Streit um Aufsichtsratsposten Hillary und die Wal-Mart-Connection

Hillary Clinton gibt sich als Fürsprecherin des kleinen Mannes, schimpft auf gewerkschaftsfeindliche Konzerne wie Wal-Mart. Eine Wahlkampfspende des Einzelhändlers gab sie empört zurück. Dabei saß Clinton über Jahre im Wal-Mart-Aufsichtsrat – mit zweifelhafter Bilanz.

Von , New York


New York - Wal-Mart ist einer der beliebtesten Prügelknaben der US-Demokraten. Keine Wahlkampfveranstaltung vergeht, ohne dass einer der Kandidaten den weltgrößten Einzelhändler als Ausbeuter des gemeinen Mannes brandmarkt. "Wal-Mart Chart zeigen ist ein Symbol für die Probleme des heutigen Amerikas", donnert etwa John Edwards. Und Hillary Clinton gab voriges Jahr eine Wal-Mart-Wahlspende von 5000 Dollar zurück, als sei es schmutziges Mafia-Geld.

Politikerin Clinton: Bei vielen Fragen "weitgehend still"
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Politikerin Clinton: Bei vielen Fragen "weitgehend still"

Doch der Mega-Konzern aus Arkansas muss sich nicht allzu sehr sorgen. Die Kritik der Politiker ist meist nur Stimmenfang. Und wer hinter die Kulissen blickt, findet dort oft erstaunliche Zweckallianzen. Zum Beispiel eben die von Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton. Die frühere First Lady habe "ernsthafte Differenzen mit den gegenwärtigen Firmenpraktiken" Wal-Marts, betonte ihre Sprecherin Ann Lewis, als Clinton den Scheck ablehnte. Man beachte die Wortwahl: "gegenwärtige" Firmenpraktiken.

Das war nicht immer so. Von 1986 bis 1992 saß Clinton, damals Anwältin und First Lady von Arkansas, im Aufsichtsrat von Wal-Mart. Es ist ein Kapitel ihrer Biografie, das zwar schon früher ein paar Mal durch die Zeitungen gegeistert ist, das Clinton aber nicht in ihrem offiziellen Lebenslauf erwähnt. Gestern rollte die "New York Times" die ganze Sache neu auf. Und so kommt "Wal-Marts First Lady", wie die "Village Voice" Clinton verspottet, plötzlich in Erklärungsnot.

15.000 Dollar inklusive Firmenjet

1986 kam Wal-Mart-Gründer Sam Walton unter wachsenden Druck von Aktionären (und seiner eigenen Gattin Helen), eine Frau in den 15-köpfigen Aufsichtsrat zu berufen. Walton habe zuerst jemand anderen gefragt, doch eine Absage bekommen - und sei dann an Hillary Clinton herangetreten.

Bill Clinton war zu jener Zeit Gouverneur von Arkansas, dem Heimatstaat von Wal-Mart. Hillary Clinton, damals 39 Jahre alt, war eine prominente Anwältin in der Rose Law Firm, die Wal-Mart juristisch vertrat, und war auch selbst Wal-Mart-Aktionärin. Sie sagte zu, für 15.000 Dollar im Jahr - inklusive freier Nutzung von Firmenjets - an im Schnitt vier Aufsichtsratssitzungen pro Jahr teilzunehmen. Sechs Jahre saß sie im Board, bis ihr Mann dann 1992 den Präsidentschaftswahlkampf antrat.

Die "New York Times" berichtete unter Berufung auf ungenannte "Ratskollegen und Firmenmanager", Clinton habe ihre Position genutzt, "um für persönliche Anliegen zu fechten", etwa den Aufstieg von Frauen ins Management und ein Umweltprogramm. Bei anderen Fragen aber sei sie "weitgehend still" gewesen.

Garry Mauro, ein ehemaliger Wal-Mart Kollege und persönlicher Freund, verteidigte Clinton. "Hat Hillary alle Methoden von Wal-Mart gemocht? Nein", sagte er der "Times". "Aber war Wal-Mart ein besseres Unternehmen, weil Hillary im Direktorium saß? Ja." Fest steht, dass der damals schon größte Einzelhändler der Welt während der achtziger Jahre von 21.600 auf rund 300.000 Angestellte wucherte. Und als die Clintons nach Washington zogen, waren Hillarys Wal-Mart-Aktien 100.000 Dollar wert.

"Ein Schnäppchen ist ein Schnäppchen"

Trotz Clintons angeblichem Einsatz für Frauenrechte bei Wal-Mart hat sich dessen Personalpolitik über die Jahre kaum verbessert. Die Zahl der Frauen in Management-Positionen ist weiter gering. 2001 waren 72 Prozent der Wal-Mart-Angestellten Frauen, aber nur 30 Prozent des Managements - Zahlen, die sonst in den siebziger Jahren üblich waren. Auch heute sind nur 40 Prozent der Wal-Mart-Führung Frauen. Auch muss sich Wal-Mart derzeit gegen eine Sammelklage von 1,6 Millionen weiblichen Angestellten verantworten, die dem Konzern sexuelle Diskriminierung vorwerfen.

Clinton schaute demzufolge auch "weitgehend nur stumm zu", wenn es um die Rechte der Gewerkschaften bei Wal-Mart ging - Rechte, die der Konzern beharrlich ignorierte. Zwei damalige Direktoriumskollegen, John Tate und John Cooper, sagten der "New York Times", sie habe "der Haltung von Wal-Mart gegenüber den Gewerkschaften nie widersprochen".

Dies ist heute anders. Gern tritt Clinton mit Gewerkschaftsführern auf und schimpft mit denen im Chor auf Wal-Mart. "Ihr könnt auf mich zählen!", ruft sie ihnen oft zu. "Amerikas Mittelklasse ist im Belagerungszustand", schreibt sie ergänzend auf ihrer Wahl-Website, die sie als Verfechterin von Arbeiterrechten präsentiert. "Wenn Hillary im Weißen Haus ist, wird kein Amerikaner mehr unsichtbar sein."

Bis heute hat Clinton Connections zu dem Konzern, vor allem durch die eng verbandelte Wirtschaftsszene von Arkansas. Auch sucht Wal-Mart-Chef Lee Scott gelegentlich den Rat Bill Clintons, den er über gemeinsame Bekannte aus Arkansas kennen gelernt hat.

"Ich hasse nicht alle Demokraten", sagte Lee einmal bei einem Dinner, das er in seiner Villa für prominente Parteifunktionäre gab. Die Clintons revanchierten sich bei ihm voriges Jahr mit einer Einladung nach New York. (Trotzdem gibt der Konzern rund 80 Prozent seiner Parteispenden an die Republikaner.)

Die jüngsten Berichte kommentierte Hillary Clinton nicht weiter. Per Sprecherin ließ sie mitteilen, es sei nun mal üblich, mit einem großen Unternehmen wie Mal-Mart Verbindung zu halten: "Es ist wichtig, zu versuchen, ihre Entscheidungen zu beeinflussen, denn sie können so viele Menschen betreffen."

Und überhaupt, Volkes Stimme sieht das sowie gelassener. In New York City, wo Wal-Mart dank seiner Kritiker bisher keinen Fuß fassen konnte, hätten einer Umfrage der Quinnipiac University zufolge 51 Prozent der Leute keinerlei Probleme, bei Wal-Mart einzukaufen. Nur 37 Prozent sind dagegen.

Umfragedirektor Douglas Schwarz beschrieb das Hauptargument mit folgenden Worten: "Ein Schnäppchen ist ein Schnäppchen."



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