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Steuerskandal: Wie sich Zumwinkel und Co. arm rechnen

Mit Hilfe von "Steueroptimierungsmodellen" drücken sich Millionen Deutsche vor Steuerzahlungen, rechnen ihre Einkünfte teils drastisch nach unten. Ex-Post-Chef Zumwinkel lag mit seinen Zinseinkünften nach SPIEGEL-Informationen einmal sogar unter dem Sparerfreibetrag.

Hamburg - Sie haben nichts geahnt beim zuständigen Finanzamt Köln-Süd: Dass ausgerechnet einer ihrer bekanntesten Kunden womöglich Steuern in Millionenhöhe hinterzogen hat. Laut ihren Akten besitzt der Mann, mit dem die wohl größte deutsche Steuerfahndung begann, kein besonders großes Vermögen.

Ex-Post-Chef Zumwinkel: Ermittler haben Protokolle über regelmäßige Besuche bei der Liechtensteiner Bank
DPA

Ex-Post-Chef Zumwinkel: Ermittler haben Protokolle über regelmäßige Besuche bei der Liechtensteiner Bank

Von dem kleinen Schatz in Liechtenstein - Zumwinkels Vermögen betrug dort nach SPIEGEL-Informationen zuletzt 13 Millionen Euro - ist schon gar nichts zu finden. Im Fürstentum wuchs das Vermögen des Ehepaars Zumwinkel in regelmäßigen Schritten von rund fünf Prozent im Jahr. In den Kölner Steuerakten findet sich davon allerdings nichts.

In mindestens einem Jahr lagen die Zinseinkünfte des Ehepaars laut Informationen des SPIEGEL sogar noch unter dem Sparerfreibetrag, der eigentlich dafür gedacht ist, dass der Fiskus die Spargroschen kleiner Leute unangetastet lässt. In einem zweiten Jahr lagen sie knapp oberhalb der Grenze für Kleinstsparer.

Unter den beschlagnahmten Unterlagen finden sich auch Protokolle über regelmäßige Besuche Zumwinkels bei der Liechtensteiner Bank LGT - und über Gesprächsprotokolle: Er fragte die Bank, ob sein Geld besser im pazifischen Raum oder auf den Cayman-Inseln aufgehoben wäre. In den Unterlagen soll sich zudem eine Notiz von Zumwinkel befunden haben, was er tun müsse, um möglichst wenig Steuern auf die Zahlungen zu zahlen, die er bei seinem Ausscheiden aus der Post erwartete.

Seit Anfang der neunziger Jahre ist es dank der beschleunigten Globalisierung, der neuen Durchlässigkeit von Grenzen und dem freien Kapitalverkehr so einfach wie nie zuvor, Gelder an fast jeden Ort der Welt zu transferieren. Die Boston Consulting Group schätzte in einer Studie, dass das gesamte Offshore-Privatvermögen sechs Billionen Dollar beträgt - in Steuerparadiesen wie Singapur und die Bermudas, aber auch in Liechtenstein, Schweiz, Luxemburg sowie den britischen Kanalinseln und Monaco.

Dabei wird das Geld in den wenigsten Fällen bar und per Plastiktüte in das jeweilige Zielland gebracht. Um die Kapitalflucht vor dem Fiskus zu verheimlichen, leiten Anleger ihr Geld oft über komplexe Finanzströme etwa nach Liechtenstein weiter. Dabei werden zum Beispiel fingierte Beraterhonorare überwiesen oder Scheingeschäfte getätigt. Denn dank der inzwischen relativ strengen Geldwäschegesetze führen größere Mengen Bargeld auch bei Banken in Liechtenstein oder der Schweiz zu unliebsamen Nachfragen.

Deshalb führt der Weg oft über eine Stiftung, die Ausländer mit Hilfe eines Treuhänders oder Anwaltes gründen. Das ist innerhalb weniger Tage möglich. Nur der Treuhänder kennt die Identität des Stifters, eine behördliche Genehmigung ist dabei nicht nötig. Danach eröffnet der Treuhänder irgendwo auf der Welt ein Konto, auf das das Stiftungskapital fließt und das meist auch von ihm verwaltet wird. Der Geldgeber bleibt dabei anonym.

Grafik: So funktioniert das System der Steuerhinterziehung
SPIEGEL ONLINE

Grafik: So funktioniert das System der Steuerhinterziehung

Alle Versuche von Seiten der EU, diese Praxis zu bekämpfen, waren bislang nicht besonders erfolgreich - wie auch der aktuelle Fall zeigt. Zwar feierte die Politik im Jahr 2005 die EU-Richtlinie zur Zinsbesteuerung als Meilenstein bei der Bekämpfung von Steuerhinterziehung. Seitdem werden alle Zinszahlungen von Banken an Ausländer direkt an den Heimatfiskus gemeldet.

In Wahrheit ist die Zinssteuer jedoch ein Schlupfloch, denn die Richtlinie betrifft nur Sparzinsen. Viele Anlageformen werden nicht erfasst - Aktiendividenden ebenso wenig wie andere Kapitalerträge. Außerdem gilt die Quellensteuer nur für "natürliche Personen", Trusts, Stiftungen und andere Konstruktionen sind von ihr verschont. Denn an dem Geschäft mit den mobilen Vermögen verdienen viele: die renommierten Banken und die privaten Geldhäuser, die weltweiten Unternehmensberatungen, Anwaltskanzleien, Steuerberater und Vermögensverwalter.

Ob Konzern, Mittelständler oder Privatanleger - für jeden hält die Branche globale "Steueroptimierungsmodelle" bereit. Längst betreuen die Ableger europäischer Banken in Singapur vor allem steuermüde Kunden aus der Alten Welt. Nicht umsonst strebt die EU Gespräche zur Zinsrichtlinie mit Singapur, Macao und Hongkong an.

Vorerst aber bleibt den Behörden nicht viel anderes übrig, als sich auf die Lauer zu legen. Die Grenzübergänge zur Schweiz und nach Luxemburg stehen unter verschärfter Beobachtung. Wer große Mengen Bargeld in der Tasche hat, muss dem Zollfahnder eine gute Erklärung liefern können.

Ab 10.000 Euro informiert der Zoll automatisch das Finanzamt des Betroffenen, so will es das Gesetz. Bis zu zwei Milliarden Euro Schwarzgeld finden die Steuerfahnder immerhin auf diese Weise in guten Jahren.

Finanzexperten sind sich trotzdem sicher: Es fließt viel mehr Geld von Deutschland ins Ausland als in umgekehrter Richtung zurück. Nun versucht es die Bundesregierung mit der Abgeltungsteuer für Kapitalerträge, die ab 2009 erhoben wird. Der vergleichsweise moderate Steuersatz von pauschal 25 Prozent zuzüglich Solidarzuschlag und gegebenenfalls Kirchensteuer schien für Spitzenverdiener einigermaßen attraktiv zu sein.

Finanzminister Peer Steinbrück (SPD) glaubte, Deutschland werde sich im internationalen Vergleich gut behaupten. Doch Wohlhabende räumten derzeit noch schnell ihre Inlandskonten auf. Als Alternative bietet sich Luxemburg an. Banken werben mit speziellen Fonds zu Vermeidung der Abgeltungsteuer, und das - einem neuen Gesetz sei Dank - völlig legal. Die Mindesteinlage beträgt 1,25 Millionen Euro.

sam

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