Standort-Ranking "Jena ist das München des Ostens"

Dresden boomt, Leipzig auch - aber insgesamt ist es um den Osten wirtschaftlich miserabel bestellt, so der Prognos-Zukunftsatlas. Und die Gegensätze werden noch krasser, sagt Autor Peter Kaiser. Schwache Gebiete müsse man stabilisieren - und in die Boomregionen richtig Geld stecken.


SPIEGEL ONLINE: Herr Kaiser, der Zukunftsatlas 2007 zeigt deutlich: Der Gegensatz zwischen Boom-Städten und schwachen Regionen wird immer krasser, vor allem in Ostdeutschland. Wie stark unterscheiden sich die Lebensverhältnisse der Menschen?

Kaiser: Nehmen Sie die mit Abstand stärkste Region in Deutschland - den Ballungsraum München - und Uecker-Randow in Mecklenburg-Vorpommern: Das ist ungefähr so wie Mailand und Sizilien.

Prognos-Experte Kaiser: "München und Uecker-Randow - das ist wie Mailand und Sizilien"
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Prognos-Experte Kaiser: "München und Uecker-Randow - das ist wie Mailand und Sizilien"

SPIEGEL ONLINE: Was läuft falsch in Deutschland?

Kaiser: Nichts läuft falsch. Es gibt einfach einige Regionen, die strukturschwach sind und das auch bleiben werden. Das muss man akzeptieren. An dieser Tatsache werden auch gigantische Infrastrukturinvestitionen nichts ändern.

SPIEGEL ONLINE: Sie geben die strukturschwachen Gebiete verloren?

Kaiser: Nein, natürlich nicht. Man muss schon darum bemüht sein, die Lage dort zu stabilisieren. Indem man die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen stärkt beispielsweise. Aber Gelder für Kultur oder auch Wissenschaft sollten tatsächlich nur in Wachstumsregionen fließen, dort zeigen sie mehr Wirkung. Die Schere zwischen starken und schwachen Regionen wird deshalb weiter aufgehen, weil die starken Städte noch mehr boomen werden, nicht weil es den schwächeren Regionen noch schlechter geht.

SPIEGEL ONLINE: Aber der neue Zukunftsatlas straft doch genau diese Theorie Lügen, dass Boomregionen das schwache Umland mitreißen können.

Kaiser: Das stimmt so nicht. Nehmen sie München - der Boom in der Stadt hat sich nach und nach auf die Umgebung ausgebreitet, so dass eigentlich bis hin nach Nürnberg und Regensburg eine durchgehend sehr starke Region entstanden ist.

SPIEGEL ONLINE: Aber die Boomstädte im Osten sind teils umgeben von den wirtschaftlich tristesten Gebieten im ganzen Land.

Kaiser: Die Wachstumskerne in den neuen Bundesländern hatten auch viel weniger Zeit, sich zu entwickeln. Einige haben sehr wohl die Kapazitäten, das Umland mitzureißen. Natürlich sind die Bedingungen extrem schwierig: Schon allein, weil so viele qualifizierte Arbeitskräfte in die stärkeren Regionen abwandern. Aber ich würde mit Blick auf die neuen Bundesländer nicht so schwarz malen: Die größte Überraschung war für uns Forscher doch das hervorragende Abschneiden einiger ostdeutscher Städte wie Potsdam oder Dresden. Die zehn Regionen, die in den letzten Jahren am meisten zugelegt haben in unserem Ranking, liegen in den neuen Bundesländern.

SPIEGEL ONLINE: Die große Überraschung war Greifswald: Die Stadt hat innerhalb von drei Jahren 224 Plätze gut gemacht. Wie ist so etwas möglich?

Kaiser: Greifswald hat stark im Bereich der medizinischen Forschung und Entwicklung zugelegt. Da gibt es etwa das Max-Planck-Institut für Plasmaphysik und grade wird die modernste Uniklinikik in Deutschland gebaut. Natürliche wurden auch entsprechend öffentliche Gelder in die Entwicklung der Stadt gepumpt.

SPIEGEL ONLINE: Wäre das nicht eine mögliche Blaupause für andere schwache Gebiete? Man könnte doch in anderen zurückgebliebenen Regionen mit Hilfe öffentlicher Gelder Forschungseinrichtungen und Entwicklungszentren bauen?

Kaiser: In Greifswald steht eine der angesehensten medizinischen Universitäten Deutschlands, die eine lange Geschichte hat. Das ist eine Historie und auch ein Image das man nutzen kann. Aber man kann nicht einfach an jeden x-beliebigen Ort eine wissenschaftliche Einrichtung hinsetzen, ohne diese an irgendwelche Netzwerke anzubinden. Face-to-face-Kontakte etwa zwischen Industrie und Forschungseinrichtungen sind immer noch extrem wichtig - trotz aller modernen Kommunikationsmethoden. Vertrauen lässt sich nicht per Video-Konferenz aufbauen.

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SPIEGEL ONLINE: Wenn Sie das München der neuen Bundesländer nennen müssten, welche Stadt wäre das?

Kaiser: Jena - auch wenn es natürlich nicht die Größe hat. Aber dort ist neben Jenoptik auch jede Menge innovative Forschung beheimatet: Bioanalyse, Lasertechnik. Dresden ist bestimmt auch ein wichtiger Wachstumsmotor, wobei da vor allem ausländische Chiphersteller wie AMD und Infineon vertreten sind, die nicht von Deutschland aus gesteuert werden.

SPIEGEL ONLINE: Sind die Boom-Städte im Osten zu abhängig von einzelnen Großunternehmen wie Jenoptik oder aber AMD?

Kaiser: Es wäre schlimmer für Wolfsburg, wenn VW zumachen würde, als für Dresden, wenn AMD sich zurückziehen würde. In Dresden arbeiten nur um die zehntausend Menschen in der Chipbranche, dort gibt es auch viele Forschungs- und Entwicklungsdienstleister. Im Bereich Biotechnologie etwa. Das wissen allerdings die wenigsten - was auch die Crux an der Sache ist. Denn das Image einer Region ist sehr wichtig, und wenn die Chipindustrie Kapazitäten aus der Gegend abziehen würde, wäre die Außenwirkung fatal.

SPIEGEL ONLINE: Könnte eine ostdeutsche Stadt in einigen Jahren oder Jahrzehnten vielleicht Stuttgart oder München in ihrem Atlas überholen?

Kaiser: Das wiederum halte ich für unwahrscheinlich. Der Raum Oberbayern etwa ist unglaublich stark und die Industrie dort super-diversifiziert. Dort gibt es IT, dort gibt es Automobilbau und Biotechnologie. Da ist der Vorsprung einfach zu groß.

Das Interview führte Anne Seith.



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