Hamburg - Etwas Schlimmeres hätte Liechtenstein nicht passieren können. Seinen Wohlstand, seine ganze Existenz verdankt das Fürstentum dem Kapital reicher Ausländer. Jahr für Jahr strömen zig Millionen Euro in das kleine Land - weil die Besitzer sich auf die Verschwiegenheit der Liechtensteiner Banken verlassen.

LGT in Vaduz: Kunden setzen auf die Verschwiegenheit der Bank
Und dann das: Deutsche Ermittler decken einen der größten Wirtschaftsskandale der Nachkriegszeit auf, Hunderte Steuerflüchtlinge müssen fürchten, mit ihren Transaktionen aufzufliegen. Es geht um bis zu vier Milliarden Euro, die Konzernbosse, Mittelständler und Prominente in Liechtenstein gebunkert haben sollen.
Für die fürstliche Bank LGT ist das ein Desaster. Rennen ihr jetzt scharenweise die Kunden davon, aus Angst, dass ihr Geld in Vaduz nicht mehr sicher ist?
Per Pressemitteilung versucht das Institut, seine Kunden zu beruhigen. In der Erklärung bestätigt die Bank, dass es im Jahr 2002 bei der Tochter LGT Treuhand einen Datendiebstahl gegeben habe. Ein Jahr später sei der verantwortliche Mitarbeiter aber verurteilt worden. "Kunden, die nur mit der LGT Bank (und nicht mit der LGT Treuhand) eine Beziehung unterhalten, sowie sämtliche ab 2003 eröffneten Kundenbeziehungen, sind von diesem Datendiebstahl nicht betroffen." Das klingt wie: Allzu brisante Daten können die deutschen Ermittler kaum haben, die meisten Kunden müssen sich keine Sorgen machen.
"Die Sicherheitsvorkehrungen zum Schutze der Privatsphäre der Kunden wurden im Laufe der Jahre ständig den neuesten Erkenntnissen angepasst", teilt die LGT mit. "Es gibt keinen Hinweis, dass seit 2002 Kundendaten entwendet wurden."
Wenn sich die Bank da nicht täuscht. Denn nach Informationen des SPIEGEL reichen die Daten der Fahnder bis Ende des Jahres 2005. Das heißt: Den deutschen Behörden liegen weit mehr Informationen vor als möglicherweise aus dem Diebstahl des Jahres 2002. Auch Steuerflüchtlinge, die ihr Geld später nach Liechtenstein geschafft haben, müssen zittern.
Dabei ist es aus Sicht der Bank schon schlimm genug, dass die Kundendaten, die vor rund sechs Jahren gestohlen wurden, immer noch im Umlauf sind. Ob ein Zusammenhang zwischen den gestohlenen Daten "und der aktuell in den Medien diskutierten Situation" bestehe, lasse sich nicht abschließend erhärten oder bestätigen, teilte die Bank mit.
Damit spielt das Institut auf den Fall Klaus Zumwinkel an. Der Post-Chef war heute wegen der Steuer-Ermittlungen gegen ihn zurückgetreten. Zumwinkel soll mit Geldanlagen in liechtensteinische Stiftungen Steuern in einer Größenordnung von rund einer Million Euro hinterzogen zu haben.
Anfang der Wochen hatte auch die Liechtensteinische Landesbank (LLB) berichtet, sie sei von einem ehemaligen Mitarbeiter mit gestohlenen Unterlagen über deutsche Kunden erpresst worden. Auch dieser Mann wurde verurteilt. Nach SPIEGEL-Informationen sind aber auch diese Daten noch in Umlauf.
In diesem Fall ermittelt die Staatsanwaltschaft Rostock. Ein aus Deutschland stammender 48-Jähriger soll seit 2005 von der LLB Schweigegeld in Höhe von rund neun Millionen Euro kassiert und der Bank dafür gestohlene Daten zurückgegeben haben, erklärte die Anklagebehörde. Der Fall habe jedoch nichts mit dem aktuellen Steuerskandal um Kunden der Liechtensteiner LGT-Bank zu tun.
Der mutmaßliche Erpresser soll mit mehr als 2000 Kontodaten gehandelt haben, sagte der Sprecher der Staatsanwaltschaft. Zunächst habe der 48-Jährige versucht, die Kunden mit den Datensätzen zu erpressen, dann habe sich die Bank eingeschaltet.
Bisher soll das Geldhaus laut Staatsanwaltschaft rund 1600 Daten zurückgekauft haben. Im August 2005 habe der Verdächtige für 7,5 Millionen Schweizer Franken zunächst 700 Daten an die Bank zurückgegeben, im August 2007 für vier Millionen Euro weitere 900 Daten. Der Rest sollte im August 2009 an die Bank zurückgehen.
Die Staatsanwaltschaft kündigte an, zeitnah Anklage gegen den Mann zu erheben. Seit vergangenem Herbst sitze er in Untersuchungshaft. Gegen drei mutmaßliche, ebenfalls in Norddeutschland lebende Mittäter werde ermittelt.
wal/Reuters/AP/AFP
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