Zinsen, Kurse, Staatsanleihen Die Zuckungen der Zocker

Über Jahre haben die Notenbanken die Kurse an den Finanzmärkten aufgeblasen. Nun scheint diese Entwicklung an ihr Ende zu kommen. Steht die Wirtschaft vor dem nächsten Crash, diesmal an den Märkten für Anleihen?

EZB in Frankfurt: Naht der nächste Crash?
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EZB in Frankfurt: Naht der nächste Crash?

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Die Nervosität steigt. Die Kurse bröckeln, die Zinsen steigen. Was sich seit Wochen auf den Märkten für Staatsschulden abspielt, ist ohne Beispiel.

Nie in den vergangenen 40 Jahren waren die Kurszuckungen so heftig, selbst bei deutschen Staatsanleihen, die zu den sichersten der Welt zählen. Es gibt Tage, da schnellt die durchschnittliche Verzinsung sprunghaft nach oben, nur um kurz darauf wieder rapide zu fallen. In der zweiten Aprilhälfte stiegen die Zinsen um das Viereinhalbfache, in der abgelaufenen Woche immerhin um zehn Prozent. In der kommenden Woche stehen weitere Ausschläge bevor, wenn neue Konjunkturindikatoren für die Eurozone (Donnerstag) und für Deutschland (Freitag) veröffentlicht werden.

Dass von diesem Auf und Ab bislang so wenig im Alltag ankommt, liegt allein daran, dass die Zuckungen auf niedrigem Niveau stattfinden. Der 17. April war der Tag, an dem die durchschnittliche Verzinsung deutscher Staatsanleihen (die sogenannte Umlaufsrendite) so niedrig war wie nie zuvor: 0,05 Prozent. Gemessen daran sind die Zinsen zwar stark gestiegen. Aber aktuell liegen sie eben doch nur bei 0,5 Prozent im Schnitt. Eine Bundesanleihe, fällig am 15. August 2046 - also in mehr als 31 Jahren -, wirft lediglich 1,14 Prozent ab. Auch Hypotheken für private Bürger sind immer noch so billig wie nie, wie die Statistiken der Deutschen Bundesbank zeigen.

Die Ausschläge mögen heftig sein, aber sie finden so tief im Keller statt, dass die Auswirkungen auf die reale Wirtschaft kaum spürbar sind - bislang jedenfalls.

Es stellen sich zwei Fragen:

  • Warum ausgerechnet jetzt?
  • Und wie hoch werden die Zinsen noch steigen?

Dass die Zinsen gerade jetzt anziehen, liegt an den aufgehellten Konjunkturaussichten und am steigenden Ölpreis. Eine Kombination, die bei einigen Anlegern Befürchtungen geweckt hat, die Europäische Zentralbank (EZB) könnte ihr Anleihekaufprogramm vorzeitig beenden.

Dies ist der wahre Grund für die derzeitige Nervosität: Die westlichen Notenbanken haben die Märkte über viele Jahre aufgepumpt - nun ist unklar, wie es weitergeht.

Jahrzehntelang folgten die Zinsen einem Abwärtstrend (siehe Grafik). Spiegelbildlich stiegen die Kurse. Zunächst schien das gerechtfertigt. Doch dann trug die allzu üppige Geldversorgung durch die amerikanische Notenbank Fed, die EZB, die Bank von Japan und andere dazu bei, dass sich in den Nullerjahren die größte Kreditblase der Geschichte aufbauen konnte: Billiges Geld, niedrige Zinsen, steigende Kurse, steigende Schulden - bis in der Finanzkrise das Kartenhaus ins Wanken geriet.

Seither haben sich die Notenbanken alle Mühe gegeben, die Finanzstatik zu stabilisieren - indem sie noch mehr Geld unter die Leute brachten und die Zinsen noch weiter drückten.

Anleihen wurden immer teurer. Seit die EZB im Januar angekündigt hatte, bis Herbst 2016 mehr als eine Billion Euro an Anleihen aufzukaufen, gab es kaum jemanden, der noch auf fallende Kurse wetten mochte. Mit anderen Worten: Viele wollten Schuldscheine kaufen, aber nur wenige verkaufen.

Dieses Spiel geht solange gut, wie alle Welt darauf spekuliert, dass die EZB die Kurse immer höher treibt. Kommen Zweifel daran auf, so wie aktuell, kommt es zu wilden Ausschlägen - Zuckungen der Zocker.

Hier ist eine Vorhersage: Sollten die Zinsen stark steigen, wäre das der Auslöser für das nächste ökonomische Desaster. Dann würden reihenweise Unternehmen, Privatbürger und ganze Staaten in die Pleite rutschen.

Denn die Schuldenstände sind immer noch extrem hoch. Die Gesamtverbindlichkeiten von Staat, Unternehmen und Privatbürgern belaufen sich in Irland auf immer noch 400 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP), in Portugal auf 330 Prozent, in Spanien und Griechenland auf rund 300 Prozent, in Italien und Frankreich auf mehr als 250 Prozent (zum Vergleich Deutschland: 180 Prozent). In einigen Ländern ist eher die private Wirtschaft verschuldet (Irland, Spanien), in anderen eher der Staat (Griechenland, Italien).

Es sind die Folgen der Kreditblase der Nullerjahre. Durch die Sparmaßnahmen der vergangenen Jahre sind zwar die Schuldenberge etwas geschrumpft. Aber wenn es im bisherigen Tempo weitergeht, wird die wacklige Lage noch viele Jahre anhalten.

Hoch verschuldete Volkswirtschaften sind auf niedrige Zinsen angewiesen. Die Notenbanken, vor allem die EZB, werden deshalb alles daran setzen, einen starken Anstieg zu verhindern. Dass es zwischenzeitlich zu heftigen Anfällen von Nervosität kommt, können sie allerdings nicht unterbinden.


Die wichtigsten Wirtschaftstermine der kommenden Woche

MONTAG

BERLIN - Ratschläge aus Brüssel - EU-Währungskommissar Moscovici erklärt die wirtschaftspolitischen Empfehlungen für Deutschland.

MÜNCHEN - Kirch und kein Ende - Der Prozess gegen Deutsche-Bank-Co-Chef Fitschen, seine Vorgänger Ackermann und Breuer und zwei weitere Ex-Vorstände geht weiter - wegen versuchten Prozessbetrugs im Fall Kirch.

DIENSTAG

BERLIN - Frauen an Bord - Ministerin Schwesig stellt den diesjährigen "Women-on-Board-Index" vor, eine Untersuchung über den Frauenanteil in den Führungsetagen deutscher Konzerne.

MITTWOCH

LONDON - Kein Einstieg in den Ausstieg - Die Bank of England veröffentlicht das Protokoll ihrer geldpolitischen Sitzung von Anfang Mai.

WASHINGTON - Weiter Vollgas? Die US-Notenbank Fed veröffentlicht das Protokoll der Sitzung des Offenmarktausschusses vom 28./29. April.

FRANKFURT - Kurs halten - Tagung des EZB-Rats, mutmaßlich ohne dass geldpolitische Beschlüsse gefasst würden.

TOKIO - Wächst was? - Neue Zahlen zur wirtschaftlichen Entwicklung im ersten Quartal.

BERLIN - Industrielle aller Länder… - BDI-Chef Grillo hat seine Kollegen von den anderen großen Wirtschaftsverbänden in den G7-Staaten zum Treffen mit der Kanzlerin eingeladen; Deutschland leitet derzeit die G7-Gruppe.

DONNERSTAG

LONDON - Euro-Konjunktur - Neues von der Stimmung der Manager in der Eurozone.

SINTRA/Portugal - Zwischentöne - Zittrige Zocker werden genau hinhören, was EZB-Chef Draghi, Fed-Vize Stan Fischer oder Bank-of-England-Boss Carney beim Zentralbank-Forum der EZB (bis Samstag) sagen werden.

PEKING - Drache oder Bär - Die Großbank HSBC hat die Stimmung bei Chinas Industriemanagern gemessen.

FRANKFURT - Heikle Fragen - Neue Strategie, alte Verfehlungen - bei der Hauptversammlung der Deutschen Bank gibt es eine Menge zu bereden.

KÖLN - Digitale Dividende - Die Deutsche Telekom bittet zur Hauptversammlung.

FREITAG

MÜNCHEN - Weiter auf Kurs? - Veröffentlichung des wichtigsten Konjunkturbarometers für Deutschland, des Ifo-Geschäftsklimaindex, der zuletzt sportlich gestiegen ist.

TOKIO - Größtes Gelddruckprogramm der Geschichte - Der Gouverneursrat der Bank von Japan tagt.

SONNTAG

WARSCHAU - Spitzenjob -Stichwahl um das Präsidentenamt in Polen.

MONTAG (PFINGSTMONTAG)

Müllers Memo erscheint kommende Woche erst am Montag.

Zum Autor
  • Roland Bäge
    Henrik Müller ist Professor für wirtschaftspolitischen Journalismus an der Technischen Universität Dortmund. Zuvor arbeitete der promovierte Volkswirt als Vizechefredakteur des manager magazin. Außerdem ist Müller Autor zahlreicher Bücher zu wirtschafts- und währungspolitischen Themen. Für SPIEGEL ONLINE gibt er jede Woche einen pointierten Ausblick auf die wichtigsten Wirtschaftsereignisse der Woche.

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Seite 1
hubertrudnick1 17.05.2015
1. Zocken
Das Zocken nimmt kein Ende, ab und zu wird man gezwungen sein etwas ruhiger zu treten, aber dann geht es weiter, die Menschen werden nicht vernünftig, auch das Gejammere darüber wird nichts verändern. Die Finazgeschäfte kann man mit einer Zockerbude vergleichen, auch wenn es hin und wieder Zusammenbrüche geben wird, danach läuft es immer wieder weiter, so ist das nun mal auf unserer Welt.
zille92 17.05.2015
2. Martin Armstrong???
Das liest sich ja wie Werbung für den Film The Forecaster. Warum steigt dann der Goldpreis nicht rapide wie von Armstrong prognostiziert?
karljosef 17.05.2015
3. Nicht nur Anfang des Jahrtausends
bewegte sich der DAX auch immer nur in eine Richtung, kurz bevor es dann knallte. Danach konnte man viele dumme Gesichter sehen. Nicht nur bei den direkt betroffenen Aktionären sondern auch z.B. bei den Arbeitlosen...
Paddel2 17.05.2015
4. gefährlicher Populismus
Herr Müller, Ihnen muss doch klar sein, dass Sie mit populistischen Bezeichnungen wie "Zocker" ein gefährlich verzerrtes Bild des Bankenwesens in der Öffentlichkeit suggerieren. Gerade ein Mann Ihrer Qualifikation sollte darum bemüht sein, den Menschen die komplexe Materie realitätsnah zu vermitteln. Die meisten denken noch heute an anzugstragende gewissenlose Neureiche, die in den Glastürmen die Welt in den Ruin treiben. Wenn ich Stichworte wie MaRisk, SolvV oder Basel IV in den Raum werfe, was für das Verständnis der realen Zustände unumgänglich ist, bekomme ich nur ahnungsloses Achselzucken als Reaktionen. Werden Sie Ihrer Verantwortung gerecht und klären Sie die Menschen auf, dass es ein "Weiter so" gerade im Bankenwesen nicht gibt, statt weiter ein falsches Bild zu verbreiten.
Ein Dr. 17.05.2015
5. Martin Armstrong
Gratuliere, da hat ja noch jemand den Film "The Forecaster" gesehen! :-) Aber Vorsicht, als Professor darf man sich eine solche Meinung u.U. nicht mehr leisten!
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