Studie Wie türkische Unternehmer in Deutschland Geschäfte machen

Mehrsprachig und motiviert: In der deutschen Wirtschaft sind türkischstämmige Unternehmer etabliert. Einer Studie zufolge führen sie ihre Stärke auf die Kombination "typisch deutscher" und "typisch türkischer" Eigenschaften zurück. Dennoch sehen sich viele diskriminiert.


Hamburg - Die meisten türkischstämmigen Unternehmer in Deutschland sehen sich als deutsche Geschäftsleute mit türkischen Wurzeln. Sie haben ihren Lebensmittelpunkt in Deutschland und wollen ihn auch hier behalten. Das ist das Ergebnis der Studie "Erfolgsrezepte türkischstämmiger Unternehmer - Modelle für Deutschland?" der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers (PwC). Demnach führen viele ihren Erfolg auf die Kombination deutscher und mediterraner Eigenschaften zurück.

Deutsche Flagge, türkischer Halbmond: Gute Noten für die neue Heimat
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Deutsche Flagge, türkischer Halbmond: Gute Noten für die neue Heimat

So hebt jeder zweite der insgesamt 150 befragten türkischen beziehungsweise türkischstämmigen Unternehmer die hohe Leistungs- und Risikobereitschaft türkischer Unternehmer hervor, jeder dritte sieht die Mehrsprachigkeit und kulturelle Anpassungsfähigkeit als spezifische Stärke. Die Befragten beherrschen im Durchschnitt drei Sprachen, nahezu alle sprechen Deutsch und Türkisch. Vier von fünf Unternehmern stimmen "voll und ganz" der Aussage zu, dass türkischstämmige Unternehmer mit ihren Fähigkeiten der deutschen Wirtschaft sehr helfen könnten.

"Die aus der Türkei stammenden Unternehmer in Deutschland sind zu Recht selbstbewusst", sagt Norbert Winkeljohann, Mitglied des PwC-Vorstands und Leiter des Bereichs Mittelstand. "Sie haben trotz teilweise schwieriger Startbedingungen viel erreicht. Neben der ausgesprochen dynamischen wirtschaftlichen Entwicklung türkischer Unternehmen ist auch das große Vertrauen der Befragten in den Standort Deutschland bemerkenswert."

Glaube in den Wirtschaftsstandort Deutschland

Tatsächlich schätzen die meisten Unternehmer die Perspektiven des Wirtschaftsstandorts Deutschland positiv ein. Auf einer Skala von eins (überhaupt nicht zukunftsfähig) bis zehn (ausgesprochen zukunftsfähig) vergeben 42 Prozent Noten zwischen sieben und zehn, 39 Prozent haben eine neutrale bis leicht positive Einschätzung (Note fünf bis sechs). Lediglich 17 Prozent beurteilen die Aussichten in Deutschland skeptisch.

Der Studie zufolge hat sich die derzeitige konjunkturelle Krisenstimmung bislang kaum in den Planungen der türkischstämmigen Unternehmer niedergeschlagen. Knapp 70 Prozent rechnen für die kommenden zwei Jahre mit steigenden Umsätzen, 54 Prozent der Befragten wollen zusätzliche Arbeitsplätze schaffen.

Den "typisch türkischen" Unternehmer gibt es nach Ansicht der meisten Befragten zwar ebenso wenig wie den "typisch deutschen", dennoch erkennen viele in Details klare Mentalitätsunterschiede. So neigen türkischstämmige Unternehmer nach Ansicht von 43 Prozent eher zu schnellen Entscheidungen, während dies nur zehn Prozent von deutschen Unternehmern glauben. Fast vier von zehn Befragten halten Türkischstämmige für besonders geschickt beim Anbahnen neuer Geschäfte, nur 15 Prozent halten dies für eine Stärke deutscher Unternehmer.

Die größten Unterschiede sehen die Befragten beim Qualitätsbewusstsein. 47 Prozent schreiben deutschen Unternehmern zu, großen Wert auf Qualität zu legen. Umgekehrt sind nur drei Prozent der Ansicht, dass türkische Firmen eher auf Qualität achten. Nach Ansicht der türkischstämmigen Unternehmer planen die deutschen Betriebe auch weiter in die Zukunft (36 Prozent gegenüber 14 Prozent) und sind international gut aufgestellt (36 Prozent gegenüber 13 Prozent).

Größere Unterstützung durch die Familie

Ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal gegenüber deutschen Unternehmen ist aus der Sicht der Befragten die Rolle der Familie. So können sich türkische Unternehmer nach Ansicht von 81 Prozent der Befragten eher als deutsche auf die Unterstützung durch ihre Familien verlassen. Immerhin 16 Prozent haben ihr Unternehmen auch mit finanzieller Hilfe von Verwandten finanziert. "Doch ist das Bild vom typisch türkischen Unternehmen als reinem Familienbetrieb ein Zerrbild: 44 Prozent der Befragten beschäftigen überhaupt keine Verwandten in ihrem Betrieb", sagte Winkeljohann. Kleinere Betriebe mit höchstens 15 Mitarbeitern haben sogar in der Mehrzahl (55 Prozent) ausschließlich familienfremde Beschäftigte.

Auch die Vorstellung vom türkischen Unternehmer als Firmenpatriarch, der den Betrieb auf Dauer in Händen der Familie sehen will, ist der Studie zufolge ein Klischee. Fast die Hälfte (47 Prozent) der Befragten glaubt nicht, dass diese später die Führung übernehmen oder auch nur im Unternehmen arbeiten werde. Knapp 60 Prozent halten die berufliche Zukunft ihres Nachwuchses für "vollkommen offen".

Den aus der Türkei stammenden Firmenchefs ist die große Bedeutung der Ausbildung für den beruflichen Erfolg in Deutschland bewusst. Ihr wichtigstes politisches Anliegen ist dementsprechend die Forderung nach höheren staatlichen Bildungsausgaben. Gut neun von zehn Befragten stimmen der Aussage zu, dass die Politik dringend mehr Geld für eine bessere Bildung der Jugendlichen zur Verfügung stellen müsse.

Türkische Unternehmen spielen auch eine wichtige Rolle im System der dualen Ausbildung - 55 Prozent der befragten Firmen sind Ausbildungsbetriebe. Von den Unternehmen mit mehr als 50 Mitarbeitern bilden sogar 68 Prozent aus. In 37 Prozent der Betriebe sind die Auszubildenden überwiegend türkisch oder haben türkische Eltern, 26 Prozent bilden hauptsächlich deutschstämmige Jugendliche aus.

Jeder Dritte sieht sich benachteiligt

Von den befragten Unternehmern haben 40 Prozent einen Hoch- oder Fachhochschulabschluss, weitere 40 Prozent haben eine Berufsausbildung abgeschlossen, darunter sieben Prozent mit der Meisterprüfung. Ein Fünftel hat keinen beruflichen Abschluss erreicht.

Obwohl drei von vier Befragten in der Türkei geboren wurden und bei 95 Prozent mindestens ein Elternteil türkisch ist, sind die Bindungen an die neue Heimat weitaus enger als an die Türkei. Für 73 Prozent ist Deutschland Lebensmittelpunkt, 72 Prozent bezeichnen sich als "deutsche Unternehmer türkischer Herkunft". Langfristig in Deutschland bleiben wollen 63 Prozent, eine Aus- beziehungsweise Rückwanderung in die Türkei planen demgegenüber elf Prozent.

Trotz vieler positiver Aussagen offenbart die Studie auch einige Defizite: So sieht sich jeder dritte türkischstämmige Unternehmer in Deutschland benachteiligt, weitere 47 Prozent teilen diese Einschätzung zumindest in Teilbereichen. Einige Befragte sind davon überzeugt, wegen ihrer Herkunft genauer von Behörden kontrolliert zu werden, von Banken zögerlicher Kredite zu bekommen und bei der Auftragsvergabe gegenüber 'deutschen' Konkurrenten im Nachteil zu sein.

An der Befragung beteiligten sich 150 türkische beziehungsweise in zweiter Generation in Deutschland lebende Unternehmer. Die meisten, nämlich 53 Prozent, beschäftigen 10 bis 20 Mitarbeiter in Deutschland, 40 Prozent haben 21 bis 100 Angestellte, sieben Prozent zählen mehr als hundert Beschäftigte.

kaz



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