Studie Weltbank identifiziert Biosprit als Preistreiber für Lebensmittel

Was treibt die Nahrungsmittelpreise wirklich in die Höhe? Eine bisher geheim gehaltene Studie der Weltbank kommt zu einem überraschenden Ergebnis: Danach verteuert die Produktion von Biosprit die Lebensmittel deutlich stärker als bisher angenommen.


London - Die Studie widerspricht allen bislang gängigen Erklärungsversuchen: Nicht hohe Nachfrage, nicht zunehmender Fleischkonsum, sondern die Herstellung von Treibstoff aus Pflanzen habe Nahrungsmittel weltweit um bis zu 75 Prozent verteuert, heißt es in einem Dokument, dass die britische Zeitung "Guardian" zitiert. Es basiere auf einer detaillierten Analyse des international anerkannten Volkswirts Don Mitchell und stehe im drastischen Widerspruch zu den Einschätzungen der USA, so das Blatt. Diese sähen die Lebensmittelteuerung durch Biosprit bei weniger als drei Prozent.

Rapsfeld: Biosprit wesentliche Ursache für Preissteigerungen
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Rapsfeld: Biosprit wesentliche Ursache für Preissteigerungen

Die Studie, die als eine der detailliertesten gilt, die bislang erstellt worden sind, geht laut "Guardian" auch den Folgewirkungen der Biosprit-Politik für die Lebensmittelmärkte auf den Grund: Zunächst habe sie dazu geführt, dass ein zunehmend höherer Anteil der Ackerflächen für den Anbau der entsprechenden Pflanzen bereitgestellt wurde - in den USA gehe inzwischen mehr als ein Drittel der Getreideproduktion in die Ethanolherstellung, in Europa sei die Hälfte des Pflanzenöls für Biodiesel reserviert.

Darüber hinaus habe die veränderte Marktsituation dazu geführt, dass Farmer ihre Ackerflächen von vorneherein für den Anbau von Energiepflanzen reservierten. Und zuletzt hätten auch noch Finanzspekulationen dazu beigetragen, die Preise in die Höhe zu treiben.

Die Schätzungen Mitchells gehen sogar über die der großen Umweltorganisationen hinaus. So nimmt etwa die britische Umweltgruppe Oxfam an, dass die Steigerung der Lebensmittelpreise nur etwa zu 30 Prozent durch den Boom an Biokraftstoffen ausgelöst worden ist, wie aus einer Ende Juni in Oxford veröffentlichten Studie namens "Noch eine unbequeme Wahrheit" hervorgeht.

Die Folgen sind dramatisch. Allein durch die gestiegene Nachfrage nach Biokraftstoffen wurden in den vergangenen Jahren 30 Millionen Menschen in die Armut getrieben, schätzt Oxfam. Viele Menschen, die schon früher 50 bis 80 Prozent ihres Einkommens für Lebensmittel ausgeben mussten, könnten die annähernde Verdopplung der Preise in den vergangenen drei Jahren nicht verkraften, schreibt Oxfam. Laut Weltbank sind darum hundert Millionen Menschen in die Armut gerutscht.

"Die politischen Eliten scheinen die großen Auswirkungen des Biosprits auf die Lebensmittelpreise einfach zu ignorieren", sagte Oxfam-Vertreter Robert Bailey dem "Guardian". "Während die Lobbygruppen in den Industriestaaten bedient werden, wächst in den armen Ländern der Hunger."

Hochrangige Entwicklungspolitiker gehen dem "Guardian" zufolge davon aus, dass die Weltbank-Analyse vom April aus Rücksicht auf US-Präsident George W. Bush bislang nicht veröffentlicht worden sei. "Sie hätte die Weltbank in die politische Schusslinie des Weißen Hauses gebracht", habe ein Entwicklungspolitiker gesagt.

Bush hatte die jüngst rasant gestiegenen Lebensmittelpreise auf eine wachsende Nachfrage in Indien und China zurückgeführt. Dem Bericht zufolge hat aber vielmehr die Nachfrage nach Biosprit in den USA und Europa die größten Auswirkungen auf die Lebensmittelversorgung und -preise.

Mit dem Wechsel von fossilen Brennstoffen zu Biosprit soll der Ausstoß klimaschädigender Gase verringert werden. Zudem wollen sich die Industrieländer unabhängiger von dem immer teurer werdenden Erdöl machen.

Warum die Lebensmittelpreise so hoch sind
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Neue Essgewohnheiten
In China, Indien und anderen Schwellenländern wächst die Mittelschicht, die sich dank ihres neuen Wohlstandes anders ernährt. Und das heißt: mehr Fleisch und Milch, weniger Reis und Gemüse. Für die Herstellung von Fleisch benötigt man allerdings vergleichsweise viel pflanzliche Nahrung, so müssen etwa für eine Kalorie Rindfleisch sieben Kalorien Pflanzennahrung verfüttert werden. Zwar ist der Pro-Kopf-Verbrauch an Fleisch mit 50 Kilogramm pro Jahr schon heute mehr als halb so hoch wie in den Industrieländern. Trotzdem gab es in dem Land zuletzt eine Überproduktion an Reise und anderen Grundnahrungsmitteln. Das Land führte zuletzt netto noch Fleisch aus. Nur bei Sojabohnen und Futtermittel für Hühner wurde im großen Stil importiert.

Biokraftstoffe
Laut Weltbank ist es der verstärkte Anbau der sogenannten Energiepflanzen, der je nach Land 30 bis 70 Prozent der Preissteigerungen verursacht haben könnte. Denn vor allem in Europa und den USA werden immer häufiger Mais, Raps, Futterrüben oder Zuckerrohr mit dem Ziel angebaut, daraus Biokraftstoffe zu gewinnen. Damit soll die Abhängigkeit von Rohstoffen wie Erdöl und Erdgas vermindert werden und der Ausstoß von Kohlendioxid verringert werden. Experten schätzen, dass die Biospritherstellung derzeit weltweit mit jährlich sechs Milliarden US-Dollar subventioniert wird, allein in der EU fließen jedes Jahr 90 Millionen Euro an Subventionen. Allerdings bemängeln Kritiker, dass der Anbau von Energiepflanzen zu Lasten von Wasser, Boden und Biodiversität gehe. Dazu kommt die verschärfte Konkurrenz um Anbauflächen.

Spekulationen
Längst wird an den internationalen Börsen auch mit Papieren gehandelt, die auf die Preisentwicklung bei Lebensmitteln setzen. Experten vermuten, dass etwa ein Viertel des Preisanstiegs bei den Nahrungsmitteln auf Spekulationsgeschäfte zurückzuführen ist. Welchen Einfluss diese Handelsströme haben, hat sich am Beispiel der Ukraine gezeigt: Als das Land beschloss, mehr Raps für die EU anzubauen, stieg der langfristige Weizenpreis um ein Drittel. Als US-Präsident George Bush ankündigte, Bio-Ethanol zu fördern, verdoppelte sich der Zuckerpreis.
Schlechte Ernten
Ein Teil des Preisanstiegs der vergangenen Monate ist auf normale wie vorübergehende Faktoren zurückzuführen: In einigen Teilen der Welt kam es durch Dürre oder heftige Regenfälle in den vergangenen zwei Jahren zu schlechten Ernten. So hat Australien, immerhin einer der größten Weizenexporteure der Welt, 2006 und 2007 massiv unter Trockenheit gelitten; die Ernte sank von 25 Millionen Tonnen Weizen auf 13 Millionen Tonnen. Auch in der EU ernteten die Bauern zehn Millionen Tonnen weniger Getreide als erwartet - gleichzeitig sind die Lager der EU so leer wie noch nie. Denn in den vergangenen Jahren war es das erklärte Ziel, die Überproduktion abzubauen.

Die Regierung in Tokio kündigte unterdessen im Vorfeld des G-8-Gipfels in Japan an, weitere 50 Millionen Dollar an Lebensmittelhilfen für Entwicklungsländer bereitzustellen. Japan hat nach Angaben des Außenministeriums als Nothilfen bereits Lebensmittel im Wert von 200 Millionen Dollar gespendet oder zugesichert. Die sieben führenden Industriestaaten und Russland (G8) wollen bei ihrem Gipfel in der kommenden Woche vor allem über die steigenden Lebensmittel- und Treibstoffpreise beraten.

mik/Reuters



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