Ende des Bergbaus "Man hat gedacht, man könnte die Natur beherrschen"

An diesem Freitag schließt in Bottrop das letzte deutsche Steinkohlebergwerk. Es ist das Ende einer Industrie, die das Land groß gemacht hat und die Menschen stolz - und die viele Probleme hinterlässt.

Malakowturm der Zeche Prosper-Haniel in Bottrop
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Malakowturm der Zeche Prosper-Haniel in Bottrop

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Der Bergmann Marcel Pawlinka führt gerade ein paar der Besucher durch die Zeche Prosper-Haniel in Bottrop, als er plötzlich nach links abbiegt und vor einem mannshohen Walzenrad stehenbleibt. "Hierher", ruft er seiner Gruppe zu. Sie befindet sich auf der siebten Sohle von Schacht zehn, in 1200 Metern Tiefe. Pawlinka, ein Mann mit breiten Schultern und einem gelben Helm auf dem Kopf, klopft mit der Hand auf die Walze, ganz sachte, als würde er einem alten Hund den Kopf tätscheln.

Bergmann Marcel Pawlinka, Prosper-Haniel
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Bergmann Marcel Pawlinka, Prosper-Haniel

Das Rad war mal Teil eines Schrämladers, es hat außen kleine Spitzen, die Picken, die sich jahrelang ins Erdreich gefressen und Millionen Tonnen Steinkohle abgebaut haben. Nun hat das Rad ausgedient, es liegt in der Zeche auf dem Boden. "Dat kommt ins Museum", sagt Pawlinka und zeigt auf einen Aufkleber am Rad: "Für das Bergbauerbe vorgesehen", steht darauf. Pawlinka seufzt leise.

Prosper-Haniel ist das letzte Steinkohlebergwerk Deutschlands, an diesem Freitag wird auch diese Zeche offiziell geschlossen. Während des Festakts werden Bergleute Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier feierlich das letzte Stück Kohle überreichen. Dann werden die Maschinen abgestellt - in Bottrop und auch im Rest des Landes.

Trauer um die gute alte Zeit

Es ist das Ende einer Ära, einer Industrie, die Nordrhein-Westfalen geprägt hat wie kaum eine andere. 150 Jahre lang wurde hier das schwarze Gold aus dem Boden geholt, um damit Strom zu erzeugen oder Eisen zu produzieren. Der Abschied von der Kohle, sagen die Bergleute auf Prosper-Haniel, fühle sich für sie fast so an wie der Tod eines alten Freundes. Sechs Millionen Tonnen, erzählen sie, hätten sie in Bottrop pro Jahr noch fördern können. Man hätte weitermachen können, mindestens 40 Jahre noch.

Doch es gibt auch Stimmen, die sagen, dass der Ausstieg viel zu spät komme. Für manche Menschen steht die Kohle für jahrhundertelangen Raubbau an der Natur, sie beklagen die Schäden und die Folgen für die Umwelt, die noch gar nicht absehbar seien. Für die einen sind die Zechen heilige Orte, für andere tickende Zeitbomben.

Es geht in diesen Tagen im Ruhrgebiet auch darum, welcher Blick auf die Steinkohle angemessen ist. Ist sie Kulturgut? Oder Hypothek?

In den Fünfzigerjahren lebten rund 600.000 Menschen in Deutschland von der Steinkohle. Auf Prosper-Haniel erzählen sie, wie ihre Kohle früher Strom bis nach Berlin geliefert habe. Und nach Wolfsburg, zu den Kraftwerken von Volkswagen. "Autos lassen sich eben nicht mit Windrädern bauen", sagt ein Kumpel.

Perspektiven für die Bergleute

Trotzdem entschied die Politik im Jahr 2007, aus dem Steinkohlebergbau auszusteigen. Die Subventionen, mit denen die Industrie seit Jahrzehnten unterstützt werden musste, wurden zu hoch. In Ländern wie der Ukraine oder China lässt sich Kohle längst billiger aus dem Boden holen - auch, weil sie dort nicht so tief liegt.

Der Bergbaukonzern RAG (früher Ruhrkohle AG) hat in den vergangenen Jahren 30.000 Mitarbeiter in Rente oder in den Vorruhestand verabschiedet.

Die RAG hatte vor zehn Jahren noch rund 34.000 Angestellte, die meisten von ihnen hat das Unternehmen inzwischen in Rente oder in den Vorruhestand verabschiedet. 2.500 fanden neue Jobs, manche kamen bei Partnerfirmen der RAG unter. Bergleuten wie Marcel Pawlinka hilft eine Vermittlungsfirma, einen neuen Beruf zu finden. Einige haben Stellen in der Altenpflege gefunden, Kumpel können anpacken.

Kein Bergmann soll ohne Perspektive bleiben, so ist das Motto, das versprechen die Politik und die Gewerkschaften seit Jahren. Man kann sagen: Beim Ausstieg aus der Kohle war früh klar, was aus den Kumpel wird. Was aus der Umwelt wird, bleibt dagegen wohl noch länger ein Rätsel.

Gefährliche Giftfracht

Durch den Bergbau wurde der Untergrund des Ruhrpotts durchlöchert wie ein Käse, die Stadt Essen ist in den vergangenen Jahrzehnten um ungefähr 30 Meter abgesunken. Immer wieder sackt in den Kohlestädten plötzlich der Boden ab, es gibt Risse und Krater, Hunderte Häuser in Nordrhein-Westfalen stehen schief. Die Landesregierung schätzt, dass es rund 1000 verlassene Schächte gibt, über denen das Risiko für solche Tagesbrüche besonders groß ist.

Das sind die sichtbaren Folgen des Bergbaus, die unsichtbaren könnten womöglich noch schlimmer sein.

Bis vor 30 Jahren wurden in den Bergwerken Hydrauliköle eingesetzt, die PCB enthielten. Die Chemikalie ist krebserregend und inzwischen weltweit verboten. In einigen Zechen lagern noch immer Tausende Tonnen davon, genauso wie der toxische Sondermüll, der dort unten entsorgt wurde. In den Neunzigerjahren hielt man es für eine gute Idee, industrielle Abfälle in die Tiefen der Bergwerke zu pumpen und einzuschließen. Aus den Augen, aus dem Sinn.

Die RAG muss das Grubenwasser aus den stillgelegten Bergwerken abpumpen, Tag und Nacht, bis in alle Ewigkeit. Es wird künftig vor allem in den Rhein geleitet. Allein auf Prosper-Haniel saugen die Pumpen jährlich drei Millionen Kubikmeter ab. Damit soll verhindert werden, dass sich das nach unten gerutschte Ruhrgebiet in eine Seenlandschaft verwandelt. Und dass sich das mit Schadstoffen belastete Wasser aus den Zechen mit dem Grundwasser vermischt.

Altlasten geraten aus dem Blick

Gleichzeitig werden große Teile der Bergwerke geflutet, bis auf rund 600 Meter Tiefe will die RAG das Grubenwasser ansteigen lassen. Bleiben die Gifte trotzdem in der Erde? Oder gelangen sie doch irgendwie ins Grundwasser, an die Oberfläche, in die Flüsse?

Die Landesregierung in Düsseldorf hat ein Gutachten zu möglichen Umweltauswirkungen in Auftrag gegeben. Das Ergebnis: Keine erhöhte PCB-Belastung im Wasser zu erwarten, kein Risiko durch die Freisetzung von Stoffen erkennbar, kein Handlungsbedarf. Doch nicht alle sind so entspannt wie die Gutachter.

"Man hat gedacht, man könnte die Natur beherrschen und hat Sachen da unten reingebracht, die da definitiv nicht hingehören", sagt die Grünen-Landtagsabgeordnete Wibke Brems, "das ist eine gewaltige Last für nachfolgende Generationen." In manchen stillgelegten Bergwerken steigt das Wasser schon, Brems macht das Sorgen. Man wisse noch viel zu wenig über den Untergrund, sagt sie. "Es sollten keine Tatsachen geschaffen werden, bevor die Landesregierung das Gesamtkonzept der RAG nicht genehmigt hat und es an jedem Standort, an dem künftig Wasser abgepumpt wird, im Voraus eine Umweltverträglichkeitsprüfung gegeben hat."

Es gibt Experten, die befürchten, dass mit dem Ende des Bergbaus auch die Aufmerksamkeit für die Altlasten verschwindet. So wie der Geologe Ulrich Peterwitz von Gelsenwasser, einem der größten Trinkwasserversorger in Deutschland. Man brauche "ein strenges Monitoring", sagt er, das einen "ausreichenden Sicherheitsabstand" zwischen Grubenwasser und Grundwasser überwacht. Die RAG habe ein entsprechendes Konzept aber noch nicht vorgelegt.

Sollte PCB irgendwann ins Trinkwasser gelangen, sei das "ein absolutes Horrorszenario", sagt Peterwitz.

RAG demonstriert Sorglosigkeit

Die RAG teilt auf Anfrage mit, dass man eine Pufferzone zwischen Grubenwasserspiegel und Trinkwassergewinnung gewährleisten werde, die "groß genug" sei und "über die physikalisch und hydrologisch notwendigen Abstände deutlich hinausgeht". Man werde alles kontinuierlich überwachen. Mit anderen Worten: Alles gut, keine Sorge.

Im Video: Abschied von der Kohle - "Das ist schon hart"

FRIEDEMANN VOGEL/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Man schaut in diesen Tagen sowieso lieber auf die Zeche in Bottrop. 500 Gäste werden auf Prosper-Haniel erwartet; nachdem der Bundespräsident die letzte Kohle in den Händen gehalten hat, wird er eine Rede vortragen. Jean-Claude Juncker und Armin Laschet auch. Ein Chor wird singen, ein Sinfonieorchester spielen. Die Kumpel werden noch mal das Steigerlied anstimmen, mit Tränen in den Augen. Es geht um ein würdiges Ende.

Ein paar wenige Bergleute werden noch bis 2020 auf Prosper-Haniel bleiben, sie werden die Maschinen und Förderbänder zurückbauen und sie an die Oberfläche bringen, außerdem die Öle und Fette. Alles, was aus Metall und Stahl ist, wird unten gelassen. Danach werden die Schächte zubetoniert, dann steigt das Wasser.

In der Hoffnung, dass tief im Erdinneren alles an dem Ort bleibt, wo es ist.

insgesamt 76 Beiträge
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Seite 1
Bondurant 21.12.2018
1. Leute
die so etwas Für manche Menschen steht die Kohle für jahrhundertelangen Raubbau an der Natur,... von sich geben, sollten für den Rest ihres Lebens in einer strohgedeckten Lehmhütte bei - gelegentlichem - offenem Holzfeuer leben müssen. Es ist wirklich beängstigend, wie dieses Land mehr und mehr in Richtung Kindergarten driftet.
amon.tuul 21.12.2018
2. Dummdreist
die Kommentierung. Kohlegruben international sind für Arbeiter und Umwelt garantiert besser? Irgendwie haben wir zuviele Rhetoriker im Volk.
max-mustermann 21.12.2018
3.
"RAG demonstriert Sorglosigkeit" Natürlich, weil für den Großteil aller Folgekosten in den nächsten Jahrzehnten bzw. Jahrhunderten der Steuerzahler aufkommen wird.
misterknowitall2 21.12.2018
4. Naja,
Zitat von Bondurantdie so etwas Für manche Menschen steht die Kohle für jahrhundertelangen Raubbau an der Natur,... von sich geben, sollten für den Rest ihres Lebens in einer strohgedeckten Lehmhütte bei - gelegentlichem - offenem Holzfeuer leben müssen. Es ist wirklich beängstigend, wie dieses Land mehr und mehr in Richtung Kindergarten driftet.
Raubbau an der Natur war das sicher nicht, zumindest nicht im klassischen Sinn. Da dürfte jeder Tagebau schlimmer sein. Letztlich werden die Fördertürme aber ein Sinnbild für den durch den CO2 Eintrag geschaffenen Klimawandel bleiben. Das ist der Lauf der Zeit und kein Kindergarten. Es fehlt nur ihre Einsicht.
k-3.14 21.12.2018
5. Beim Kahlschlag ...
Beim Kahlschlag der Textilindustrie hier am linken Niederrhein würde diese "Welle" nicht gemacht. Die Kohle hat halt eine sehr gut funktionierende Lobby. Wir hatten mal einen Bundespräsidenten, der hatte regelmäßig Tränen in den Augen, wenn "Glück auf, der Steiger kommt" erklang.
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