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Stellenmarkt: Wie Jobvermittler Arbeitssuchende abzocken

Von Heike Sonnberger

Rechtschreibfehler, wahllose Adressen, fehlende Anlagen: Im Auftrag von Arbeitslosen verschickt eine Berliner Agentur Bewerbungen, die vor Fehlern nur so strotzen. Das Unternehmen weist alle Vorwürfe zurück - und zeigt doch, wie bei der Arbeitsvermittlung Geld verschwendet wird.

Hamburg - "Es würde mich sehr freuen, wenn Sie mir die Gelegenheit geben würden das ich mich Ihnen näher vorstellen kann." Dieser Satz stößt Walter G.* besonders auf. Er stammt aus einer Bewerbung, die die Berliner Vermittlungsagentur Joblife in seinem Namen verschickte. Walter G. suchte Arbeit als Fahrer, und die Privatagentur sollte ihm dabei helfen. Für eine Gebühr von fünf Euro pro Anschreiben versandte sie - so Walter G. - massenhaft fehlerhafte und unvollständige Bewerbungen.

Jobsuchende: Schlechten Vermittlern das Handwerk legen
AP

Jobsuchende: Schlechten Vermittlern das Handwerk legen

Insgesamt stellte Joblife ihm dafür 170 Euro in Rechnung. Der damalige Hartz-IV-Empfänger protestierte - zunächst erfolglos. Hilfesuchend wandte er sich schließlich an die Initiative Erwerbslosen Forum Deutschland. Der war die Agentur schon lange bekannt.

Ende April waren beim Forum die ersten Beschwerden über Joblife eingetroffen. Fast ein Dutzend sehr ähnliche Fälle sind es inzwischen. "Mit Arbeitslosen und Arbeitsagenturen ist leicht Geld zu verdienen", sagt Forumssprecher Martin Behrsing. "Man nehme einen Text, vor dem es jedem Deutschlehrer und Personalmanager nur so grauen würde, verzichte auf weitere Anlagen wie Lebenslauf, Bild und Zeugnisse, setze die Adressen aus einer Datenbank in den Serienbrief ein, und schon ist in wenigen Minuten eine beachtliche Summe Geld zusammengekommen."

Inhaber weist Kritik zurück

Den Schaden tragen nicht nur die Bewerber, sondern auch der Steuerzahler. Denn Hartz-IV-Empfänger können einen Zuschuss für Bewerbungskosten von bis zu 260 Euro im Jahr bei der Bundesagentur für Arbeit (BA) beantragen. Auf deren Jobbörse im Internet vermittelt auch Joblife nach eigenen Angaben zahlreiche offene Stellen vom Gabelstaplerfahrer bis zum Rettungssanitäter.

Das Unternehmen weist die Vorwürfe vehement zurück. "Wir können sagen, dass es nicht so ist", erklärte Joblife SPIEGEL ONLINE. "Aufgrund unserer Tätigkeit vermitteln wir nachweislich Leute in Arbeit." Seit Januar hätten mehr als 25 Menschen über seine Agentur eine Anstellung gefunden. Es sei "technisch nicht möglich", dass Bewerbungen ohne Anhang verschickt würden.

Die Daten seien im System hinterlegt und würden beim Versenden automatisch mit dem Anschreiben verknüpft, hieß es. Zu den fehlerhaften Bewerbungstexten teilte Joblife mit: "Da sitzen Menschen dran, die arbeiten, und wo Menschen arbeiten, werden Fehler gemacht." Das könne mal vorkommen. Dennoch zeigt der Fall, wie ineffizient die Jobvermittlung arbeitet. Erst kürzlich hatte der Bundesrechnungshof die Verschwendung in dem Bereich kritisiert.

Die BA hat praktisch keinen Einfluss darauf, wer auf ihrem Jobportal inseriert. Jeder Unternehmer kann sich dort registrieren und seine Stellenangebote hochladen. Geprüft werden diese lediglich nach formalen Gesichtspunkten. "Wir sind auf die Hinweise von Arbeitslosen angewiesen", sagt Sprecherin Ilona Mirtschin. "Ob sich dahinter eine Abzocke verbirgt, können wir bei der formalen Prüfung nicht sehen."

"Ich fiel aus allen Wolken"

Auch Walter G. meldete sich Anfang Mai auf eine Annonce von Joblife. Er wurde unverzüglich eingeladen. Beim Gespräch stellte sich heraus, dass die Stelle, auf die er sich beworben hatte, schon vergeben war. Doch die Agentur winkte mit weiteren Angeboten. Mit einem Vertrag in der Tasche kam Walter G. nach Hause. "Ich fiel aus allen Wolken", erzählt seine Lebensgefährtin Jennifer M*. Ihr Partner hatte sich mit seiner Unterschrift zu "absolutem Stillschweigen" über die Geschäftspraktiken von Joblife verpflichtet – auch über das Vertragsende hinaus.

Kurz darauf erhielt Walter G. überraschend die erste Rechnung mit Kopien von Bewerbungen, die Joblife für ihn an ein Dutzend Unternehmen verschickt hatte. Ohne Passfoto und Telefonnummer, gespickt mit Fehlern, nach Firmennamen alphabetisch sortiert, sagt Jennifer M. Es habe ausgesehen, als ob die Agentur sich wahllos aus dem Branchenbuch bedient habe.

Das Paar rief bei Joblife an und beschwerte sich. Zum Monatsende kündigten die beiden den Vertrag. Trotzdem sandte ihnen die Agentur einige Wochen darauf einen zweiten Stoß Kopien samt Rechnung – angeblich nachgereichte Bewerbungen vom Mai. Erst als Jennifer M. mit rechtlichen Schritten drohte, ließ die Agentur von ihren Forderungen ab.

Arbeitsagentur will Sache nachgehen

"Solchen Vermittlern wollen wir natürlich das Handwerk legen", sagt BA-Sprecherin Mirtschin. Die Behörde kündigte an, der Sache nachzugehen. Nach Ansicht des Erwerbslosenforums hätte ihr die Ausbeutung schon viel früher auffallen können. Denn um die fünf Euro erstattet zu bekommen, müssen Arbeitslose den Job-Centern die Bewerbungen vorlegen. "Wir sind äußerst verwundert, dass die Job-Center anscheinend Geld für Bewerbungen zahlen, die eigentlich schnell im Sondermüll entsorgt werden müssten", sagt Behrsing.

Walter G. hat inzwischen eine Stelle gefunden – ohne Joblife. Denn bei den Firmen, die die Agentur für ihn angeschrieben hat, kann er sich wohl kaum noch blicken lassen.

*Namen auf Wunsch geändert

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