Streit über Streikbrecher Ver.di-Methoden spalten Lufthansa-Belegschaft

Der Streik bei Lufthansa frustriert Tausende Passagiere - und entzweit die Belegschaft. Viele Mitarbeiter lehnen die Forderungen von Ver.di ab, in Hamburg begehren Angestellte offen gegen die Methoden der Gewerkschaft auf. Trotzdem weitet Ver.di den Streik weiter aus.


Hamburg - Wenigstens vor dem Lufthansa-Technik-Bereich in Hamburg ist die Ver.di-Welt noch in Ordnung. Laute Rockmusik scheppert durch die sengende Hitze, ein paar Streikende spielen Fußball, der Rest hält plaudernd im Schatten die Stellung. Würstchen und Kartoffelsalat werden ausgeteilt, und die Stimmung sei bestens, heißt es am knallroten "Tourbus" der DGB Jugend Nord. "Die Wartung ist im Prinzip stillgelegt", sagt Betriebsträtin Petra Sangenstedt. Es sei nur eine Frage der Zeit, bis die Blockade auch auf dem Hamburger Flughafen für Chaos sorge.

Lufthansa-Mitarbeiterin beim Streik: Ver.di hat in den vergangenen Jahren nirgendwo so viel Macht verloren wie in der Luftfahrt
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Lufthansa-Mitarbeiterin beim Streik: Ver.di hat in den vergangenen Jahren nirgendwo so viel Macht verloren wie in der Luftfahrt

Ein paar hundert Meter weiter, an der Seitenzufahrt zu den Wartungshallen, ist die Stimmung nicht mehr ganz so heimelig. Jedes Mal, wenn ein Auto die Schranke passiert, stecken ein halbes Dutzend Männer in roten T-Shirts ihre Trillerpfeifen in den Mund, um gellenden Lärm zu produzieren. "Immer schön weiterarbeiten", brüllt einer per Megaphon mit deutlicher Ironie in der Stimme den vermeintlichen Streikbrechern zu. "Da wird man übelst ausgebuht", sagt eine Mitarbeiterin, die sich das Spektakel seit Beginn des Streiks antut. Dabei stehe ein großer Teil der Mitarbeiter in Hamburg nicht hinter dem Ausstand.

Ver.di sagt das Gegenteil. Deutlich ist: Die Belegschaft ist tief gespalten angesichts des Arbeitskampfes. "Das ist der vollkommen falsche Zeitpunkt", sagt eine Mitarbeiterin an einem Schalter der Luftlinie im Abflugsterminal. Die Airline sei wegen der angespannten wirtschaftlichen Lage und der hohen Kerosinpreisen "schon gebeutelt genug". Auch die Kollegin neben ihr guckt nachdenklich - sie fürchtet schon Zustände wie nach dem 11. September 2001. Damals seien wegen der plötzlichen Flaute im Flugverkehr die Arbeitszeiten zusammengestrichen worden. "Wenn wir im Winter noch mehr Probleme kriegen und es dann wieder so weit kommt, haben wir von höheren Gehältern nichts."

Bei solch deutlichen Worten bleibt es nicht. Unter den Mitarbeitern werden derzeit Flugblätter verteilt, die auf den ersten Blick aussehen, als wären sie von Vertretern der Arbeitgeberseite geschrieben. "Für den Streik als Arbeitskampfmaßnahme gilt das Ultima-Ratio-Prinzip", steht darauf. Und am Ende: "Wir fordern die Tarifpartner auf, an den Verhandlungstisch zurückzukehren!" Tatsächlich wurden die Flyer von Mitgliedern der Vereinigung Boden gedruckt - einer Mitarbeiter-Gruppierung, die 2001 gegründet wurde und inzwischen nach eigene Angaben deutschlandweit rund 1000 Mitglieder hat.

Den Angriff auf die Kollegen begründet Burkhard Walter, Hamburger Vertreter der Vereinigung, schlicht mit den Worten: "Der Streik ist eine große Show." Ver.di kämpft seiner Ansicht nach mit dem Ausstand eher um die flüchtenden Mitglieder und den schwindenden Einfluss im Konzern als um höhere Tarife. "Sonst wären die Tarifverhandlungen anders verlaufen."

Auch Hagen Lesch, Tarifexperte des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft, warnt: Der Streik könnte vor allem wegen des Nebeneinanders verschiedener Arbeitnehmergruppierungen bei der Lufthansa verheerende Folgen haben. "Da geht es dann um das Aufschaukeln von Lohnforderungen", sagt Lesch. "Ver.di will ihren Mitgliedern zeigen, dass sie alles tut, um das Maximale herauszuholen." Dadurch könne die Gewerkschaft auch neue Mitglieder gewinnen.

Ungeachtet dessen hat die Gewerkschaft den Streik heute weiter ausgedehnt. Am Dienstag wurden neben den Streik-Schwerpunkten in Frankfurt und Hamburg erstmals auch die Flughäfen in Berlin in die Arbeitskämpfe einbezogen. Am Abend sollte Stuttgart folgen. "Ab Dienstagabend sind alle Standorte der Lufthansa in Deutschland in den Arbeitskampf einbezogen", hieß es in einer Ver.di-Mitteilung. Allerdings seien die Geschäftsfelder je nach Standort unterschiedlich in dem seit Montag um 0.00 Uhr laufenden Streik einbezogen.

Ver.di-Mitglieder, die gegen Cockpit demonstrieren

Klar ist: Ver.di in den vergangenen Jahren wohl nirgends soviel Macht verloren wie in der Luftfahrt. Neben der Großgewerkschaft kämpfen allein bei der Lufthansa die Vereinigung Cockpit, die Unabhängige Flugbegleiter-Organisation UFO sowie kleinere Gruppierungen wie etwa KabineKlar oder eben die Vereinigung Boden um Mitglieder. Das Hickhack zwischen den Gruppierungen führt teils zu skurrilen Szenen. Im April etwa demonstrierten Hunderte Ver.di-Mitglieder vor der Cockpit-Jahresversammlung, weil die Arbeitnehmervertretungen über einen Tarifvertrags bei der Lufthansa-Tochter CityLine zankten.

Der aktuelle Streik gibt Ver.di im Kampf um die Mitarbeiter nun offensichtlich wieder Aufwind. Beim "Tourbus" des DGB in Hamburg können praktischerweise gleich Mitgliedsanträge ausgefüllt werden - und das Interesse ist laut Betriebsrätin Sangenstedt so groß, dass sie schon keinen Überblick mehr über die genauen Erfolge dieses Tages hat. "Gestern kamen die Leute bis zwölf Uhr nachts, um zu unterschreiben."

Bei dem Streikfest in Hamburg sind viele Ver.di-Mitglieder trotzdem sauer auf die querschießenden Kollegen, die Kritik an dem Ausstand üben. "Ich finde das egoistisch. Jetzt werfen sie uns vor, wir machten das Unternehmen kaputt, sagt Sangenstedt: "Aber ich kenne niemand, der deshalb auf die Lohnerhöhung verzichten würde, die wir rausschlagen werden."

Auch ein Ver.di-Mann, der seinen Namen nicht nennen will und normalerweise die Liegezeiten für große Privatflieger organisiert, fordert mehr Solidarität. Bei dem Vorwurf, es ginge Ver.di nur um die Macht, wird er ungehalten. "Ich kriege seit Jahren immer nur 1,5 oder zwei Prozent mehr Geld", schimpft er. Das gleiche nicht einmal die Inflation aus. "Und wenn ich dann höre, wie viel sich die Manager da in die Tasche streichen, während ich mir immer weniger kaufen kann: Da kommt mir die Galle hoch." 2300 Euro netto bleiben ihm am Ende des Monats, davon gehe noch der Unterhalt für seine Frau und seinen Sohn ab. "Ich kann mir keinen Urlaub mehr leisten", sagt er.

Die Härte, die die Gewerkschaft nun zeigt, sei längst fällig gewesen. "Die waren viel zu weich bislang", sagt der Mann. Schon deswegen hätten immer mehr Mitarbeiter der Gewerkschaft den Rücken gekehrt. Dass der Streik nach einem eher mauen Auftakt bald auch in Hamburg sichtbar seine Wucht entfaltet - daran hat auch er keinen Zweifel. "Mein Chef rief mich gestern Abend an und erklärte mir, er könne mich unbemerkt ins Gebäude schleusen", erzählt er. Das zeige ja schon, dass der Streik dem Unternehmen ziemlich weh tut.

Mit Material von dpa



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