Straftaten Wirtschaftskriminalität kostet deutsche Firmen Milliarden

Unterschlagung, Veruntreuung, Korruption: Wirtschaftsstraftaten kosten deutsche Unternehmen sechs Milliarden Euro pro Jahr. Und das sind nur die Kosten für die aufgedeckten Fälle. Firmenchefs vermuten Probleme überall - nur nicht bei sich selbst.

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Hamburg – Betrüger in Nadelstreifen – davon gibt es nach Ansicht von Managern deutscher Unternehmen viele: In jedem zweiten Unternehmen vermuten sie Fälle von Unterschlagung, Veruntreuung, Korruption und Bestechung. Diese Schätzung ist ziemlich realistisch. 49 Prozent aller Unternehmen sind in den vergangenen zwei Jahren Opfer von Wirtschaftsstraftaten geworden, ist das Ergebnis einer Studie der Wirtschaftsprüfergesellschaft PriceWaterhouseCoopers, die heute in Frankfurt vorgestellt wurde.

Wirtschaftsstandort Frankfurt: "Deutsche Unternehmen verdrängen das Problem"
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Wirtschaftsstandort Frankfurt: "Deutsche Unternehmen verdrängen das Problem"

Umso bemerkenswerter ist die Diskrepanz zur Einschätzung der Gefahren, die im eigenen Haus lauern. Nur zehn Prozent aller befragten Manager befürchten, selbst einmal Opfer von Wirtschaftskriminalität zu werden.

"Deutsche Unternehmen verdrängen das Problem", sagt Steffen Salvenmoser, einer der Autoren der Studie. "Sie vertrauen zu sehr auf ihre Kontrollen und Präventionsmaßnahmen - obwohl die in aller Regel nicht ausreichend sind und im internationalen Vergleich hinterherhinken."

Dabei sind die Schäden erheblich: Gut sechs Milliarden Euro verlieren deutsche Unternehmen jährlich allein durch die aufgedeckten Delikte. In dieser Summe sind nicht nur die direkten finanziellen Schäden enthalten, die durch die Straftat entstehen, sondern auch die Kosten, die Reputationsverlust, Rückgang des Aktienkurses, Beeinträchtigung der Geschäftsbeziehungen, Kosten für PR und Rechtsbeistand mit sich bringen - und nicht zuletzt der Zeitaufwand des Managements.

Gier nach Geld

Das Gefühl der eigenen Unverwundbarkeit ist nach Einschätzung der PWC-Experten der entscheidende Grund für das Ausmaß der Kriminalität. "Unternehmen werden an ihren Zahlen gemessen", erklärt Salvenmoser, warum die Deutschen im Vergleich etwa zu ihren westeuropäischen Nachbarn weniger Wert auf Präventionsmaßnahmen legen. "Prävention ist teuer, kostet Geld und solange kein Fall entdeckt ist, scheint es billiger, auf vorbeugende Kontrollen zu verzichten. Denn das Geld, was man durch einen Fall, der nicht stattgefunden hat, gespart hat, lässt sich nicht in der Bilanz abbilden."

Tatsächlich machen allein Unterschlagung und Betrug 33 Prozent aller Straftaten aus – das bedeutet, dass der Täter aus dem eigenen Haus kommt oder enge Beziehungen zum Unternehmen hat, etwa durch Kunden, Zulieferer oder Einkäufer. "Knapp jeder zweite Täter ist im geschädigten Unternehmen beschäftigt", heißt es in der Studie. "Innerhalb der Gruppe der externen Straftäter drohen die größten Risiken durch Kunden und Mandanten des Unternehmens sowie Geschäftspartner."

Die Gründe für die Straftaten sind naheliegend: "Individuelle Gründe" macht die PWC-Studie als Hauptursache aus – womit nichts anderes als die Gier nach Geld gemeint ist. Fehlende Beförderung, mangelnde Karrierechancen oder der Eindruck, nicht angemessen für seine Arbeit bezahlt zu werden, all das kann dazu führen, dass fiktive Rechnungen geschrieben, Beträge falsch gebucht oder Provisionen in die eigene Tasche gesteckt werden. "All das dient der inneren Rechtfertigung und kann wenn überhaupt nur mit Kontrollmaßnahmen und einer guten Firmenkultur bekämpft werden", sagt Ex-Staatsanwalt Salvenmoser.

Diese Einsicht aber fehlt in vielen Unternehmen. Noch immer ist es in erster Linie dem Zufall zu verdanken, wenn ein Fall aufgedeckt wird. So wunderte sich der Steuerprüfer, wie eine Beratungsfirma Umsätze im hohen zweistelligen Millionenbereich ohne einen einzigen Angestellten machen konnte. Heraus kam, dass die Firma ein Tarnunternehmen war, über das fiktive Beratungsleistungen für ein Unternehmen abgerechnet wurden. Dort aber war das Fehlen der Millionenbeträge noch gar nicht aufgefallen. Dagegen führen "systematische Kontrollen seltener zur Aufdeckung von Delikten als in ausländischen Unternehmen", stellt die Studie hierzu fest.

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"Deutsche Manager glauben leider immer noch zu häufig, dass bei ihnen nichts passiert", sagt auch Salvenmoser. "Dabei merken sie es nur nicht." Das bezieht sich nicht nur auf das Inland: Auch in Wachstumsmärkten mit einem in der Regel deutlich höheren Risiko agieren deutsche Firmen vergleichsweise sorglos: "So haben nur 39 Prozent der Befragten ihre Kontrollmaßnahmen in China in den vergangenen zwei Jahren intensiviert, aber 53 Prozent der übrigen ausländischen Unternehmen", so ein Ergebnis der Studie.

Präventionskultur fehlt

Was fehlt, ist eine Präventionskultur, wie sie etwa in den USA vorherrscht: "Auf Grund der großen Bilanzierungsskandale wie etwa Enron oder Worldcom herrschen hier deutlich strengere Gesetze", sagt Salvenmoser. So haben nicht nur 94 Prozent aller Unternehmen sogenannte Ethikrichtlinien, sondern sie werden auch deutlich häufiger – nämlich in 73 Prozent der Fälle – durch ein Compliance-Programm abgesichert. Mit solchen Programmen werden Verhaltensstandards erarbeitet, den Mitarbeitern vermittelt und überwacht.

"Natürlich reicht es nicht aus, nur einen Code of Conduct zu haben", sagt Salvenmoser. Man müsse bestimmte Verhaltensregeln zum Beispiel auch in die Zielvereinbarungen von Managern schreiben.

Durchschnittlicher Schaden pro Unternehmen in Euro

Delikt Weltweit E7-Länder*
Unterschlagung/Betrug 639.783 2.169.771
Falschbilanzierung 710.598 2.535.564
Korruption 221.092 1.471.930
Geldwäsche 127.697 278.588
Produktpiraterie/Industriespionage 1.314.488 1.622.577
Managementkosten 357.399 614.729
Durchschnittlicher Gesamtschaden: 1.613.322 4.375.586

* Als E7-Länder gelten China, Russland, Indien, Brasilien, Mexiko, Indonesien und Türkei (Quelle: PWC 2007)

Dass die Ethikrichtlinien und Compliance-Programme aber funktionieren, zeigt die Studie eindeutig: Weltweit wurden nur 38 Prozent der Unternehmen, die über solche Standards verfügten, Opfer von Wirtschaftskriminalität. In der Vergleichsgruppe ohne die Kontrollmaßnahmen waren es dagegen 54 Prozent.

Wohin das führen kann, hat nicht zuletzt der Korruptionsskandal bei Siemens gezeigt: Der Konzern kommt seit Monaten nicht aus den Schlagzeilen, allein die Kosten für Anwälte und Privatermittler haben sich in den ersten drei Quartalen dieses Jahres auf 190 Millionen Euro summiert. "Durch diesen und andere Fälle der vergangenen Jahre haben Manager gemerkt, dass sie das Thema ernst nehmen müssen", sagt PWC-Experte Salvenmoser. "Sie haben begriffen, dass das immense Schäden sind, die nicht nur den Arbeitsplatz kosten, sondern auch zu Strafzahlungen und sogar Haftstrafen führen können."

Siemens immerhin hat aus seiner Lektion gelernt: Der Technologiekonzern schult derzeit weltweit seine Mitarbeiter und hat ein neues Vorstandsressort Recht und Korruptionsbekämpfung geschaffen. Dort kümmert sich Peter Solmssen künftig nur noch darum, dass die internen Unternehmensrichtlinien eingehalten werden.



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