Stahlträger-Absturz Berlins Pannen-Bahnhof - künftig ab Windstärke acht geschlossen

So teuer, so anfällig: Nachdem "Kyrill" zwei Stahlträger abriss, will die Bahn den Berliner Hauptbahnhof vorerst bei jedem stärkeren Wind schließen. Die Zwei-Tonnen-Elemente an der Fassade sind nicht verschweißt. Oppositionspolitiker schimpfen über Schlamperei bei Bahn und Bauleitung.


Hamburg/Berlin – Hartmut Mehdorn nahm's locker. Als der Bahn-Chef gegen Mittag den Schadensfall Hauptbahnhof inspizierte, gab er zu Protokoll, der ganze Vorfall sei "natürlich schade". Der "Bahnhof ist schön, er ist zweckmäßig, er hat in den letzten zwölf Stunden geschwächelt", stapelte der Manager tief.

Viele andere teilten Mehdorns Gelassenheit nicht. Vor allem nicht Politiker der Grünen und der FDP, die eh nicht gut auf den Schienenkonzern und dessen Management zu sprechen sind. Dass in der Sturmnacht ein Zwei-Tonnen-Stahlträger von der Fassade des neuen Hauptbahnhofes auf die Freitreppe herabgekracht und ein zweiter Träger angerissen sei – das sei ein Beleg für Pfusch, erklärten die Grünen.

Deren Berliner Fraktion empörte sich über ein "nicht hinnehmbares Versagen Mehdorns und der zuständigen Bauüberwachung." Und weiter: "Herrn Mehdorn geht Schnelligkeit vor Sorgfalt, Prestige vor Sicherheit."

Nicht ganz so drastische Töne kamen von der FDP-Fraktion in Berlin. Sie ließ erklären, der Hauptbahnhof sei die "Achillesferse" des Schienverkehrs, sowohl in Berlin als auch überregional.

Bahn-Sprecher: Träger lagen nur auf

Bahn-Sprecher Michael Baufeld bestätigte SPIEGEL TV, dass die tonnenschweren Träger nicht befestigt waren: Aus architektonischen Gründen lagen sie nur auf kleinen Verstrebungen. "Das heißt, sie sind nicht verschweißt, nicht verschraubt", sagte der Sprecher. Begründung: "Diese Stahlkonstruktion braucht Bewegungsraum." Bis auf weiteres soll der Bahnhof jedes Mal geschlossen werden, sobald der Wind Stärke acht erreicht, kündigte die Bahn an. Der Vorzeigebau war erst vor acht Monaten eröffnet worden und hatte eine Milliarde Euro gekostet.

Trotz der fehlenden Befestigung zeigte sich das Bahn-Management überrascht von dem Unfall. Er sei das "letzte, womit wir gerechnet haben", sagte Mehdorn bei seinem Ortstermin. Er werde den Architekten und die Statiker des Gebäudekomplexes noch beschäftigen. "Die werden sich ein genaues Bild von den Umständen machen müssen." Mehdorn versicherte: "Wir werden alles tun, dass so etwas nicht wieder passiert."

Der Bahnhofsarchitekt Meinhard Gerkan wies am späten Nachmittag eine Mitschuld an dem Unglück zurück. Sicher sei, "dass das Architekturbüro von Gerkan, Marg und Partner an diesem Unglück kein Verschuld hat", hieß es in einer schriftlichen Mitteilung. Es habe sich "entweder um einen Fehler der Statik, der Bauausführung oder der Bauüberwachung" gehandelt.

Gerkan und Mehdorn liegen wegen des Prestigebaus im Clinch, weil auf Anordnung Mehdorns das Glasdach im Untergeschoss nur in verkürzter Form realisiert wurde. In dem öffentlichen Streit hatte der Architekt gerichtlich Nachbesserungen durchgesetzt.

Die abgestürzten Stahlträger gehören zu einem von zwei hoch aufragenden Bürogebäuden am Bahnhof. Diese sogenannten Bügelbauten, zwischen denen das gläserne Dach über den oberirdischen Gleisen verläuft, waren Ende Juli 2005 in einem weltweit einmaligen Verfahren angebracht worden. Dabei wurden zwei 1250 Tonnen schwere Stahlskelette über dem Glasdach montiert.

Unglückstouristen: "Ich bin extra hergefahren"

Tausende Menschen verfolgten damals, wie die Bauteile ähnlich einer Klappbrücke im Zeitlupentempo von der Senkrechten in die Waagerechte aufeinander zukippten. Nach rund 21 Stunden war die spektakuläre Montage erfolgreich beendet.

Die Ankündigung Mehdorns, der Verkehr im Bahnhof werde ab 12 Uhr wieder rollen, erwies sich als voreilig: S-Bahnen fuhren ab 13.15 Uhr wieder, der Fernzugverkehr wurde erst danach wieder aufgenommen. Es gebe noch Verspätungen, die Lage normalisiere sich aber, teilte die Bahn am frühen Abend mit. Rund 14 Stunden lang waren Fernzüge auf andere Bahnhöfe umgelenkt worden. S-Bahn-Passagiere mussten in Busse umsteigen.

Bis zum frühen Nachmittag war das Gelände um den Hauptbahnhof abgesperrt. Viele Fahrgäste reagierten genervt. "Ich bin schon zwei Stunden zu spät, und jetzt lassen sie mich noch nicht mal zu meinem Fahrrad", sagte Steffen Zapnik. Er wolle zur Arbeit, und sein Fahrrad stelle er immer am Hauptbahnhof ab. Jetzt werde er sich wohl ein Taxi nehmen müssen, sagte er ungehalten.

Der 16-jährige Mieszko Schaar fand den Schadensfall dagegen spannend. Er versuchte ausdauernd, mit seiner Digitalkamera den abgestürzten Träger zu filmen, der auf der Treppe lag. Schaar sagte: "Ich habe davon im Radio gehört und bin extra aus Steglitz hergefahren, um alles aufzunehmen."

itz/AP/ddp/dpa



insgesamt 589 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
DJ Doena 26.05.2006
1.
@sysop: Langsam wirds unübersichtlich: 2 identische Themen am gleichen Tag? http://forum.spiegel.de/showthread.php?t=491 Schon für den ersten Thread scheint sich ja niemand außer mir interessieren zu können. ;-)
österreicher, 26.05.2006
2. Gigantismus UND Wunderwerk!
Der hamburgische Starachitekt, Meinhad von Gerkan, hat mit dem neuen Berliner Hauptbahnhof sowohl dem typisch-berlinerischen, preußisch-wilhelminischen Gigantismus gehuldigt, als auch ein architektonisches "Wunderwerk" geschaffen. Was von Gerkan mit den Flughafenbauten in Hamburg und Stuttgat begonnen hat, das hat er in Berlin mit dem grandiosen Hauptbahnhofsgebäude vollendet. Schade, dass die Kleingeister innerhalb der Deutschen Bahn und im Berliner Senat dem großartigen Entwurf von Gerkans nicht voll gefolgt sind.
DrKnow 26.05.2006
3. Wer kann das ertragen?
Ich fahre jeden Tag an dem Ding vorbei und kann mir ehrlich gesagt kein 'urbanes Umfeld' vorstellen, welches so ein Ding ertragen kann. Erinnern möchte ich in dem Zusammenhang an Monstren wie den Bahnhof in Rom, an das Riesenrad in london oder das Expo Gelände in Hannover. Keine Integration stattgefunden, sie stehen immer noch wie von Ausserirdischen dort gelandet an ihren jeweiligen Plätzen - und so wird es bis in alle Ewigkeit sein.
bfr123 26.05.2006
4. Gigantismus?
Sicher, der neue Hauptbahnhof hat etwas gigantisches - aber das ändert nichts an der Notwendigkeit dieses Bauwerks. Kritiker die jetzt den "Tod" des Bahnhofs Zoo betrauern sollten sich daran erinnern, dass er bei der ursprünglichen Planung vor ca 120 Jahren auch nichts weiter als ein Regionalbahnhof war. Der Kreis schliesst sich einfach nur. Das Herr Mehdorn kein ästetisches Empfinden besitzt ist nichts neues, dies erleben wir als Bahnkunden jeden Tag. Zum Beispiel der Umbau der neuen "alten" ICE 1 Züge. Die Sitzabstände nähren sich auch in der ersten Klasse immer mehr den Sitzabständen in der "Holzklasse" der Billigflieger an - der Unterschied ist lediglich der Fahrpreis, der steht im Gegensatz zur Bahn nämlich wenigstens in einer vernünftigen Relation zum Platzangebot. Und noch eines sei bemerkt: Der Bau des gesamten Empire State Buildings in New York Anfang der 30er Jahre des letzten Jahrhunderts, immerhin damals das grösste Gebäude der Welt, dauerte von der Grundsteinlegung bis zur Eröffnung gerade einmal 11 (in Worten: elf!) Monate. Der Berliner Hauptbahnhof dagegen dauerte 11 (in Worten: elf!) J a h r e!! Es lebe der Fortschritt - aber ich freue mich trotzdem auf den neuen Bahnhof!
axelanne, 26.05.2006
5. Angemessen
Berlin ist nun einmal die Hauptstadt Deutschlands geworden, nachdem Bonn dafür eine horrende Ablösesumme erhalten hatte. Die (halbe) Regierung ist hier und auch das Parlament, der Deutsche Bundestag und vieles mehr. Berlin wird inzwischen weltweit für eine Metropole gehalten, und das ist zutreffend.. Da mußte folgerichtig auch ein neuer Hauptbahnhof her. Der ist nun gelungen, insbesondere architektonisch und eisenbahnverkehrstechnisch. Wir danken der Deutschen Bahn und ganz besonders dem Bauleiter Herrn Hany Azer, der zuerst die Spree unterquerte, um dann einen solch gelungenen neuen Berliner Hauptbahnhof darüber zu setzen. Hoffentlich nimmt Herr Azer sich jetzt eine Ruhezeit, díe er verdient hat.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.