Studienbefund Deutsche sind Weltmeister im Arztbesuchen

Bei der Zahl der Arztbesuche sind die Deutschen internationale Spitze: Jeder Bürger gehe statistisch gesehen 16 Mal pro Jahr zum Arzt, heißt es in einer Studie einer Krankenkasse. Überdurchschnittlich viele Arztbesuche werden montags gemacht.


Berlin – Trotz Praxisgebühr: Im Schnitt habe es jeder Bundesbürger im Jahr 2004 auf 16,3 Arztbesuche gebracht, heißt es der Untersuchung der Gmünder Ersatzkasse (GEK) zur ambulanten ärztlichen Versorgung. Nur Tschechien, die Slowakei und Japan verzeichneten mit zwölf bis 14,4 Arztkontakten pro Kopf ähnlich hohe Zahlen, berichtete Schwartz.

Die GEK hatte die anonymen Daten von 1,4 Millionen Versicherten aus dem Jahr 2004 - also bereits nach Einführung der Praxisgebühr - statistisch ausgewertet und auf die Gesamtbevölkerung hochgerechnet. Daraus ergab sich nach Darstellung des Studienleiters Friedrich Wilhelm Schwartz, dass im Lauf eines Jahres fast jeder zum Arzt geht: 91 Prozent hatten mindestens einen Kontakt. Zahnärzte waren von der Untersuchung ausgenommen. GEK-Vorsitzender Dieter Hebel kritisierte, die Zahnärzte weigerten sich bislang, ihre Daten herauszugeben. Hier müsse die Politik Druck ausüben.

Ausschlaggebend für die häufigen Arztbesuche ist Experten zufolge eine falsche Struktur bei der Bezahlung der Ärzte. Da Beratungs- und Gesprächszeiten schlecht honoriert würden, entstehe ein "Hamsterradeffekt", kritisierte Schwartz, der Professor am Institut für Sozialmedizin in Hannover ist.

Der Arzt müsse mehr Leistung generieren, um sich seinen Anteil am Kuchen zu sichern. Statt länger zu beraten, verschrieben Ärzte daher mehr Rezepte. Damit erhöhe sich auch die Zahl der Arztbesuche: "Das System erzwingt viele Kontakte", unterstrich Schwartz. "Wir brauchen ein System, in dem der Arzt die Freiheit hat, mit dem Patienten eine halbe Stunde zu reden, ohne sich ins ökonomische Abseits zu begeben", forderte der Experte.

Große Unterschiede zwischen Männern und Frauen

Die GEK-Studie widerspricht aktuellen Erhebungen der Organisation für Entwicklung und wirtschaftliche Zusammenarbeit (OECD), die Deutschland auf Basis der Behandlungsfälle im Mittelfeld ansiedelt. Die GEK betonte, ihre Studie basiere auf "realitätsnäher bestimmten Zahlen".

Der genannte Mittelwert verdeckt große Unterschiede. So gehen die deutschen Männer bis zum 40. Lebensjahr der Statistik zufolge weit seltener zum Arzt als der Durchschnitt, nämlich nur bis zu 8,5 Mal. Junge Frauen gehen hingegen im Schnitt 15 Mal. Mit steigendem Alter gleichen sich die Werte an und nehmen zu. Menschen über 80 Jahre haben statistisch gesehen pro Jahr 35 Mal Kontakt zu ihrem Arzt.

Ähnlich ungleich verteilt sind der Auswertung zufolge die Behandlungskosten. Zehn Prozent der Kranken verursachen rund 43 Prozent der Kosten. 50 Prozent aller Patienten, denen vergleichsweise wenig fehlt und die auch selten zum Arzt gehen, verursachen hingegen zusammen nur elf Prozent der Behandlungskosten, wie Schwartz betonte.

Kassenchef: Es gibt einfach zu viele Praxen

Spitzenreiter bei den Diagnosen sind Infektionen der oberen Atemwege mit 26 Prozent, gefolgt von Rückenschmerzen mit rund 24 Prozent und Bluthochdruck mit 21 Prozent der Bevölkerung. Verhaltensstörungen durch Alkohol wurden 2004 bei 832 000 Menschen in den Praxen erkannt. Die Wissenschaftler halten die Dunkelziffer hier für hoch.

Alarm schlugen die Studienautoren wegen 4,9 Millionen Menschen, bei denen unerwünschte Nebenwirkungen von Medikamenten diagnostiziert wurden. Bei Depressionen waren mit elf Prozent Frauen mehr als doppelt so häufig betroffen wie Männer mit rund vier Prozent. Während junge Männer nur halb so häufig zum Arzt gehen wie junge Frauen, liegen die Behandlungskosten bei alten Männern mit im Schnitt 890 Euro um 175 Euro über denen alter Frauen. Mit 66 Prozent entfielen die meisten Arztbesuche auf Allgemeinmediziner, gefolgt von Internisten (30 Prozent), Gynäkologen (26 Prozent) und Augenärzten (25 Prozent).

GEK-Chef Hebel vertrat die Ansicht, dass die "extrem hohe Arzt-Kontaktrate" das Produkt der hohen Arztdichte in Deutschland sei. Sie habe seit 1990 um 40 Prozent zugenommen. Derzeit sind rund 130.000 Ärzte im Bundesgebiet niedergelassen.

Liberale Niederlassungsregeln hätten zu dem starken Anstieg seit 1990 geführt. Hebel wies in dem Zusammenhang die Klage der Kassenärzte zurück, dass sie 30 Prozent ihrer Arbeit ohne Vergütung verrichteten. Eine Erhöhung der Ärztehonorare um bis zu fünf Milliarden Euro lehnte Hebel ab.

Kosten eher gering

Schwartz verwies darauf, dass trotz des internationalen Spitzenwerts bei den Arztkontakten die Kosten für die ambulante ärztliche Versorgung vergleichsweise gering seien. Dafür würden nach Daten OECD von 2003 in Deutschland 327 Dollar pro Kopf und Jahr ausgegeben. In Ländern wie Österreich (471 Dollar), Dänemark (658 Dollar), Japan (675 Dollar) oder der Schweiz (681 Dollar) lägen die OECD-Werte wesentlich höher.

Eine Ärztestudie der Universität Passau zeigt, dass gerade die Honorierung von den Medizinern als ungerecht empfunden wird und zu ihrer Frustration beiträgt. Daneben sorgen vor allem bürokratische Aufgaben für Unzufriedenheit, wie das Forschungsteam mitteilte. Insgesamt sehen die Mediziner ihre eigene Rolle im Umbruch: 84 Prozent von ihnen stimmten der Aussage zu, dass sich ihre Rolle seit 2004 verändert habe; 82 Prozent befanden dies auch im Umgang mit den Patienten.

itz/AP/Reuters/dpa



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