Streikfolgen Wütende Passagiere, kilometerlange Staus

Der Lokführerstreik verursacht Chaos - allerdings nicht in den Bahnhöfen, sondern auf den Straßen. Bundesweit bildeten sich auf den Autobahnen kilometerlange Staus. Mancherorts bekamen die Streikenden die Wut der wartenden Passagiere zu spüren.


Hamburg - Wegen des Streiks der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) ist es heute Morgen bundesweit zu Beeinträchtigungen im Regional- und S-Bahn-Verkehr der Deutschen Bahn gekommen. Die Schwerpunkte der Arbeitskampfmaßnahmen liegen in den neuen Bundesländern, teilte die Bahn in Berlin mit. Grund dafür sei, dass in Ostdeutschland, im Gegensatz zum Westen, kaum verbeamtete Lokführer beschäftigt seien.

Stillstehende Regionalbahn (in Magdeburg): Verständnis eines Graffiti-Sprayers
DPA

Stillstehende Regionalbahn (in Magdeburg): Verständnis eines Graffiti-Sprayers

Ein Bahnsprecher betonte, dass es im Fernverkehr kaum Einschränkungen gebe. Hier führen die Züge planmäßig. Die Situation auf den Bahnhöfen sei sehr ruhig, da sich die Reisenden offensichtlich auf den Streik eingestellt hätten. Die Bahn rechnete damit, dass sich die Situation im Schienennahverkehr etwa zwei bis drei Stunden nach Ende des Streiks wieder normalisiert. Die GDL hatte den Streik heute Morgen um 2 Uhr begonnen und will ihn um 11 Uhr beenden. Für die kommenden Tage sind, mit Ausnahme des Wochenendes, weitere Streiks möglich.

Die Arbeitsniederlegungen würden rechtzeitig angekündigt, sagte GDL-Vize Claus Weselsky. "Wenn wir Erfolg haben, werden wir es bei befristeten Aktionen belassen", sagte er. "Ein unbefristeter Streik wäre erst der nächste Schritt."

Über die Auswirkungen des Streiks können sich Bahn-Kunden im Internet unter www.bahn.de/aktuell oder bei der kostenlosen Service-Hotline 08000 - 99 66 33 informieren.

Dort, wo Reisende stundenlang auf einen Zug warten mussten, kam es gelegentlich zu heftigen Wortgefechten zwischen ihnen und den streikenden Lokführern. "Das ist idiotisch, was ihr hier macht. Ich bin seit drei Uhr unterwegs", rief ein aufgebrachter Bahnkunde in Frankfurt den Streikenden zu. "Ihr seid ein Dienstleistungsunternehmen. Ich bezahle Geld, dass ihr mich von A nach B bringt. Ihr kommt nie auf einen grünen Zweig." Die Streikenden blieben gelassen. "Ich denke, dass die Mehrheit der Reisenden immer noch hinter uns steht und für uns Verständnis hat", sagte ein Lokführer.

Auf den Straßen in Deutschland richtete der Lokführerstreik heute Morgen ein Chaos an. "Es geht richtig heftig zu", sagte ADAC-Sprecherin Maxi Hartung. Der Berufsverkehr habe zwar schon um 5.30 Uhr und damit extrem früh begonnen, "aber trotzdem haben wir lange Staus".

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Besonders schlimm erwischte es München. Vom Ammersee Richtung München standen die Autos auf 25 Kilometer Länge. Auf der A81 vor Stuttgart bildete sich am Morgen ein zwölf Kilometer langer Stau. "Im Rhein-Ruhr-Gebiet von Köln bis Dortmund gibt es keine Autobahn, die nicht voll ist", sagte die ADAC-Sprecherin. Auch vor Hannover, Bremen und Hamburg stauten sich die Blechkolonnen. Beim Streik am vergangenen Freitag sei es nicht so schlimm zugegangen, damals hätten offenbar doch einige Arbeitnehmer frei genommen, sagte Hartung.

Es handelte sich bereits um den dritten Ausstand der Lokführer in zwei Wochen. Wie die Bahn erklärte, konnte wegen der kurzfristigen Ankündigung kein geordneter Notfahrplan mehr aufgestellt werden. Man strebe aber an, im Nahverkehr rund 60 Prozent der Verbindungen zu bedienen, teilweise auch über Bus-Ersatzverkehr. Tatsächlich fielen bundesweit 50 Prozent des Nah- und S-Bahn-Verkehrs aus, stellenweise, vor allem an den ostdeutschen Streikschwerpunkten, sogar bis zu 80 Prozent.

Grund für den Streik ist die Forderung der GDL nach einem eigenständigen Tarifvertrag mit höherer Bezahlung und besseren Arbeitszeitregelungen. Die Bahn hatte am Montag ein neues Angebot vorgelegt. Es orientiert sich an dem Abschluss, der im Sommer mit den Gewerkschaften Transnet und GDBA erzielt wurde: 4,5 Prozent mehr Geld zum 1. Januar 2008 sowie eine Einmalzahlung von 600 Euro. Außerdem schlug die Bahn Mehrarbeit vor, um den Lokführern ein höheres Einkommen zu ermöglichen. Überdies sollen nach dem Vorschlag rund 100 Überstunden des laufenden Jahres ausbezahlt werden - was 1400 Euro brutto ergibt. Die Bahn sagte außerdem zu, die Dienstpläne mitarbeiterfreundlicher zu gestalten als bisher.

Die GDL wies dieses Angebot als "alten, schlechten Wein in neuen Schläuche" ab. GDL-Vize Günther Kinscher wies zudem den Vorwurf zurück, seine Gewerkschaft würde eine Lösung im Tarifkonflikt durch Blockadehaltung verhindern. Er warf der Bahn Irreführung der Öffentlichkeit vor. "Der Bahn-Vorstand zieht offensichtlich ins Kalkül, hier durch gezielte Fehlinformation der Öffentlichkeit zu suggerieren, dass man uns ein Super-Angebot unterbreitet hat und wir überhaupt nicht verhandlungsbereit sind", kritisierte Kinscher im ARD-"Morgenmagazin". "Das ist nicht die Tatsache", stellte er klar.

Kinscher sagte, die Bahn habe sich im Moderationsverfahren unter den CDU-Politikern Kurt Biedenkopf und Heiner Geißler verpflichtet, mit der GDL über einen "eigenständigen Tarifvertrag zu verhandeln". Das müsse der Bahnvorstand nun auch endlich tun.

kaz/AP/ddp/dpa



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