Standortranking: WM bringt Deutschland nach vorn

Von

Die Aufholjagd ist beeindruckend. Noch vor wenigen Jahren rangierte Deutschlands Ansehen als Investitionsstandort bei den Top-Managern unter ferner liefen. Inzwischen ist der Standort wieder unter den Top-Fünf der Welt - nicht zuletzt dank der Fußball-WM.

Frankfurt am Main - Die Unkenrufe des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung kann Peter Englisch, Partner bei der Wirtschaftsprüfergesellschaft Ernst & Young nicht so recht nachvollziehen. Einen Gesamtumsatz von lediglich rund 500 Millionen Euro hatten die DIW-Experten im direkten Zusammenhang mit der Fußball WM im vergangenen Jahr errechnet - volkswirtschaftlich betrachtet ist eine solche Summe kaum eine Fußnote wert.

Den simplen statistischen Zahlen hatte Englisch bislang nicht viel entgegenzusetzen. "Wir waren zwar von Anfang an sicher, dass eine rein buchhalterische Betrachtungsweise zu kurz greift und dass der Effekt wesentlich größer ist", sagt der Wirtschaftsprüfer, "aber eine Veränderung von Stimmungen und Image ließ sich bislang schwierig beziffern".

Eine von Ernst & Young in Auftrag gegebene Studie, die Englisch heute vorstellte gibt, ihm jetzt viel bessere Argumente an die Hand. Zwar gewinnen in dem weltweiten Standortranking Wettbewerber wie Indien, China oder Russland zunehmend an Boden. So steht erstmals China auf dem ersten Platz vor den USA, Indien und Deutschland. Aus Sicht internationaler Manager haben aber von den europäischen Nationen gerade Deutschland und Großbritannien ihre Anziehungskraft bewahrt. Wie im Vorjahr bezeichneten 18 Prozent von ihnen Deutschland und 11 Prozent das Vereinigte Königreich als jeweils eines der drei attraktivsten Länder der Welt. Polen fiel dagegen von 15 Prozent auf 11 Prozent zurück, Frankreich und Spanien fallen aus der Liste der Top Ten. Russland, 2006 noch nicht dabei, erobert mit 12 Prozent den fünften Platz, und Brasilien zieht neu in die globale Spitzenliga ein.

Nach Einschätzung von Englisch kann sich das Ergebnis sehen lassen. Das Signum "Made in Germany" glänze wieder – es stehe für hohe Qualität und zuverlässige Produkte.

WM maßgeblich am Imagewandel beteiligt

Und was hat das mit der WM zu tun? "Die Art und Weise, wie Deutschland sich der Welt während der WM präsentierte, hat einen entscheidenden Anteil an dem Imagewandel, den wir verzeichnet haben", erklärt Englisch. Vor allem die Weltoffenheit, Fröhlichkeit und Gastfreundlichkeit seien in Erinnerung geblieben. Daneben hätten die Entscheider aber auch die gute Organisation und die erstklassige Infrastruktur registriert.

Das seien eher weiche Faktoren als harte Fakten, räumt der Berater ein. Doch Wirtschaft sei eben zum großen Teil Psychologie. Neben den reinen Kostenfragen spielten solche Aspekte deshalb eine entscheidende Rolle, wenn es um Standortentscheidungen gehe.

Den Beleg liefert Englisch gleich mit: Der Umfrage zufolge rangieren Lebensqualität und eine gute Infrastruktur ziemlich weit oben, wenn Entscheidungen für Investitionen zu treffen sind. Und die Staaten Westeuropas - insbesondere Deutschland - schlagen in diesen Disziplinen alle anderen Nationen.

Wertschätzung führt zu Investitionen

"Die höhere Wertschätzung hat sich, zumindest teilweise, auch in den Plänen der Unternehmen bezüglich konkreter Investitionen niedergeschlagen", heißt es denn auch in der Studie. So erwägten 28 Prozent der im Rahmen der Befragung interviewten Manager, ihre Aktivitäten in Deutschland auszuweiten. Im Jahr zuvor hätten lediglich 22 Prozent auf diese Frage mit Ja geantwortet. Das Renommee Deutschlands kommt auch in der Antwort auf die Frage zum Ausdruck, welche Staaten als Konkurrenten im weltweiten Standort-Wettbewerb gelten könnten. Mit deutlicher Mehrheit werden hier die Spitzenreiter des Rankings genannt.

Fußball-WM-Begeisterte (in Berlin): Entscheidender Anteil am Imagewandel
DPA

Fußball-WM-Begeisterte (in Berlin): Entscheidender Anteil am Imagewandel

Doch trotz aller Genugtuung über die positive Entwicklung: Die Warnsignale seien auch nicht zu übersehen, betont Englisch. So würde zwar nach wie vor die hohe Qualifikation der Arbeitnehmer geschätzt. Doch Deutschland habe im vergangenen Jahr in diesem Punkt noch bessere Noten erhalten. Dies gelte auch für die Bewertung von Forschung und Entwicklung, die etwas schwächer ausgefallen sei als 2006.

"Noch ist die Lage in Forschung und Entwicklung kein akutes Problem, aber man wird daran arbeiten müssen, dass es nicht eines wird", mahnt Englisch. Deutschlands Position als Qualitäts- und Innovationsführer sei nicht in Stein gemeißelt.

Zukunftsaufgabe: Bildung und Forschung

Zu einem erheblichen Problem für den Standort Deutschland kann nach Einschätzung von Englisch der sich abzeichnende Ingenieurmangel werden. Deutschland stehe im Ausland für Qualität, Teamgeist und Effizienz: Diese Stärken müssten weiter ausgebaut werden. "Das heißt zuallererst: mehr Investitionen in Bildung und Ausbildung der Arbeitskräfte." Zu den Schwächen des Standortes Deutschland zählen aus Sicht der Befragten eine mangelnde Flexibilität des Arbeitsrechts, hohe Arbeitskosten und die Besteuerung von Unternehmen. Englisch betonte aber auch: "Niedrige Löhne sind nicht allein ausschlaggebend bei der Standortwahl. Billig ist nicht automatisch gut - das wissen auch die Investoren."

Mit dem Lohngefälle sei das ohnehin so eine Sache. Gerade die Staaten in Osteuropa hätten auf diesem Gebiet bereits stark aufgeholt. Für China und Indien sei eine solche Entwicklung zurzeit zwar noch nicht absehbar, aber auch hier zeigten die boomenden Wirtschaftsregionen, dass niedrige Löhne nicht dauerhaft niedrig bleiben müssten.

Und noch ein Aspekt spreche für Deutschland: "Wir haben viele Lektionen bereits gelernt, die andere noch vor sich haben", erklärt Englisch. Für die Probleme des Sozialstaats, der Umwelt und der Demografie seien immerhin Lösungen angedacht, die in anderen Ländern noch vollkommen ausgeblendet würden. "Das wichtigste aber ist, dass wir uns dieser Stärken allmählich bewusst werden."

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wirtschaft
Twitter | RSS

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
Fotostrecke
Standortranking: Deutschland weit vorne