Stinkendes Exportgut Fischmehl, Geld und fette Kälber

Nirgendwo auf der Welt werden so gigantische Mengen Fischmehl hergestellt wie in Peru - für Unternehmer ein Riesengeschäft, für die Umwelt ein Desaster. Fischreste, Blut und Öl fließen ungeklärt ins Meer. Ein großer Teil des übelriechenden Protein-Produktes geht nach Deutschland.

Aus Chimbote berichtet Knut Henkel


Aus dem bräunlich-schwarzen Sand in der Bucht von Chimbote ragen dicke, vom Rost zerfressene Rohre. Ein dünnes Rinnsaal ergießt sich aus einer Leitung ins Meer. Rotbraun schimmert die Flüssigkeit, die sich schnell in der lauen Brandung verteilt. "Pumpwasser", sagt Rómulo Loayza Aguilar. "Das enthält Fischreste, Blut und Öl, die einfach ungeklärt ins Meer geleitet werden", erklärt der Biologieprofessor von der Universität der nordperuanischen Stadt.

Die Fischmehl-Fabriken von Chimbote, Pisco und Callao sind zumeist altersschwache Umweltverpester, aber das ändert nichts an ihrem gigantischen Output. Mehr als eine 1,3 Millionen Tonnen Fischmehl gehen Jahr für Jahr von hier und anderen peruanischen Standorten nach Asien und Europa. Weltspitze - bei der Fischmehlherstellung kann es kein anderes Land mit Peru aufnehmen.

Vor der Küste von Chimbote, in der kontaminierten Bucht, dümpelt die größte Fischereiflotte des Landes. Die Fischer und die ganze Stadt, 180 Kilometer nördlich von Lima gelegen, leben von Sardine, Sardelle und Co. Neben China, dem wichtigsten Abnehmer, wird das streng riechende Pulver auch nach Deutschland exportiert. Inzwischen darf es nach einem EU-Beschluss auch wieder in der Kälber- und Lämmeraufzucht eingesetzt werden. Der Grund für die neuerliche Legalisierung der Tiermehlverfütterung: die Preisexplosion bei pflanzlichen Futtermitteln. Die Entscheidung aus Brüssel wird beim peruanischen Interessensverband der Fischereiindustrie mit Beifall aufgenommen.

"Aus der schönen Bucht eine Kloake gemacht"

Die peruanischen Unternehmer können sich auf steigende Preise für ihr Fischmehl einstellen. "Das bedeutet allerdings auch, dass die Belastungen für die Umwelt eher zu- als abnehmen", erklärt Aguilar. Seit zwanzig Jahren kämpft der Biologe für nachhaltige Fang- und Verarbeitungstechniken in der Fischindustrie.

Die gehört zu den schlimmsten Umweltverschmutzern an der Küste des Landes. In Chimbote schimmert der ehemals leuchtendgelbe Sandstrand im Zentrum der Stadt bräunlich-schwarz und ölig. Der Geruch nach altem Fisch beißt in der Nase. Am Ufer ist das Wasser ungewöhnlich trüb. Im Sand des Ufers schimmern Fischschuppen. Die Wellen spielen mit einem Sardinenkopf, der dann auf den Grund sackt.

"Der Boden des Meeres hier ist bedeckt von einem dicken Schlickteppich, der zu großen Teilen aus Fischresten besteht und von Jahr zu Jahr wächst", erklärt María Elena Foronda von der Umweltorganisation Natura. Sie wirbt seit Jahren für ein stimmiges Abwasserkonzept für die 350.000-Einwohnerstadt. "Aus der Bucht, einer der schönsten Perus, haben wir eine Kloake gemacht", klagt die Umweltaktivistin, die für ihre Arbeit mehrfach mit internationalen Preisen ausgezeichnet wurde. "Dabei wäre es technisch möglich Öl und Fischpartikel aus dem Wasser zu extrahieren und zu Geld zu machen", sagt die resolute Frau.

Die Möglichkeiten wären da - das bestätigt auch der deutsche Diplomchemiker und Meereskundler Michael Betz. Eine Zeit lang betrieb er im Fischereihafen von Pisco, der Nummer zwei nach Chimbote, eine Anlage zur Klärung der Abwässer aus der Fischindustrie. Derzeit plant er eine Kläranlage für eine Konservenfabrik in Paita. "Grundsätzlich ist es möglich, die Wertstoffe aus dem Wasser zu holen. Das würde sich auch im großen Stil lohnen, wenn man die Rahmenbedingungen anpassen würde", erklärt der Experte. Aber derzeit wird nicht mehr das ganze Jahr gefischt, sondern nur noch an etwa sechzig Tagen im Jahr – bis die vom Produktionsministerium gesetzte Quote gefangen ist. "Unter diesen Bedingungen lässt sich kein Klärwerk ökonomisch betreiben, denn die Bakterien springen nicht auf Knopfdruck an und beginnen zu arbeiten", so Betz.

Ein weiteres Problem: Die meisten Fabriken pumpen die kleinen Fische gemeinsam mit Unmengen an Meerwasser aus den Ladeluken der Kutter zur Weiterverarbeitung. Dieses Pumpwasser sorgt jedoch in den Kläranlagen für erhebliche Korrosionsschäden. Deshalb wäre es laut Betz vorteilhaft, die Fische über Vakuumpumpen aus den Luken in die Fabriken zu transportieren. Doch die Bereitschaft der Unternehmer und Behörden, die Abläufe zu ändern, ist gering. "Die peruanischen Unternehmer wollen schlüsselfertige Anlagen mit Garantie. Forschung ist nicht erwünscht", schildert der Umweltexperte seine Erfahrungen.

Eine Einschätzung, die Richard Inurritegua Bazán vom Fischereiverband SNP indirekt bestätigt: "Es gibt kein wirklich ausgereiftes Verfahren. Deshalb haben wir beschlossen, eine Pipeline ins Meer zu legen und die Abwässer grob gereinigt ins Meer zu pumpen." Ein Modell, das schon im Fischereihafen von Pisco angewandt wird, wo eine fünfzehn Kilometer lange Abwasserröhre ins Meer führt. "Das grundlegende Problem wird so jedoch nicht behoben, sondern nur verlagert", monieren Kritiker wie Aguilar und Foronda.

"Umweltpolitische Gesetzlosigkeit"

Das gibt auch Verbandsvertreter Bazán zu. Er sieht sich jedoch gegenüber der Bevölkerung in der Pflicht, endlich etwas zu tun. Zu einer gemeinsamen Kläranlage, die alle 44 Fischverarbeitungsunternehmen in Chimbote per Ringleitung verbindet, konnten sich die Unternehmen jedoch nicht durchringen. Die billigere Pipeline-Variante soll laut Bazán knapp 14 Millionen US-Dollar kosten. Das sei aus der Perspektive des verantwortlichen Produktionsministeriums eine akzeptable Lösung, sagt Minister Rafael Rey. "Aus den Augen, aus dem Sinn", laute da wohl die Devise, kritisiert Biologe Aguilar. "In Peru herrscht eine umweltpolitische Gesetzlosigkeit, es wird gnadenloser Raubbau betrieben."

Der Biologe hat die Hoffnung nicht aufgegeben, dass sich daran noch etwas ändern könnte. Er setzt auf den zunehmenden Druck von Seiten der Umweltverbände und aus der Gesellschaft. Die wehren sich gegen die Verschmutzung des Meeres und auch gegen die Kontaminierung der Luft durch die Emissionen der überalterten Fabriken. "Rund fünf Kilo Fischmehlstaub wird pro Tonne verarbeiteten Fisch durch die Schornsteine der Fabriken gejagt. Erkrankungen der Atemwege und der Haut bei den Anwohner sind nicht die Ausnahme, sondern die Regel", erklärt Foronda. Sie plädiert seit Jahren für die Stilllegung der überalterten Anlagen, die Fischmehl minderer Qualität liefern. Einziger Abnehmer dieser Ware ist China. Aus Europa wird hingegen die gehobene Qualität mit dem Stempel prime oder und super prime geordert. Sie wird in moderneren Fabriken mit geschlossenem Kreislauf und geringeren Emissionen produziert.

Experten der Welternährungsorganisation FAO stellen die Grundsatzfrage: Ist es überhaupt sinnvoll, kleine Fische zur Aufzucht von Huhn, Kalb, Lamm, Lachs und anderen Edelfischen zu pulverisieren? Die FAO hat der peruanischen Regierung schon vor Jahren empfohlen, die nahrhaften Fische für die Versorgung der eigenen Bevölkerung mit Proteinen zu verwenden. Das hätte den weiteren Vorteil, dass Jobs in den Konservenfabriken von Chimbote entstehen könnten.

Doch von derartigen Zukunftsvisionen hält der Fischerei-Vertreter Bazán nichts. Er setzt darauf, noch mehr Fischfarmen aufzubauen und die nationale Fischmehlproduktion nach chilenischem Vorbild an Lachs, Seewolf und Co. zu verfüttern.

So könnte die Fischereibranche gleich zwei Mal Kasse machen – solange die Fische reichen.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 15 Beiträge
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jassojasso, 04.05.2008
1. John Lilly
John Lilly hat schon in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts gesagt, dass die Natur beschlossen habe so giftig zu werden, dass sie sich unserer entledige. In dieses Projekt hat sie uns klugerweise mit einbezogen. Weiter so, es gibt kein entrinnen.
Extremophile 04.05.2008
2. Nur Vegetarier leben wirklich verantwortlich
Zitat von sysopNirgendwo auf der Welt werden so gigantische Mengen Fischmehl hergestellt wie in Peru - für Unternehmer ein Riesengeschäft, für die Umwelt ein Desaster. Fischreste, Blut und Öl fließen ungeklärt ins Meer. Ein großer Teil des übelriechenden Protein-Produktes geht nach Deutschland. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,551051,00.html
Die Futtermittelproduktion für unseren Fleischkonsum zerstört seit Jahren die Meere und Regenwälder und ist neben der Korruption die größte Ursache für den Welthunger. Deshalb bin ich schon seit 20 Jahren Vegetarier, und seither ist kein Monat vergangen, in dem ich mich nicht aufs neue bestätigt gesehen habe. Ich erspare mir so das schlechte Gewissen, dass jedes mal, wenn ich mich sättige, ich damit den Hunger von zehn anderen Menschen mitverantworte.
The Godfather 04.05.2008
3. ...
Zitat von ExtremophileDie Futtermittelproduktion für unseren Fleischkonsum zerstört seit Jahren die Meere und Regenwälder und ist neben der Korruption die größte Ursache für den Welthunger. Deshalb bin ich schon seit 20 Jahren Vegetarier, und seither ist kein Monat vergangen, in dem ich mich nicht aufs neue bestätigt gesehen habe. Ich erspare mir so das schlechte Gewissen, dass jedes mal, wenn ich mich sättige, ich damit den Hunger von zehn anderen Menschen mitverantworte.
Na da machich mir doch gleich mal nen Steak.
rabenkrähe 04.05.2008
4. Skrupellos
Zitat von sysopNirgendwo auf der Welt werden so gigantische Mengen Fischmehl hergestellt wie in Peru - für Unternehmer ein Riesengeschäft, für die Umwelt ein Desaster. Fischreste, Blut und Öl fließen ungeklärt ins Meer. Ein großer Teil des übelriechenden Protein-Produktes geht nach Deutschland. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,551051,00.html
....... Es ist immer wieder erstaunlich, wie skrupellos Geschäftemacher mit der Natur und der Schöpfung umgehen. Rücksichtslos und kurzsichtig. Um das festzustellen, muß allerdings nicht unbedingt nach Peru geschaut werden, ein Blick in die eigenen Kochtöpfe, deren Inhalte mit antibiotika- und hormonbehandeltem Fleisch und diversen chemischen Keulen belasteten Gemüse befrachtet sind. rabenkrähe
ignazwrobel 04.05.2008
5. Aussterben für Alle
Zitat von sysopNirgendwo auf der Welt werden so gigantische Mengen Fischmehl hergestellt wie in Peru - für Unternehmer ein Riesengeschäft, für die Umwelt ein Desaster. Fischreste, Blut und Öl fließen ungeklärt ins Meer. Ein großer Teil des übelriechenden Protein-Produktes geht nach Deutschland. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,551051,00.html
Fast jede Art,die von der Natur hervorgebracht wurde ist dazu bestimmt auszusterben. So wird es auch dem Menschen ergehen.Eine andere Bestimmung ist von der Natur nicht vorgesehen. Aber keine andere Art als der Mensch bereitet sein Aussterben selber vor.
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