Stress im Job: Ballett am Band als Burnout-Killer
Wer Burnout bekämpfen will, muss am Arbeitsplatz anfangen. Nach diesem Motto fördern viele Konzerne die Gesundheit ihrer Mitarbeiter. Längst ziehen auch kleinere Firmen mit. Sie reduzieren den Stress im Job mit teilweise skurril anmutenden Ideen - so wie der Marzipanhersteller Niederegger.
Kein Gong erklingt, keine Uhr piept, niemand signalisiert, dass es jetzt losgeht. Denn die Mitarbeiter haben es alle längst verinnerlicht: Pünktlich zur Mitte der Frühschicht schalten die Maschinenführer ihre Bänder ab. In der Fabrikhalle wird es still, die Pralinés, die eben noch in rasender Geschwindigkeit vorbeirauschten, kommen abrupt zum Stehen - und die gesamte Belegschaft der Lübecker Marzipanfabrik Niederegger hält inne.
Gerade war hier noch geschäftiges Wuseln und dominierte der schweißtreibende Akkord: Mitarbeiter füllten die karamell-braune Rohmasse in große Trichter, die Stanzhydraulik ratterte und formte den medizinballgroßen Marzipanklumpen in Hunderte fingerfertige Leckereien, zierliche Frauen zogen große Metallwagen, in denen die Bleche laut schepperten.
Doch nun, um 10 Uhr, herrscht Ruhe. Die wenigen Männer und vielen Frauen in ihren hellen Kitteln und weißen Hauben versammeln sich in der Mitte der Halle, genießen die Ruhe und beginnen mit ihrer Gymnastik - während der Arbeitszeit. Und zwar ohne dass der Chef murrt. Schließlich hat der das Ganze veranlasst: Zuerst recken die Leute ihre Hände in die Höhe, neigen ihre Köpfe zu beiden Seiten, formen die Hände zu Fäusten und boxen nach vorn, stellen sich auf Zehenspitzen, kreisen dabei die Schultern, beugen die Knie.
Mal eben in die Firma kommen
Obwohl die Niederegger-Mitarbeiter diese Übungen erst seit zwei Jahren machen, sind sie längst ein Ritual. Zwischen 10 und 15 Minuten dauert die Prozedur pro Schicht. Und sie findet regelmäßig statt - ob morgens oder nachmittags, ob Winter oder Sommer. "Manche Mitarbeiter fanden die Gymnastik anfangs lächerlich, aber die ist nicht trivial", sagt Petra Wischnewski. Sie ist Betriebsratsvorsitzende und hat das etwas seltsam anmutende Bandarbeiter-Ballett gemeinsam mit der Geschäftsführung und dem Lübecker Gesundheitsamt ins Leben gerufen.
Es ist Teil eines umfangreichen Programms, das der Marzipanproduzent aufgelegt hat, um die physische Gesundheit seiner rund 500 Mitarbeiter zu erhalten. Aber auch, um die psychische Belastung zu reduzieren. Ein Entwöhnungsprogramm für Raucher gehört ebenso dazu wie Yoga.
Arbeit am Band gilt als stupide, gleichförmig, intellektuell wenig fordernd - und auch, wenn sich das Vorurteil noch immer hält, Burnout sei eine Manager-Krankheit, sind auch jene Menschen gefährdet, die vermeintlich geregelten Tätigkeiten in der Fabrik nachgehen.
Mittlerweile wird auch von den Niederegger-Mitarbeitern mehr Flexibilität verlangt. Schnelle Anrufe, man möge in die Firma kommen, weil eine Hotelkette eine große Charge geordert habe, kommen immer öfter vor. Denn neben dem traditionellen Saisongeschäft vor Weihnachten und vor Ostern produziert die Firma häufiger Sonderbestellungen zu Firmenjubiläen oder für die Gastronomie.
Zudem sind 80 Prozent der Mitarbeiter weiblich, rund die Hälfte von ihnen ist älter als 50 Jahre. Die Angestellten müssen Beruf und Familie meistern, wobei Familie bei vielen bedeutet, kranke Eltern zu pflegen. Vielen wächst diese Doppelbelastung ebenso schnell über den Kopf wie gestressten Managern oder Akademikern die Frage nach der Vereinbarkeit von Kind und Karriere.
Das Engagement zahlt sich aus
Für Firmen wie Niederegger wird Burnout damit zum Problem. Die Fehlzeiten aufgrund psychischer Erkrankungen nehmen in Deutschland zu, im Schnitt betragen sie mittlerweile knapp 24 Tage pro Fall. Das ist gegenüber 1994 eine Steigerung um mehr als 80 Prozent. Auch die Zahl der Fälle hat sich seither in Deutschland mehr als verdoppelt. Die Volkswirtschaft kostet das mittlerweile insgesamt mehr als sechs Milliarden Euro pro Jahr. Deshalb beginnen viele Unternehmen jetzt, sensibel auf dieses Thema zu reagieren.
Natürlich ist die Gymnastik im Betrieb, wie sie bei Niederegger praktiziert wird, kein Allheilmittel, aber sie kann ein erster Schritt zur Vorbeugung sein. "Die Kollegen können mal abschalten, sich abseits ihrer üblichen Handgriffe bewegen", sagt Betriebsratschefin Wischnewski. "Das schafft Abwechslung und mitunter auch Spaß."
Vor allem verbesserte die tägliche Sporteinheit während der Arbeitszeit das Klima in der Firma. Denn auch Eintönigkeit und mangelnder Respekt zwischen Vorgesetzten und Untergebenen können Ursachen für Burnout sein. Und das Niederegger-Engagement zahlt sich aus: Der Krankenstand ist seit der Einführung der gemeinsamen Schichtpausen deutlich gesunken.
Große Konzerne können es sich leisten, kostenintensive Gesundheitsprogramme zu installieren, Teilzeitregelungen umzusetzen oder eigene Fitnesscenter zu betreiben. Kleine Mittelständler wie Niederegger sind dazu ökonomisch kaum in der Lage. Aber auch sie investieren - und sei es nur dadurch, dass sie für die Sporteinheit einen Umsatzverlust in Kauf nehmen.
Niederegger-Eigentümer Holger Strait hat die Kosten zwar noch nie in Euro und Cent ausgerechnet, in Pralinen aber durchaus: 300.000 Stück verlassen jeden Tag seine Fabrik. Würde er statt der Gymnastik weiter produzieren lassen, erhöhte sich der Ausstoß um rund 10.000 Stück. Doch für Strait sind die fehlenden Riegel kein Verlust. Kranke Mitarbeiter kosten ihn mehr.
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- Mehr zu diesem Thema lesen Sie im SPIEGEL 30/2011
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Alarmierend ist der TK zufolge die hohe Zahl von Burnout-Patienten. 2008 sind demnach "ausgebrannte" Berufstätige fast zehn Millionen Tage krankgeschrieben worden. Damit fehlten rund 40.000 Menschen das ganze Jahr über am Arbeitsplatz. Dies entspricht einer Zunahme von 17 Prozent verglichen mit 2003.
Berufstätige Eltern geraten der Studie zufolge besonders häufig an ihre Belastungsgrenze. Ihre größte Sorge sei, dass die Familie zu kurz kommt. Doch auch 90 Prozent der Schüler klagen über Stress. Jeder Dritte steht nach eigener Aussage permanent unter Leistungs- und Prüfungsdruck.
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