Standort-Ranking Der Glanz des Westens verblasst

Das Studienergebnis ist bitter: Laut einem Standortranking von Ernst & Young schätzen Investoren vor allem Schwellenländer und Osteuropa, Deutschland wird dagegen immer unbeliebter. Noch düsterer sieht es im übrigen Westeuropa aus - die weltweiten Gewichte verschieben sich.

Von Corinna Kreiler


Hamburg - Vielleicht wird bald "Westalgie" in Deutschland einkehren - die Sehnsucht nach einer Ära, als Deutschland und die westlichen Industrienationen noch unangefochten an der Spitze standen. Diese Zeiten sind vorbei, wie eine aktuelle Studie zeigt.

Industrie in Gelsenkirchen: Schwellenländer sind attraktiver
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Industrie in Gelsenkirchen: Schwellenländer sind attraktiver

Im Standort-Ranking der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young steht es schwarz auf weiß: Von 834 befragten internationalen Unternehmen betrachten die meisten China als weltweiten Top-Standort. Dahinter liegen Indien, Russland, die USA und Polen. Erst dann folgt Deutschland. Nur noch zehn Prozent der Befragten bezeichneten die Bundesrepublik als erstklassigen Wirtschaftsstandort - im Jahr zuvor waren es noch 18 Prozent. Großbritannien und Frankreich kommen in der Liste überhaupt nicht mehr vor.

Dass Deutschland plötzlich von Polen überholt wird, überrascht Experten nicht: "Polen ist ein großer Markt mit hohem Wachstum und dank der EU auch mit geringem Risiko", sagt Michael Derrer, Geschäftsführer der Schweizer Beratungsgesellschaft Ascent, die sich auf Osteuropa spezialisiert hat. Außerdem sind die Löhne dort niedrig, der Arbeitsmarkt ist viel weniger reguliert als in Deutschland, und die Menschen sind hervorragend ausgebildet. Das alles zieht ausländische Investoren an.

Ein weiterer Vorteil: das Geld der EU. 60 Milliarden Euro werden nach Angaben des Experten im Laufe der Jahre fließen. "Das schafft natürlich Anreize", sagt Derrer.

Deutschland tut sich dagegen schwer: Arbeit ist hierzulande teuer und das Arbeitsrecht gilt als unflexibel. Aber immerhin ist die Bundesrepublik als einziges westeuropäisches Land auf der Liste überhaupt unter den ersten zehn. "Die gute konjunkturelle Entwicklung hierzulande hat wohl bewirkt, dass die Befragten einige Standort-Vorteile in Deutschland wahrgenommen haben", sagt Michael Bräuninger vom Hamburger Wirtschaftsforschungsinstitut HWWI.

Die beliebtesten Standorte der Welt

Land Stimmenanteil als Top-Standort*
China 47 %
Indien 30 %
Russland 21 %
USA 18 %
Polen 14 %
Deutschland 10 %
Brasilien 10 %
Japan 7 %
Tschechische Republik 5 %

*Insgesamt befragte Ernst & Young 834 Unternehmen, welches Land sie am attraktivsten finden. Mehrfachnennungen waren möglich.

Aber nicht nur Westeuropa wird für ausländische Investoren immer unattraktiver, auch die USA haben schwer zu kämpfen: Immobilienkrise, Finanzkrise und die drohende Rezession schrecken Investoren ab. Schätzten im vergangenen Jahr noch 33 Prozent aller Befragten die USA als Top-Standort ein, waren es 2008 nur noch 18 Prozent. Dafür taucht unter den ersten drei Staaten zum ersten Mal keine der etablierten Industrienationen auf.

Für Bräuniger vom HHWI besteht dennoch kein Grund zur Panik: "Deutschland leidet ja auch nicht darunter, dass Frankreich oder die USA reiche Länder sind, es bringt Vorteile." Genauso verhalte es sich auch mit Polen oder Russland - je wohlhabender diese Länder sind, desto eher stehen sie als Handelspartner zur Verfügung. Nicht umsonst ist Deutschland Exportweltmeister. Allerdings müssen die Deutschen damit rechnen, dass Produktionsstandorte ins Ausland verlagert werden - wie bei Nokia, das sein Bochumer Handy-Werk nach Rumänien abzog.

Die internationale Konkurrenz verändert die Arbeitswelt und die Gesellschaft in der Bundesrepublik nachhaltig. "Es sind vor allem Hochqualifizierte gefragt, die hochspezialisierte Produkte fertigen", sagt Bräuninger. Menschen, die nur schlecht ausgebildet sind, fallen durchs Raster. Für sie gibt es immer weniger Jobs. "Langfristig führt das dazu, dass die Einkommensschere weiter auseinander geht", sagt Bräunigner.

Seiner Ansicht nach gibt es für Deutschland nur einen Ausweg, um sich international zu behaupten: Bildung. "Wir müssen den Wettbewerb annehmen," sagt er. Verhindern können die Deutschen ihn ohnehin nicht.



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