Studie Elternzeit nützt Kindern nichts

Kinder sind später im Leben nicht erfolgreicher, wenn ihre Eltern nach der Geburt länger zu Hause bleiben, statt gleich wieder zu arbeiten. Das hat eine breit angelegte Studie nach Informationen des SPIEGEL nun erstmals nachgewiesen.


Die Studie zeigt, dass es für die spätere berufliche Entwicklung der Kinder keine Rolle spielt, ob die Eltern nach der Geburt zwei, zehn oder 36 Monate zu Hause bleiben.

Die Wirtschaftswissenschaftler Christian Dustmann und Uta Schönberg vom University College London sahen sich für ihre Studie die Auswirkungen dreier deutscher Reformen an: 1979 wurde die Zeit, die berufstätige Eltern nach der Geburt bei ihren Kindern verbringen dürfen, von zwei auf sechs Monate verlängert (bezahlt), 1986 von sechs auf zehn Monate (bezahlt) und 1992 schließlich von 18 auf 36 Monate (unbezahlt).

Die Forscher verglichen nun jeweils die Lebenswege der Kinder, die kurz vor der Verlängerung zur Welt kamen, mit jenen, die kurz nachher folgten. Ergebnis: Weder in der Schullaufbahn noch im Lohnniveau übertrafen die ersten Profiteure der verlängerten Elternzeit nennenswert ihre unmittelbaren Vorgänger. Der Anteil der Gymnasiasten in den privilegierten Kohorten erhöhte sich um maximal 0,1 Prozent, die Gehälter waren um maximal 0,3 Prozent höher.

Familie pur: Ob Eltern sich zwei oder 36 Monate um ihren Nachwuchs kümmern, hat keinen Einfluss auf den späteren Erfolg der Kinder
TMN

Familie pur: Ob Eltern sich zwei oder 36 Monate um ihren Nachwuchs kümmern, hat keinen Einfluss auf den späteren Erfolg der Kinder

Die großen Reformen führten also bestenfalls zu winzigen Fortschritten - und das, obwohl die Angebote eifrig genutzt wurden: Nach der Reform von 1979 etwa blieb fast ein Drittel der Mütter sechs statt zwei Monate zu Hause. Scharen von Kindern hatten also plötzlich im ersten Halbjahr ihres Lebens, das als entscheidend für die spätere Entwicklung gilt, zumindest ein Elternteil ganz für sich.

Wenn der Vater sich kümmert

Für den späteren Lebenserfolg tat das jedoch nichts zur Sache, folgert die Studie, die von der Deutsch-Britischen Stiftung gefördert wurde. So gesehen, meint Autor Dustmann, spreche "wenig dafür, in Deutschland eine weitere Ausdehnung der Elternzeit anzustreben".

In Deutschland festigt sich derzeit die Praxis, dass Eltern zumindest ein Jahr mit ihrem Kind zu Hause bleiben. Grund ist das Elterngeld, dass die Regierung seit dem 1. Januar 2007 zahlt, um den Einkommensausfall nach der Geburt des Kindes aufzufangen. Gezahlt werden für zwölf Monate 67 Prozent des durchschnittlichen Nettoverdienstes. Hinzu kommen zwei weitere Monate, wenn auch der Vater für mindestens zwei Monate den Beruf aussetzt.

Familienministerin Ursula von der Leyen wertete die Zahlen aus dem Jahr 2007 als "leise Revolution": Erstmals hatten zwölf Prozent der Väter (87.000) aller im Jahr 2007 geborenen Kinder Elterngeld beantragt. In den Jahren zuvor seien es konstant nur 3,5 Prozent gewesen, die sich eine Auszeit für die Betreuung ihrer Kinder genommen hätten, so von der Leyen. Allerdings kümmerten sich nur 6884 Väter ein ganzes Jahr um ihr neugeborenes Kind. In den meisten Fällen beantragte die Mutter zwölf Monate Elterngeld, der Vater nur zwei Monate.

Auch Firmen haben ein großes Interesse daran, auf ihre Mitarbeiter nicht für mehrere Jahre verzichten zu müssen. Einige Betriebe bieten aus diesem Grund eine eigene Kinderbetreuung an und bemühen sich um familienfreundliche Firmenpolitik. Dadurch können Ausfallzeiten offenbar verringert werden: Laut einer Befragung der Universität Münster waren Fehlzeiten durch Krankheit der Kinder von 7,7 auf 5,7 Prozent gefallen, wenn die Firmen eine familienbewusste Personalpolitik führten. Auch die Elternzeit lasse sich dadurch auf 21,9 Monate verringern, während viele Betriebe mitunter bis zu 36 Monate auf ihre Angestellten verzichten müssen.

hei



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.