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Start-ups: Der Butler kommt per SMS

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SMS-Dienst GoButler: Für alles, was man eigentlich auch selbst erledigen könnte Zur Großansicht
GoButler/ Navid Hadzaad

SMS-Dienst GoButler: Für alles, was man eigentlich auch selbst erledigen könnte

Eine Pizza oder Bahnfahrkarte per SMS kaufen? Gleich mehrere Start-ups sehen darin das Geschäft der Zukunft. Eines davon kommt von Aussteigern der Internet-Kopiermaschine Rocket Internet.

Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Eine Wohnung im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg: Im fünften Stock sitzt ein Dutzend junger Leute um einen Tisch herum. Es gibt Cola aus der Dose, alle haben einen Laptop vor sich. Keiner hier ist älter als 30 Jahre.

Das Start-up "GoButler" gibt es gerade mal eine Woche, und schon landen im Minutentakt Anfragen per SMS auf den Rechnern. Das Prinzip ist simpel: Ohne große Anmeldeformalitäten kann jeder seine Wünsche per Kurznachricht an das Team schicken. Dort wird via Google recherchiert und bestellt: Es werden Pizzen geordert, Flüge gebucht und Tische in Restaurants reserviert. Ein SMS-Schreiber aus Schwalbach wünscht einen Döner nach Hause, zeitgleich geht die Kurznachricht eines Zwanzigjährigen ein, der spontan mit seiner Freundin verreisen möchte. Vor ein paar Stunden hat jemand aus Hamburg einen Dell-Laptop bestellt, Kostenpunkt 1046 Euro. Ein Gast des Hyatt Hotels am Berliner Potsdamer Platz orderte Zigaretten aufs Zimmer - das Team kontaktierte den irritierten Concierge.

Jede Anfrage wird manuell beantwortet, binnen 15 Minuten soll sie bearbeitet sein. Bezahlt wird per PayPal, der Besteller bekommt einen Link zur Rechnung - ebenfalls per SMS. Im Grunde genommen hilft "GoButler" bei allen Dingen, die man via Internet auch problemlos selbst erledigen könnte, aber gerade keine Lust dazu hat.

Concierge-Dienste wie "GoButler" sind gerade ein Smartphone-Trend, schon vor einiger Zeit startete in den USA eine Anwendung namens "Magic", in München gründete sich gerade das Start-up "Doido". Die Dienste verzichten bewusst auf eine eigene App und nutzen stattdessen schlicht die SMS-Funktion eines Telefons. Der Butler-Dienst von "Doido" heißt "James, bitte" und akzeptiert auch Anfragen per WhatsApp. Bisher ist die Firma nur in der bayerischen Landeshauptstadt aktiv. Dann gibt es noch Dienste wie Sixtyone, sie setzen auf eine eigene App und verlangen eine Mitgliedsgebühr von knapp zehn Euro monatlich - allerdings ist der Dienst nur bis 18 Uhr erreichbar. Dafür behaupten die Macher, auch bei der Änderung eines Handyvertrags behilflich zu sein und sich bei Restaurantreservierungen als persönlicher Assistent vorzustellen.

"GoButler" ist die wohl dreisteste Kopie des US-Vorbilds "Magic", sogar die Webseiten sehen ähnlich aus. Im Nebenzimmer, eigentlich das Zuhause einer WG-Mitbewohnerin, die gerade verreist ist, sitzen zwei junge Männer auf dem Bett, ein dritter auf einem Sideboard. Sie haben "GoButler" binnen wenigen Tagen gegründet, der Dienst arbeitet neben Deutschland bereits in Großbritannien, Österreich und der Schweiz. Alle drei arbeiteten für Rocket Internet, der Groß-Inkubator um den für seine schroffe Schnelligkeit bekannten Internet-Milliardär Oliver Samwer. Jens Urbaniak, 29, und Maximilian Deilmann, 25, haben erst am Dienstag dort gekündigt.

Die Idee für den SMS-Butler-Dienst hatte Navid Hadzaad, 26. Er baute zuletzt ZipJet mit auf, eine Textilreinigung, bei der man die Abholung seiner Oberhemden per Smartphone organisieren kann. "Ich habe die Idee mit dem SMS-Butler in New York gesehen und wollte sie nach Deutschland holen", sagt Hadzaad. Sein Team stand schnell fest, die drei Gründer kennen sich seit Jahren; zwei von ihnen gingen gemeinsam auf das Elite-Internat Louisenlund in Schleswig-Holstein.

Kann das Konzept aufgehen?

Hinter den Computern hocken nun Freunde und Bekannte des Trios, sogar die Lebensgefährtin von Navid Hadzaad muss mitmachen. Potenzielle Geldgeber wurden in dem nur leidlich aufgeräumten Mädchenzimmer inmitten von Schuhen mit hohen Absätzen und herumliegender Kleidung empfangen. "Die finden das cool", glaubt Jens Urbaniak. Schließlich stelle man sich doch so ein echtes Berliner Start-up vor. Die erste Finanzierungsrunde stehe bereits, versichert das Trio: Ein Konsortium aus dem Gründer Jan Beckers (Hitfox), Gunther Schmidt (ekomi) und Cherry Ventures (ein Fonds der Zalando-Erfinder) hätte einen angeblich sechsstelligen Betrag Startkapital gegeben. Angeblich habe die Bewertung bereits bei einer "niedrigen, siebenstelligen Summe" gelegen, behauptet Hadzaad.

Doch kann das Konzept aufgehen? Ungeklärt sind etwa Fragen des Datenschutzes. Die Gründer beteuern, nur Daten zu speichern, die wirklich notwendig sind. Viele Kunden würden sogar fragen, ob nicht auch eine Vielfliegerkartennummer oder die Adresse der Freundin hinterlegt werden könnte, um beim nächsten Mal den Service zu vereinfachen. Doch möchte nicht gerade die Generation, die alles flink über das Smartphone bestellt, lieber selbst auswählen, als einer unbekannten Person eine Bestellung oder Buchung zu überlassen?

"Wir sind erstaunt, dass fast alle Anfragen ernst gemeint sind", sagt Hadzaad. Das Geschäftsmodell hinter "GoButler" ist ebenso einfach wie der Dienst selbst. Entweder der Besteller zahlt einen Aufpreis oder aber die Firma bekommt eine Provision für die Bestellung bei einem bestimmten Lieferanten, etwa einem Pizza-Dienst. "Wir haben in der kurzen Zeit schon mehrere Anfragen von Diensten bekommen, die mit uns zusammen arbeiten wollen", behauptet Hadzaad.

Schon in ein paar Tagen wollen die Gründer mit ihrem Team woanders residieren. Während derzeit noch jede Frage manuell beantwortet wird, könnte sich um Standardwünsche schon bald ein Algorithmus kümmern. Ob Dienste wie Apples Assistent Siri oder der Dienst "Google Now" solche Aufgaben nicht viel besser erledigen können? "Derzeit auf jeden Fall nicht. Außerdem wird ein Großteil bei uns auch in Zukunft von einem Menschen gemacht", wiegelt Hadzaad ab.

Die Nutzer scheinen neugierig zu sein. Die ersten Tage gab es noch nicht mal ein Impressum. Tausende Menschen bestellten trotzdem und überwiesen ihr Geld.

Zusammengefasst: Ein Butler-Service, der per SMS erreichbar ist - an solch einem Geschäftsmodell arbeiten derzeit gleich mehrere Start-ups. Die Idee ist Kapitalgebern bereits sechsstellige Summen wert. Über die Resonanz der Kunden sind selbst die Gründer überrascht.

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insgesamt 21 Beiträge
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1. Für mich ...
markusma 17.03.2015
gehört so was zu den Dingen, die ein Mensch nicht braucht ... Aber vermutlich in paar Monaten (auf dem Papier!!) Millionwert ....
2. Das klappt genau solange..
pommbaer84 17.03.2015
..bis der "Erfinder" in den USA von einem der großen Player übernommen wird, die dann das deutsche StartUp empfindlich verklagen und vor Gericht zerren.
3. Wahnsinn,
DenisJohnson 17.03.2015
auf genau dieses Erfindung hat die Welt gewartet. Warum produzieren eigentlich gefühlte 90 % dieser StartUps nur konsumistischen Müll, den eigentlich niemand braucht? Und dafür werden diese Menschen auch noch überall und beständig für ihr Denken und ihre ach so innovativen Ansätze gefeiert und ihnen das Geld hinterhergeworfen. Ich kann das nicht nachvollziehen. Dort werden keine Werte produziert, sondern nur eine hedonistische und auf Konsum ausgerichtete Kultur befördert, die am Ende diesem Planeten auch nicht weiterhilft.
4. bei rocket raus jaja
christina.k. 17.03.2015
bei rocket ausgestiegen und aber weiterhin gutscheine von rocket-ventures in dem markt hauen. wenns mit dem eigenen namen nicht klappt, zieht man sein startup halt unter einem lügenkonstrukt auf. ganz tolle journalistische recherchekompetenz hat der spiegel hier gezeigt.
5. Für mich..
need_assistant 17.03.2015
...gibt es da schon eine viel bessere Lösung: Sixtyone Minutes (www.sixtyoneminutes.de). Ich schicke meine Daten ungern per SMS raus. Sixtyone Minutes kenne ich einfach auch schon viel länger und habe mehr Vertrauen in den Service. Das braucht die Welt
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