Streit über Sanierung Telekom-Chef reagiert auf Mitarbeiter-Brandbrief

Einen solchen Fall hat es in einem deutschen Großkonzern wohl noch nicht gegeben: Die Protest-Mail eines Telekom-Mitarbeiters brachte den Frust der Kollegen so gut auf den Punkt, dass sie sich verbreitete wie ein Kettenbrief. Jetzt sah sich Vorstandschef Obermann persönlich zur Antwort veranlasst.

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Hamburg – Fast zwei Wochen sind vergangen, seit ein Techniker der Festnetzsparte T-Com aus Frust über den Spar- und Sanierungskurs im Konzern eine Mail an René Obermann, die Gewerkschaft und andere Empfänger abschickte. Von der "Arroganz und Selbstherrlichkeit" des Managements war darin zu lesen, das "skrupellos einen immer größeren Scherbenhaufen hinterlasse" und hinterher mit "voll gestopften Taschen" weiter ziehe wie "Heuschrecken".

Telekom-Chef Obermann (auf der Cebit): "Es ist seit geraumer Zeit in Mode, sich über uns lustig zu machen. Das macht mich betroffen."
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Telekom-Chef Obermann (auf der Cebit): "Es ist seit geraumer Zeit in Mode, sich über uns lustig zu machen. Das macht mich betroffen."

Die Mail traf einen Nerv – denn in diesen zwei Wochen wurde sie erst konzernintern tausendfach weiter und weiter verschickt, bis sie schließlich auch im Internet gepostet und in einem links orientierten Berliner Blatt abgedruckt wurde.

Eine Erwiderung auf seine Kritik erhielt der Techniker nicht – bis zum frühen Mittwochnachmittag. Und dann ging sie nicht nur an ihn, sondern an den ganz großen Verteiler. Denn Konzernchef Obermann mailte nicht nur eine Replik an den Berliner Angestellten - auch sämtliche anderen Mitarbeiter der Deutschen Telekom AG Chart zeigen erhielten einen ähnlichen Brief.

"Die Beleidigungsgrenze überschritten"

"Im Moment wird sehr heftig über einen Brief diskutiert, der von einem T-Com-Mitarbeiter aus Berlin verfasst und öffentlich gemacht wurde", bemerkt Obermann da – und es habe noch "zahlreiche" andere kritische Mails gegeben. Die "Beleidigungsgrenze" sei "in den jüngsten Briefen mehrfach überschritten" worden. Der Konzernvorstand wolle sich gerne auch kritischen Diskussionen stellen, aber nur "auf einer sachlichen Ebene".

Dass sich ein Konzernchef nach einer Mail-Debatte unter Angestellten auf diese Weise zur Stellungnahme veranlasst sieht, dürfte wohl beispiellos sein. Es zeigt, dass Mitarbeiter über Intranet, interne Mails und Blogs ein neues Medium des Protestes gegen ihre Vorstände gewonnen haben - ohne das der Berliner Techniker wohl kaum zum Sprecher für Tausende Kollegen geworden wäre.

Der Streit im Fall Telekom entzündet sich an Obermanns Plan, rund 50.000 Mitarbeiter in die neue Konzernsparte T-Service auszugliedern. Dort sollen sie weniger verdienen, länger arbeiten - und zu "flexibleren" Zeiten eingesetzt werden. Auch der Berliner T-Com-Techniker gehört nach eigenen Angaben zu den Betroffenen. Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE bestätigte er, er habe den Brief seines Vorstandschefs erhalten. Er wolle Obermann nun direkt antworten und öffentlich erst einmal keine Stellung zum Inhalt der Mail beziehen.

Gespräche mit Ver.di ab Donnerstag

In seiner Mail wehrt sich Obermann unter anderem gegen den Vorwurf, er und seine Vorstandskollegen hätten "keine Bindung zum Unternehmen". Er schreibt: "Ich bin seit fast neun Jahren im Konzern. … Nur aus dieser Verbundenheit heraus wollen wir die absolut dringenden Reformen ... machen und müssen akzeptieren, dafür öffentlich beschimpft zu werden."

Ebenfalls unrichtig sei, dass er den Service der Telekom schlecht rede, um den Druck auf die Mitarbeiter zu erhöhen. Es sei vielmehr unbestreitbar, dass sich viele Kunden über "unsere Performance" beschweren würden. "Wir sind bevorzugtes Gesprächsthema in den Kneipen der Republik – es ist seit geraumer Zeit in Mode, sich über uns lustig zu machen. Das macht mich sehr betroffen."

Er habe Obermanns Brief zwar noch nicht lesen können - finde es aber prinzipiell "richtig, dass das Management hier reagiert hat", sagte Wolfgang Borkenstein, Gesamtbetriebsratschef bei der Festnetzsparte T-Com am Mittwochnachmittag. "Denn das beschäftigt die Mitarbeiter sehr." Gerade erst komme er von einer Betriebsversammlung in Hannover mit fast 2000 Beschäftigten - auch dort sei der Berliner Brandbrief ein Thema gewesen. "Es hat eine breite Diskussion darüber gegeben, mehrere Kollegen haben bei der Versammlung daraus zitiert. Viele Leute haben sich darin wieder gefunden."

"Diese Diskussion sollte intern geführt werden", schreibt Obermann am Schluss seiner Mail. Dass dieser Wunsch in Erfüllung geht, ist zweifelhaft – der Streit über Sparkurs und Konzernumbau ist längst zu emotionsbeladen. Dabei fängt er erst an: Am Donnerstag nimmt das Management seine Sanierungsgespräche mit der Gewerkschaft Ver.di auf.



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