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04. Juli 2008, 09:41 Uhr

Studie

Weltbank identifiziert Biosprit als Preistreiber für Lebensmittel

Was treibt die Nahrungsmittelpreise wirklich in die Höhe? Eine bisher geheim gehaltene Studie der Weltbank kommt zu einem überraschenden Ergebnis: Danach verteuert die Produktion von Biosprit die Lebensmittel deutlich stärker als bisher angenommen.

London - Die Studie widerspricht allen bislang gängigen Erklärungsversuchen: Nicht hohe Nachfrage, nicht zunehmender Fleischkonsum, sondern die Herstellung von Treibstoff aus Pflanzen habe Nahrungsmittel weltweit um bis zu 75 Prozent verteuert, heißt es in einem Dokument, dass die britische Zeitung "Guardian" zitiert. Es basiere auf einer detaillierten Analyse des international anerkannten Volkswirts Don Mitchell und stehe im drastischen Widerspruch zu den Einschätzungen der USA, so das Blatt. Diese sähen die Lebensmittelteuerung durch Biosprit bei weniger als drei Prozent.

Rapsfeld: Biosprit wesentliche Ursache für Preissteigerungen
DPA

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Die Studie, die als eine der detailliertesten gilt, die bislang erstellt worden sind, geht laut "Guardian" auch den Folgewirkungen der Biosprit-Politik für die Lebensmittelmärkte auf den Grund: Zunächst habe sie dazu geführt, dass ein zunehmend höherer Anteil der Ackerflächen für den Anbau der entsprechenden Pflanzen bereitgestellt wurde - in den USA gehe inzwischen mehr als ein Drittel der Getreideproduktion in die Ethanolherstellung, in Europa sei die Hälfte des Pflanzenöls für Biodiesel reserviert.

Darüber hinaus habe die veränderte Marktsituation dazu geführt, dass Farmer ihre Ackerflächen von vorneherein für den Anbau von Energiepflanzen reservierten. Und zuletzt hätten auch noch Finanzspekulationen dazu beigetragen, die Preise in die Höhe zu treiben.

Die Schätzungen Mitchells gehen sogar über die der großen Umweltorganisationen hinaus. So nimmt etwa die britische Umweltgruppe Oxfam an, dass die Steigerung der Lebensmittelpreise nur etwa zu 30 Prozent durch den Boom an Biokraftstoffen ausgelöst worden ist, wie aus einer Ende Juni in Oxford veröffentlichten Studie namens "Noch eine unbequeme Wahrheit" hervorgeht.

Die Folgen sind dramatisch. Allein durch die gestiegene Nachfrage nach Biokraftstoffen wurden in den vergangenen Jahren 30 Millionen Menschen in die Armut getrieben, schätzt Oxfam. Viele Menschen, die schon früher 50 bis 80 Prozent ihres Einkommens für Lebensmittel ausgeben mussten, könnten die annähernde Verdopplung der Preise in den vergangenen drei Jahren nicht verkraften, schreibt Oxfam. Laut Weltbank sind darum hundert Millionen Menschen in die Armut gerutscht.

"Die politischen Eliten scheinen die großen Auswirkungen des Biosprits auf die Lebensmittelpreise einfach zu ignorieren", sagte Oxfam-Vertreter Robert Bailey dem "Guardian". "Während die Lobbygruppen in den Industriestaaten bedient werden, wächst in den armen Ländern der Hunger."

Hochrangige Entwicklungspolitiker gehen dem "Guardian" zufolge davon aus, dass die Weltbank-Analyse vom April aus Rücksicht auf US-Präsident George W. Bush bislang nicht veröffentlicht worden sei. "Sie hätte die Weltbank in die politische Schusslinie des Weißen Hauses gebracht", habe ein Entwicklungspolitiker gesagt.

Bush hatte die jüngst rasant gestiegenen Lebensmittelpreise auf eine wachsende Nachfrage in Indien und China zurückgeführt. Dem Bericht zufolge hat aber vielmehr die Nachfrage nach Biosprit in den USA und Europa die größten Auswirkungen auf die Lebensmittelversorgung und -preise.

Mit dem Wechsel von fossilen Brennstoffen zu Biosprit soll der Ausstoß klimaschädigender Gase verringert werden. Zudem wollen sich die Industrieländer unabhängiger von dem immer teurer werdenden Erdöl machen.

Die Regierung in Tokio kündigte unterdessen im Vorfeld des G-8-Gipfels in Japan an, weitere 50 Millionen Dollar an Lebensmittelhilfen für Entwicklungsländer bereitzustellen. Japan hat nach Angaben des Außenministeriums als Nothilfen bereits Lebensmittel im Wert von 200 Millionen Dollar gespendet oder zugesichert. Die sieben führenden Industriestaaten und Russland (G8) wollen bei ihrem Gipfel in der kommenden Woche vor allem über die steigenden Lebensmittel- und Treibstoffpreise beraten.

mik/Reuters

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