Stress im Großraumbüro Irres Rauschen

Von Hendrik Ankenbrand

2. Teil: Lesen Sie im zweiten Teil, wie in den USA für die Angestellten der Arbeitstag mit einem Wettlauf um das "Handy of the Day" beginnt


Home-Office: Von überall aus arbeiten
GMS

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Auch die IBM-Angestellten in der Stuttgarter Hauptverwaltung haben so ihre Probleme mit dem vor drei Jahren eingeführten "E-Place"-System, das für die 3500 Beschäftigten nur 2500 Schreibtische im Großraumbüro vorsieht. Diese bieten zwar Steckerleisten, an denen sich der mobile IBMer mit dem Laptop einstöpseln und mit Hilfe des mobilen Kommunikationsgeräts arbeiten kann - doch oft ist es auch bei IBM dafür zu laut. "Die häufig stattfindenden Telefonkonferenzen werden als sehr störend empfunden", schreibt Albert Stagl in der von der IG Metall herausgegebenen IBM-Mitarbeiterzeitschrift "Dialog".

Zudem ist zu Spitzenzeiten, wenn die Monatsabschlüsse angefertigt werden, das Büro voll, berichten Mitarbeiter - immer mal wieder finde dann mancher keinen Sitzplatz mehr und könne gleich wieder nach Hause fahren. "Zuweilen gibt es Engpässe", sagt der für IBM zuständige Verdi-Vertreter Peter Schrader.

Null Prozent erstrebenswert

Was bei IBM und Lucent das "Büro der Zukunft" sein soll, ist in den USA schon längst wieder Vergangenheit. Dort wurde Mitte der neunziger Jahre die "digitale Revolution" ausgerufen - die auch für die Bürolandschaften und Arbeitswelten extreme Auswirkungen hatte. Computer würden alles verwalten, so das Credo, das spare Platz ein und ermögliche den flexiblen Angestellten.

Neue Arbeitswelten: Nicht mal ein Viertel der vermieteten Gewerbeflächen sind Großraumbüros
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Doch es kam anders: Das klassische Einzelbüro mit Tür zum Gang ist in den USA nach wie vor Standard, auch deutsche Firmen sind vom Großraumbüro nicht begeistert. Dessen Anteil betrage nicht mal ein Viertel der insgesamt vermieteten Büroflächen, berichtet Diana Wojahn aus der Geschäftsführung der Maklerfirma Engel & Völkers. Da zwischen fünf bis zehn Prozent der Arbeitsfläche eingespart werden könnten, würden sich anfangs viele Firmen auch für die flexiblen Großraum-Pläne interessieren. "Doch dann mieteten sie die konventionellen Sachen."

Nicht ohne Grund: Als die Unternehmensberatung Kienbaum kürzlich 430 Jungmanager über ihre Vorstellung vom optimalen Arbeitsplatz befragte, wünschten sich diese vor allem "viele Pflanzen" - Desk-Sharing und Großraumbüros hielten genau null Prozent für erstrebenswert. Die Mehrheit will ein Einzelbüro.

"Desk-Sharing ist auf keinen Fall etwas für jede Firma", gibt Dieter Jäger zu, der als Geschäftsführer der Hamburger Unternehmensberatung Quickborner Team bereits Arbeitsplätze bei Konzernen wie Siemens oder PriceWaterhouseCoopers zu flexiblen Desk-Sharing-Plätzen umgerüstet hat. Vor allem Unternehmen, deren Mitarbeiter hauptsächlich im Außendienst unterwegs seien, könnten davon profitieren.

Wettlauf um das "Handy of the Day"

Ist bei IBM nicht allzu viel los, klappt das auch meistens: 30 Prozent der deutschlandweit 6000 IBM-Angestellte arbeiteten mittlerweile nach dem "Desk-Sharing"-Prinzip und seien meist ganz zufrieden damit, berichtet der Gesamtbetriebsrat. Es sind vor allem IT-Außendienstler, die per Laptop und Internet oft von zu Hause und unterwegs arbeiten und in manchen Wochen nur an einem Tag in die Firma kommen. Die Zeiterfassung wurde bei IBM abgeschafft, die Angestellten arbeiten rein ergebnisorientiert. Im Büro sitzen sie entweder in "Quiet-Rooms" für konzentriertes Arbeiten, speziellen Räumen für Besprechungen oder am Schreibtisch.

Beim Außendienst kommt auf zehn Beschäftigte nur ein Schreibtisch im Büro, nur 150 Mitarbeiter haben überhaupt noch einen eigenen Arbeitsplatz. Die Geschäftsleitung veranschlagt für einen Arbeitsplatz 7500 Euro im Jahr - doch die Schreibtische seien nur zu maximal 75 Prozent ausgelastet gewesen. Denn neben dem Außendienst sind auch IBMer mal krank, müssen auf Schulungen und machen Urlaub. Das Konzept unterstellt, dass stets etwa 20 bis 40 Prozent der Beschäftigten nicht anwesend sind.

Wer das flexible Großraumbüro einführen wolle, der müsse im Vorfeld eine professionelle Organisation hinlegen, sagt Desk-Sharing-Experte Dieter Jäger. Wenn die Geschäftsleitung - wie bei Lucent - das Konzept von oben nach unten durchdrücke, sei das Scheitern programmiert.

Das beste Beispiel liefert dafür der Fall der US-Werbeagentur TBWA Chiat/Day, über den das US-"Wired Magazine" berichtete. Chefwerber Jay Chiat sah sich als Messias einer neuen, hyperflexiblen Arbeitswelt. Chiat wollte seinen Mitarbeitern "Gewohnheiten" austreiben: Wer sich an zwei aufeinander folgenden Tagen an denselben Tisch setzte, musste diesen räumen und sich einen neuen suchen. Weil die Anzahl der Handys aus Motivationsgründen streng limitiert war, standen manche Angestellte Tag für Tag morgens um 6 Uhr auf, um sich ihr "Handy of the Day" zu sichern - und legten sich danach wieder schlafen.

Chiats Mission scheiterte nach sechs Jahren kläglich - mittlerweile arbeitet in der Werbeagentur keiner mehr in der ehemals so hippen Büroform. Bei Lucent hingegen haben sich die Angestellten ihrem Schicksal ergeben.

Weil nach der Einführung des modernen Raumkonzepts bald im Büro ein Lärmpegel wie auf der Baustelle herrschte, ließ die Geschäftsführung weiße "Rauschgeneratoren" einbauen, die den Lärm schlucken sollten. Nach zwei Wochen schalteten die Mitarbeiter die teuren Geräte wieder ab - das "irre Rauschen" hatte den Lärm ins Unerträgliche gesteigert.

  • 1. Teil: Irres Rauschen
  • 2. Teil: Lesen Sie im zweiten Teil, wie in den USA für die Angestellten der Arbeitstag mit einem Wettlauf um das "Handy of the Day" beginnt


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