Staatspropaganda: Deutsche Firma will turkmenische Diktatorenfibel vertreiben

Einige Unternehmen tun offenbar fast alles, um an lukrative Staatsaufträge zu kommen. Der Autokonzern DaimlerChrysler und die Zeppelin Baumaschinen GmbH betätigen sich beispielsweise als Übersetzer für den megalomanischen Diktator von Turkmenistan und machen sein "Buch des Geistes" deutschsprachigen Lesern zugänglich.

Turkmenistan: Statue für das Buch des Despoten
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Turkmenistan: Statue für das Buch des Despoten

Hamburg - Saparmurad Niyazov ist im zentralsasiatischen Turkmenistan allgegenwärtig. Das Staatsfernsehen zeigt das Konterfei von "Turkmenbashi dem Großen" ständig in einer Bildschirmecke. Im Stadtzentrum der Kapitale Aschkabad hat sich der "Präsident auf Lebenszeit" als güldene Statue von elf Metern Höhe verewigen lassen. Selbst die Monate sind nach Niyazov benannt.

Der nach eigener Einschätzung größte aller großen Turkmenen wirkt nicht nur als Politiker, er ist auch Schriftsteller und Poet. Wie bereits andere Diktatoren vor ihm hat Turkmenbashi seine Ansichten und Erkenntnisse in einem Buch niedergelegt. Das Runahma (etwa: "Buch des Geistes" gilt in seinem Heimatland als wichtigstes Schrifterzeugnis überhaupt. Kinder müssen es der Schule pauken, Erwachsene in ihrer Freizeit studieren. Regelmäßig wird der Inhalt des Ruhnahma in Tests abgeprüft.

Über den literarischen Wert des Buches kann man geteilter Meinung sein. Der turkmenische Staat hält alle anderen Literaturerzeugnisse für derart minderwertig, dass er seinen Bürgern kaum noch etwas anderes als das Ruhnahma zu lesen gibt, von ein paar Gedichtessammlungen des Präsidenten einmal abgesehen. Die Bibliotheken des Landes hat der Diktator, dessen Profilneurose und Herrschaftsstil stark an den nordkoreanischen "Lieben Führer" Kim Jong Il erinnern, kürzlich schließen lassen. Ein von der "Washington Post" befragtes Mitglied des Schriftstellerverbandes PEN kommt zu einem anderen Urteil. Niyazovs Schriften seien "unübersetzbares Gefasel", so Alexander Tkatschenko.

Neues Geschäftfeld für Großkonzerne

Das sehen etliche Unternehmen, darunter mindestens zwei deutsche, offenbar ganz anders. Vom Ruhnahma existieren bereits an die 30 internationale Versionen, zum Beispiel eine englische, italienische und eine deutsche. Um das vermeintliche Buch der Bücher zu übersetzen, muss man nicht einmal Linguist sein, wie die "Washington Post" herausfand. Nach einem Bericht der Zeitung haben sich gleich mehrere Industrieunternehmen der Übersetzungsaufgabe angenommen, um ihrem Geschäftspartner Turkmenbashi einen Gefallen zu tun.

Zum Beispiel DaimlerChrysler. Der Autokonzern bestätigte gegenüber dem Blatt, dass Angestellte des Unternehmens das erste Ruhnahma-Buch übersetzt hätten. Im November 2003 hätten die Stuttgarter die deutsche Version der Diktatorenfibel veröffentlicht. Bei DaimlerChrysler Chart zeigen stand zunächst niemand für eine Stellungnahme gegenüber SPIEGEL ONLINE zur Verfügung.

Ruhnama-Screenshot: Das Gedankengut des Potentaten ist auch im Web erhältlich

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Der zweite Teil wurde laut "Post" von der Zeppelin Baumaschinen GmbH übersetzt. Das Unternehmen wolle Niyazovs Schrift demnächst auch in Deutschland vertreiben. Weitere Details zum Interesse des Maschinenbauers an totalitärer Literatur waren zunächst nicht zu erhalten. Mitglieder der Geschäftsführung sind nach Angabe eines Sprechers zurzeit nicht im Hause, die zuständige Pressesprecherin ist gar in ein entlegenes Land verreist, in dem sie "per Telefon gar nicht zu erreichen ist".

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