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Streit um DocMorris: Apotheker in der Wagenburg

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Es ist ein Erfolg für DocMorris, aber vorerst nur ein kleiner: Der umstrittene Arzneihändler darf seine erste deutsche Apotheke weiter betreiben. Das endgültige Urteil steht noch aus. Doch der Trend zur Filial-Apotheke ist so oder so kaum zu stoppen.

Hamburg - Wenn deutsche Apotheker zum Urlaub nach New York City reisen, können sie einen Blick in die Zukunft werfen, und deren Farben sind blau-rot. Blau-rot nämlich ist das Logo der Ladenkette Duane Reade, und die ist auf den Straßen der Stadt omnipräsent wie sonst nur der Café-Latte-Konzern Starbucks. Allein über Manhattan verteilen sich rund 150 Reade-Filialen, fast 30 davon säumen den Broadway.

DocMorris-Filiale: Symbolfall Saarbrücken
DDP

DocMorris-Filiale: Symbolfall Saarbrücken

Duane Reade ist der Gigant des New Yorker Apothekenwesens und doch mehr und anders als eine Apotheke. Natürlich, irgendwo in jeder Filiale, oft unten im Keller, findet sich der "Pharmacy"-Tresen. Ausgebildete Pharmazeuten in weißen Kitteln beraten dort Patienten und händigen gegen Rezept Medikamente aus. Drumherum aber werden, für jeden frei zugänglich, Kopfschmerz- und Anti-Sodbrennen-Pillen verhökert – aber auch Damenbinden oder, gerade im Sonderangebot, Coca-Cola-Plastikpullen à zwei Liter.

Gibt es solche Medikamenten-Aldis bald auch in Deutschland? Werden Arzneimittel dadurch billiger? Und: Riskieren Patienten dann Nebenwirkungen, weil vernünftige Beratung beim Pillenkauf fehlt? Es sind solch hochemotionale und widersprüchliche Fragen, die den Streit über den Arzneihändler DocMorris überfrachten.

Kein Grundsatzurteil, nur ein Etappensieg

Die niederländische Firma ist, dank ihrer Erfolge im Internetversand und der geschickten Eigen-PR ihres Chefs Ralf Däinghaus, zu einem Bannerträger für den Strukturwandel in der Apothekenbranche geworden. Immer wenn - wie heute - vor Gericht über die Akte DocMorris entschieden wird, rüsten Verbände, Lobbyisten, Gegner und Befürworter auf. Der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA) hielt gestern gar eine Pressekonferenz in Berlin ab, um das Vordringen von DocMorris nach Deutschland als "skandalös" zu verdammen.

So ist die Verlockung groß, das heutige Urteil des Landgerichtes Saarbrücken (Az.: 1 K 66/06) zum Grundsatzentscheid stilisieren zu wollen. Es ist aber keiner.

DocMorris darf zwar seine am 3. Juli eröffnete Filiale in Saarbrücken vorerst weiter betreiben. Däinghaus triumphierte denn auch: "Wir waren uns von Beginn an sicher, dass wir im Recht sind." Der saarländische Gesundheitsminister Josef Hecken (CDU), der den Morris-Brückenkopf genehmigte und in den organisierten deutschen Apothekern ohnehin ein Hemmnis für eine wirkliche Gesundheitsreform ausmacht, nannte das Urteil juristisch und politisch richtig.

Die eigentliche, inhaltliche Entscheidung, ob die Zulassung der Filiale durch Heckens Ministerium rechtswidrig war, steht aber noch aus – sie wird vor dem Verwaltungsgericht fallen, und das kann Monate dauern. Diesem Urteil wird eine viel grundsätzlichere Bedeutung zukommen, denn es geht auch um die Abwägung von deutschem und europäischem Recht. In Deutschland gilt - im Prinzip - noch immer das Fremdbesitzverbot, demzufolge Apotheken vom Besitzer persönlich geführt werden müssen. Nach einer zaghaften Aufweichung der Regel im Jahr 2004 darf jeder Inhaber immerhin drei Filialapotheken betreiben, mehr aber nicht.

Diese Bestimmungen seien "ein Überbleibsel der alten Zunftordnung aus der Zeit von Wagners Meistersingern", spottet dagegen Minister Hecken. Er beruft sich auf die EU-rechtliche Zulassungsfreiheit, die aus seiner Sicht auch einer AG wie DocMorris oder anderen Kapitalgesellschaften den Betrieb von Apotheken erlaubt. Sieht das Verwaltungsgericht das anders, könnte DocMorris doch noch zur Schließung der Saar-Filiale genötigt sein. Nebenbei gibt es noch mehrere andere, von Apothekern erhobe Anzeigen gegen Hecken selbst – wegen angeblicher Rechtsbeugung.

"Kettenapotheken gehören in Zukunft zum Alltag"

Trotz alledem können Däinghaus und die Chefs von Medikamenten-Großhändlern wie Celesio, die ebenfalls schon auf das Geschäft mit dem deutschen Arznei-Endkunden schielen, in diesen Tagen frohlocken. Denn es wird immer deutlicher, dass das Lager der klassischen Unternehmer-Apotheker an Rückhalt verliert, auch angesichts steigender Kosten im Gesundheitswesen insgesamt.

Dass ein CDU-Minister trotz zweifelhafter Rechtslage eine Zulassung für eine Konzern-Apotheke durchboxt, wäre noch vor fünf Jahren undenkbar gewesen. Zu groß war die Angst, die Chefs und Mitarbeiter der über 20.000 Apotheken in Deutschland zu vergrätzen. Inzwischen aber gewinnt Heckens Argument an Zugkraft, durch einen liberaleren Handel mit Heilmitteln könnten jährlich zwei Milliarden Euro zu Gunsten der Beitragszahler eingespart werden - auch wenn die genauen Zahlen umstritten sind.

Den Herausforderern wie DocMorris kommt zu Gute, dass sie sich öffentlich als der Underdog inszenieren können, der gegen das Establishment antritt. Das bringt ihnen Unterstützung aus der Politik – so schlug sich heute unter anderem Grünen-Chef Reinhard Bütikofer auf die Seite der Billiganbieter, wetterte gegen "Apothekerprivilegien", und sagte zum Saarbrücker Urteil: "Die Kunden haben gewonnen."

Doch auch bei Verbraucherschützern und Krankenkassen, die dem Konzept der Versand- und Filialapotheke lange abwehrend entgegenstanden, hat der Prozess des Umdenkens begonnen. Wer immer wieder dieselben Standard-Medikamente brauche, sei bei billigen Anbietern wie DocMorris an der richtigen Adresse, heißt es inzwischen von vielen Verbraucherzentralen. Und der AOK Bundesverband betont, dass es in den Supermarkt-Apotheken der USA keinen Qualitätsverlust gebe – der Widerstand deutscher Apotheker sei allein durch "Standesdünkel" zu erklären.

Der Bremer Gesundheitsökonom Gerd Glaeske, der auch im Sachverständigenrat für das Gesundheitswesen sitzt, sieht in der Abwehrkampagne der Apotheker gegen DocMorris denn auch ein "letztes Aufbäumen". "Kettenapotheken gehören in Zukunft zum Alltag", sagte er in einem Zeitungsinterview. In anderen Ländern seien Apotheken-Ketten zudem durch ein standardgemäß hohes Qualitätsmanagement aufgefallen.

Apotheker-Kooperationen mit Zukunft

Dass ein einziger Apothekenkonzern in Deutschland in den nächsten Jahrzehnten eine so dominante Stellung erringt wie etwa Duane Reade in New York, ist bei alledem kaum vorstellbar. Ein schleichender Strukturwandel ist viel wahrscheinlicher, bei dem Filialketten den Einzelunternehmern nach und nach Marktanteile abnehmen. Auch liberale Politiker wie der niedersächsische Wirtschaftsminister Walter Hirche (FDP) dringen im Übrigen darauf, die Qualität der Medikamentenversorgung und die Standards der Beratung zu sichern. Am Ende wird eine "deutsche Lösung" auf dem Apotheken-Markt stehen, die Besitzstände im Blick behält, keine Hauruck-Reform.

Die Einzelapotheker sind dem Ansturm der Ketten ohnehin nicht so schutzlos ausgesetzt, wie oft suggeriert wird. Schon heute haben sich Tausende von ihnen in Kooperationen wie Meine Apotheke oder Vivesco zusammengeschlossen, die gemeinsame Werbeaktionen koordinieren. In Zukunft könnten auch andere zentrale Aufgaben wie der Einkauf darüber abgewickelt werden.

Wer amerikanische Verhältnisse in Reinkultur besichten will, muss also weiterhin über den Atlantik jetten. Nebenbei kann er dann, wie viele Touristen in den USA, massenweise Aspirin und andere Pillen einkaufen - und sie in 500er-Dosen zurück nach Deutschland bringen, wo die Preise für derlei Arzneien viel höher sind.

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