Sternekoch Klink über Imitat-Essen "Das ist kriminell"

Natürliche Nahrung - das ist nur noch die Ausnahme in deutschen Supermärkten, glaubt Kochstar Vincent Klink. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE erklärt er Gel-Schinken, Analogkäse und Co. zur logischen Folge von Renditehunger und Verbrauchergeiz: "Jetzt werden die Leute wachgerüttelt."


SPIEGEL ONLINE: Herr Klink, Sie haben in einem Interview gesagt: "Man kann ruhig auch mal Mist essen"...

Klink: Verstehen Sie mich nicht falsch, es ist immer eine Frage des Maßes. Ab und an ist es okay. Aber ständig, das kann nicht gut gehen.

SPIEGEL ONLINE: Jetzt haben die Verbraucherzentralen enthüllt, dass Lebensmittelplagiate weit verbreitet sind - wir also anscheinend weit häufiger Mist essen, als wir selbst wissen.

Klink: Solche Tricks sind inzwischen der Normalfall. Ehrlich deklarierte Lebensmittel sind eindeutig in der Minderheit. Das ist eine bewusste Täuschung der Verbraucher, auch wenn die Hersteller sich des Problems wahrscheinlich nicht in letzter Konsequenz bewusst sind oder sein wollen. Wer sich nur ein bisschen mit unserem Essen beschäftigt, weiß, was und wo er kaufen muss. Doch viele Verbraucher ignorieren das Problem und reden sich die Sache schön. Jetzt werden sie wachgerüttelt. Solche Meldungen helfen, den einen oder anderen zu uns rüberzuretten.

SPIEGEL ONLINE: Sie gelten als Gastrosoph, als Philosoph des Essens. Gibt es eine Ethik des Essens, eine Verantwortung der Lebensmittelindustrie gegenüber den Kunden?

Klink: Auf jeden Fall, nur interessiert sie in dieser Branche kaum einen. Was dort vielerorts vor sich geht, ist in meinen Augen kriminell. Es wird unglaublich viel gelogen - und durch Werbung hingebogen. Die Industrie gaukelt den Leuten etwas vor. Das sind die schlimmsten Auswüchse des Kapitalismus. Und ich würde gar nicht der Politik die Schuld geben. Das Problem sind die Lobbyisten, diese ganzen Betrugsanimateure - die in einer so großen Dimension arbeiten, dass es oftmals schwierig ist, alles aufzudecken.

SPIEGEL ONLINE: Nehmen wir zum Beispiel Garnelen-Imitate: Sie sehen aus wie Garnelen, werden als "Surimi"-Garnelen beworben - und bestehen aus gepresstem Fischeiweiß. Werden die Verbraucher bewusst getäuscht?

Klink: Man kann die Wahrheit auf der Verpackung entdecken. Aber das Schlimme ist: Man muss sich dafür richtig Mühe geben. Es braucht eine sehr gute Brille, um das Kleingedruckte zu lesen. Die Sache ist schwer zu durchschauen. Ich sage aber: Alles liegt am Ende beim Verbraucher. Wenn er nicht mehr ausgeben will, ist ihm letztlich nicht zu helfen.

SPIEGEL ONLINE: Viele Leute können sich teure Lebensmittel nicht leisten.

Klink: Natürlich hat Ernährung eine soziale Komponente. Aber ich finde: Als erstes muss man sein Geld für das ausgeben, was man fürs Leben braucht - möglichst gesunde Lebensmittel. Danach kommt der Rest.

SPIEGEL ONLINE: Wollen Sie ernsthaft sagen, dass die Verbraucher selbst schuld sind?

Klink: Sagen wir es so: Es gibt Menschen, denen ein zweiter Fernseher wichtiger ist als gute Milch. Denen ist oft nicht zu helfen. Sie sind nicht dumm. Aber sie machen sich einfach keine Mühe bei der Auswahl von Lebensmitteln.

SPIEGEL ONLINE: Was machen Sie anders?

Klink: Ich weiß, was ein natürliches und was ein manipuliertes Lebensmittel ist. Und das ist keine Geheimwissenschaft. Kaufen Sie einfach bei einem Händler ein, der noch selbst hinterm Tresen steht und sich auskennt! Gehen Sie dorthin, wo Sie noch etwas über gute Lebensmittel erfahren: zum Fachmann, zum Gärtner, zum Bauern, zum Metzger, also auf den Wochenmarkt. Da sind Leute, die noch für ihre Ware verantwortlich sind. Wenn da was ist, kann man mit ihm reden oder den Krempel zurücktragen. Man muss ins Auge des Bauern gucken, dann weiß man, woran man ist. Im Supermarkt kann man das nicht.

SPIEGEL ONLINE: Wird sich durch den neuen Skandal etwas ändern?

Klink: Ich habe schon die Hoffnung, dass die Leute wieder öfter ihre Nahrung bei jemandem kaufen, der weiß, was er tut. Für viele Leute ist heute entscheidend, dass man hinter dem Produkt noch denjenigen identifizieren kann, der es hergestellt hat. Genau das braucht es - ein anderes Verhältnis zwischen Erzeuger und Verbraucher. Heute ist die Lebensmittelbranche so industrialisiert, dass die Urheber, die wirklichen Produzenten, gar nicht mehr auftauchen. Dadurch verwischen die Verantwortlichkeiten.

SPIEGEL ONLINE: Nicht nur im Einzelhandel gibt es Lebensmittelplagiate, sondern auch in der Gastronomie. In Hessen wurde bei zwei Dritteln aller Kontrollen kein echter Kochschinken serviert, sondern Gel-Schinken. Ist Ihnen so etwas auch schon einmal untergekommen?

Klink: Nein. Ich kenne alle meine Lieferanten. In solchen Händlerkreisen verkehre ich nicht. Das trifft nur Wirte, die möglichst billig einkaufen, um ebenso billige Kundschaft zu haben. Wie heißt das Zeug? Gel-Schinken?

SPIEGEL ONLINE: Nach Angaben des hessischen Verbraucherschutzministeriums handelt es sich um "schnittfestes Stärke-Gel mit kleinen Fleischstückchen".

Klink: Eine Schande. Da wundert es mich nicht, dass es manchen Gastronomen schlecht geht. Das sind Leute, die nur schnelles Geld wollen. Man hat zwar einen höheren Profit, wenn man ein Plagiat verkauft. Aber man macht dann seinen Beruf nicht mehr mit Herz und Seele. Ich kann nur sagen: Man kann einen guten Preis verlangen, wenn man ein gutes Produkt hat. In unserem Restaurant haben wir keine Krise. Ehrlich währt am längsten.

Das Gespräch führte Benjamin Bidder

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Silvia, 09.07.2009
1.
Tja, ob Gesetze etwas bringen, ist fraglich. Noch mehr solcher abstrusen Gesetze, die krumme Gurken und nicht DIN-genormte Bananen verbieten, brauchen wir jedenfalls nicht. Ich denke, es muss grundsätzlich etwas passieren, damit man vom reinen Profitstreben endlich weg kommt. Das ist auch ein Umdenkprozess bei der Bevölkerung, dass sie nicht alles gedankenlos in sich hineinstopft. Also, da bin ich mittlerweile empfindlicher geworden. Mais kaufe ich nur noch aus biologischem Anbau, seitdem sich Gen-Mais breit macht. Und nachdem ich einmal einen Film über die Machenschaften von Monsanto gesehen habe, bin ich geprickt. Oder diese ganze Bio-Piraterie und dieses merkwürdige Patentwesen, dass es Großkonzernen erlaubt, uraltes Menschheitswissen für sich zu beanspruchen und zu vermarkten wie es z. B. beim Neem-Samen (http://umweltinstitut.org/gentechnik/patentierung/erfolg-gegen-biopiraterie-europaisches-patentamt-widerruft-endgultig-patent-auf-neem-ol-204.html) durch die Firma Grace versucht wurde, sowas finde ich widerwärtig. Das sind für mich alles Gangster. Das gehört sich einfach nicht! Und sowas versuche ich, wenn es irgend geht, mit meiner kleinen, wahrscheinlich in der Masse unbedeutenden Kaufverweigerung zu demonstrieren. Aber mehr kann ich nicht tun.
ender, 09.07.2009
2.
Zitat von sysopSchon wieder klagen Verbraucherschützer über die Qualität der Lebensmittel in Deutschland. Mal ist nicht drin, was draufsteht, dann werden Billigerzeugnisse zu überteuerten Preisen angeboten. Was denken Sie - muss das Lebensmittelrecht verschärft werden?
Die Lebensmittel sind gut. Die Richter sind schlecht. Wenn jemand etwas anderes draufsteht als drinnen ist, dann ist das schwerer gewerbsmäßiger Betrug. Es sei denn es ist etwas besseres drinnen als draufsteht. Man braucht kein anderes Lebensmittelrecht, sondern Richter, die Betrug als Betrug bestrafen. Ohne Ausnahme. ender
the Poodle chews it, 09.07.2009
3.
Zitat von sysopSchon wieder klagen Verbraucherschützer über die Qualität der Lebensmittel in Deutschland. Mal ist nicht drin, was draufsteht, dann werden Billigerzeugnisse zu überteuerten Preisen angeboten. Was denken Sie - muss das Lebensmittelrecht verschärft werden?
Eine Verschärfung des Lebensmittelrechtes verbessert weder die Lebensmittel selbst noch die Interessen des Verbrauchers. Der einzige Effekt ist der, daß Händler, die nicht den großen Handelsketten angeschlossen sind, unter'm bürokratischen Aufwand Fehler machen und Marktverbot (http://www.abendblatt.de/hamburg/article1087061/Marktverbot-Kunden-kaempfen-fuer-Haendler.html) erhalten...
Gaztelupe, 10.07.2009
4.
Zitat von sysopSchon wieder klagen Verbraucherschützer über die Qualität der Lebensmittel in Deutschland. Mal ist nicht drin, was draufsteht, dann werden Billigerzeugnisse zu überteuerten Preisen angeboten. Was denken Sie - muss das Lebensmittelrecht verschärft werden?
Es wäre viel interessanter, würden sich die Ansprüche des Verbrauchers verschärfen.
inci 10.07.2009
5.
Zitat von sysopSchon wieder klagen Verbraucherschützer über die Qualität der Lebensmittel in Deutschland. Mal ist nicht drin, was draufsteht, dann werden Billigerzeugnisse zu überteuerten Preisen angeboten. Was denken Sie - muss das Lebensmittelrecht verschärft werden?
nein, muß es nicht. es würde schon ausreichend sein, wenn die verbraucher einfach mal auf die packung schauen, was sie da eigentlich kaufen. so steht z.b. seit jahrzehnten schon auf den verpackungen als zutat "formschinken", sogar in pizzerien steht das auf der speisekarte. auch der analogkäse ist beim einkauf zu erkennen. da steht nämlich milcherzeugnis drauf und nicht käse. wer zu dämlich ist, den unterschied zwischen milcherzeugnis und käse nicht kennt, dem ist sowieso kaum zu helfen. gleiches gilt für formschinken. das war in den 70ern schon ein "skandal". überhöhte preise haben allerdings mit dem lebensmittelrecht nun so viel zu tun, wie eine kuh mit dem tanzen. überhöhte preise wird es immer geben, das liegt am system. das ist kapitalismus. es liegt am verbraucher selbst, ob er sich produkte zu überhöhten preisen kauft. es gibt, neben billigerzeugnissen, auch eine ganze reihe anderer produkte, die zu überhöhten preisen angeboten und verkauft werden. kauft der kunde ein produkt nicht, wird es vom markt verschwinden. kauft er es doch, bleibt es dem markt erhalten. alternativ kann man aber auch den "armen" verbraucher auch gerne weiter vor sich selbst schützen, und gründet eine staatliche preisfindungskommission, die einheitspreise für alle produkte festlegt. und so wie die welt derzeit gestrickt ist, halte ich das durchaus nicht für unrealistisch.
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