE: Jetzt kommt erst mal die Krise nach der Krise. Welche Folgen werden die Probleme des Finanzsystems für die Realwirtschaft haben?

Peters: Sie werden deutliche Spuren hinterlassen, so viel steht fest.

Das Interview führte Susanne Amann

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