Steuersünder Deutschland verschenkt Daten an Regierungen in aller Welt

Jetzt müssen Steuerflüchtlinge weltweit zittern: Deutschland will seine Daten über Liechtensteiner Stiftungen und Institutionen einem Zeitungsbericht zufolge anderen Staaten gratis zur Verfügung stellen. Finnland, Schweden, Norwegen und Holland bekundeten bereits Interesse.


Hamburg - Der Steuerskandal greift auf andere Staaten über: Deutsche Fahnder sind bereit, ihre Daten über Steuerflüchtlinge und Liechtensteiner Stiftungen an andere Staaten weiterzugeben. Torsten Albig, Sprecher des Bundesfinanzministeriums, sagte gestern auf der Bundespressekonferenz, man würde auf Anfragen aus anderen Ländern eingehen, falls diese sich nach Informationen erkundigten.

Schloss Vaduz in Liechtenstein: Steuerfahndungen weiten sich aus
DDP

Schloss Vaduz in Liechtenstein: Steuerfahndungen weiten sich aus

Die Offerte wird laut "Financial Times" bislang vor allem im nordeuropäischen Raum gut aufgenommen: Finnland, Schweden und Norwegen bekundeten Interesse an den Informationen. Niederländische Behörden kontaktierten laut Bericht ebenfalls Berlin und fragten, ob Daten über niederländische Steuerflüchtlinge vorliegen würden.

Die dänische Regierung stufte die vom BND gekauften Daten über Konten in Liechtenstein hingegen als "Hehlerware" ein. Steuerminister Kristian Jensen sagte der Kopenhagener Zeitung "Børsen": "Wir haben nicht vor, gestohlene Angaben zu verwenden."

Heinrich Kieber, ein ehemaliger Angestellter der Liechtensteiner LGT-Bank, versorgte den Bundesnachrichtendienst (BND) nach SPIEGEL-Informationen im August 2006 mit insgesamt 4527 Datensätzen über Liechtensteiner Stiftungen und Institutionen, von denen etwa 1400 deutschen Investoren gehören. Rund 65 Prozent der Stiftungen existieren nach Angaben der Ermittler noch heute.

Auch andere Staaten erhielten von Kieber Informationen über Steuerflüchtlinge. Nach SPIEGEL-Informationen gab der Informant an Großbritannien und die USA delikate Datensätze weiter. "The Times" berichtet, dass Kieber zudem Kanada, Australien und Frankreich mit Informationen über Kunden der LGT-Bank versorgt habe.

Großbritannien erwartet durch die Auswertung der Daten hohe Steuergewinne. Dave Hartnett, Vorstand der Steuerbehörde HM Revenue & Customs, sprach von Nachzahlungen in Höhe von bis zu 100 Millionen Pfund.

In Deutschland ist die erste Welle von Razzien inzwischen vorbei, die Fahndungen waren nach SPIEGEL-Informationen äußerst erfolgreich. Die Ermittler konnten außergewöhnlich gutes Belastungsmaterial präsentieren - außer Kopien der Personalausweise von Besitzern liechtensteinischer Stiftungen auch umfangreiche Konten-Unterlagen sowie Details aus Beratungsgesprächen mit der liechtensteinischen LGT-Bank. Die Beweise waren so erdrückend, dass fast alle der mehr als hundert Beschuldigten direkt gestanden.

Der ehemalige LGT-Mitarbeiter Kieber hatte Zugang zu den Kundendaten bekommen, als die LGT-Bank ihn damit beauftragte, das Papierarchiv des Geldinstituts zu digitalisieren. Er hat vom BND inzwischen eine neue Identität erhalten.

ssu

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