Infografik der Woche Massiv unterschätzt

Freitag wurde der Grundstein für Stuttgart 21 gelegt. Der neue Tiefbahnhof kommt später und wird deutlich teurer. Großprojekte in Deutschland - unsere Infografik zeigt, wie sehr Planer sich verschätzt haben.


SPIEGEL ONLINE

Wenn große Projekte aus dem Ruder laufen, sorgt das meist für große Aufregung. Dabei ist es gar nicht ungewöhnlich, dass bei umfangreichen Bauvorhaben die Kosten immer weiter steigen. Besonders prominente Beispiele: Stuttgart 21, der Flughafen BER und die Elbphilharmonie.

Die Infografik der Woche von Statista und SPIEGEL ONLINE vergleicht, wie sich die Kosten für diese drei Großprojekte entwickelt haben. Einige der Angaben stammen aus einer Studie der Hertie School of Governance in Berlin, für die 170 Vorhaben in Deutschland analysiert wurden. "Für abgeschlossene Projekte beträgt die durchschnittliche Kostensteigerung pro Projekt 73 Prozent", lautet ein ernüchterndes Ergebnis der 2015 veröffentlichten Studie.

Wie es dazu kommt, ist in der Regel schwer auszumachen. Die Autoren der Studie halten eine "Kombination aus technologischen, wirtschaftlichen, politischen und psychologischen Faktoren" für verantwortlich. Darunter seien unvorhersehbare technische Gründe, aber auch Interessenkonflikte, geschönte Kalkulationen und Fälle strategischer Täuschung.

Die Flops der Großprojekte aus der Hertie-Studie

Lkw-Mautsystem Toll Collect
(Sektor Informations- und Kommunikationstechnologie)

Kostensteigerung 1150 Prozent

Geschätzte 6,9 Milliarden Euro an Mehrkosten – also das 11,5-fache der ursprünglich für das Projekt angesetzten Summe – verursachte das Lkw-Mautsystem den Bund als Auftraggeber. Eingerechnet sind dabei auch die Einnahmeausfälle durch den verspäteten Start der Maut. Die Autoren der Hertie-Studie weisen zudem darauf hin, dass sich der Bund und Toll Collect (an der Telekom und Daimler beteiligt sind) derzeit noch vor einem Schiedsgericht über die Verantwortung für die Mehrkosten streiten. Der tatsächliche Schaden für den Bund kann demnach entsprechend höher oder niedriger ausfallen.

FISCUS – Steuersystem
(Sektor Informations- und Kommunikationstechnologie)

Kostensteigerung 1150 Prozent

Ein regelrechtes Desaster war der Versuch von Bundesländern und dem Bund, eine gemeinsame Software für die Steuerverwaltung zu entwickeln. 1993 gestartet, scheiterte das Projekt schließlich im Jahr 2005, am Nachfolgeprojekt werkeln die Bundesländer nun allein herum. FISCUS verursachte Mehrkosten von 4,6 Milliarden Euro und sprengte den Kostenrahmen damit um das 11,5-fache. Grund dafür waren der Hertie-Studie zufolge nicht allein technische Probleme, sondern auch politisch verursachte – immerhin waren 16 Bundesländer sowie der Bund beteiligt.

Projekte aus dem IT-Sektor haben der Hertie-Studie zufolge mit durchschnittlich 394 Prozent die höchsten Kostensteigerungen – und verursachen auch in absoluten Zahlen viele Milliarden Euro an Mehrkosten. Dass sie dennoch weit weniger in der öffentlichen Kritik stehen als problematische Bauvorhaben, könnte daran liegen, dass sie im Wortsinne weniger sichtbar sind.

Schneller Brüter in Kalkar
(Sektor Energie)

Kostensteigerung 494 Prozent

Das Atomkraftwerk, das nicht nur Strom, sondern nebenbei auch noch atomwaffenfähiges Plutonium erzeugen konnte, wurde 1985 fertiggestellt, nur zwei Jahre später als geplant. Ans Netz ging der Schnelle Brüter aber nie, zu groß waren letztendlich die Sicherheitsbedenken und die Massenproteste der Anti-Atom-Bewegung, die den Bau seit dem Start 1973 begleiteten. Am Ende kostete Kalkar 2,8 Milliarden Euro – statt der geplanten 471 Millionen Euro. Sinnvoll genutzt wird die Investitionsruine heute dennoch: Auf dem Gelände befindet sich mittlerweile ein Vergnügungspark.

Inpol Neu (BKA)
(Sektor Informations- und Kommunikationstechnologie)

Kostensteigerung 491 Prozent

Seit 2003 ist die Polizei-Software beim Bundeskriminalamt in Betrieb. Ein Erfolg, schließlich drohte das Projekt zwei Jahre zuvor bereits komplett zu scheitern. Als Lösung wurde unter anderem der Funktionsumfang abgespeckt. Am Ende konnte die Software also weniger als geplant – dafür wurde sie fast sechsmal so teuer. Die Kostensteigerung in absoluten Zahlen: 119 Millionen Euro.

Bischofsresidenz Limburg
(Sektor Gebäude)

Kostensteigerung 425 Prozent

Viel wurde geschrieben über den Protzbau des Franz-Peter Tebartz-van Elst. Und selbst in der nüchternen Sprache einer wissenschaftlichen Studie lesen sich die Ursachen für das katholische Kostendebakel sehr unterhaltsam: "Die Bischofsresidenz sollte ursprünglich 147 Quadratmeter groß werden, endete aber als 2000-Quadratmeter-Komplex mit Erweiterungen wie einem Innenhof, Privaträumen für den Bischof und einer Kapelle – was auf die Dekadenz des Bischofs und seinen Hang zum Luxus zurückgeführt wurde." Immerhin: Es waren keine Staatsgelder, die verschwendet wurden. Und in absoluten Zahlen nehmen sich die Mehrkosten von 25 Millionen Euro noch vergleichsweise bescheiden aus.

Sanierung Alter Elbtunnel St. Pauli
(Sektor Verkehr)

Kostensteigerung 364 Prozent

Der 1911 eröffnete Tunnel, der die Landungsbrücken mit der Elbinsel Steinwerder verbindet, gehört zu den beliebtesten Bauwerken der Hamburger. Vielleicht gelten deshalb die enormen Kostensteigerungen seiner Sanierung bei ihnen nicht als Skandal – oder die Hamburger erkennen an, dass den Planern schlicht historische Unterlagen und Baupläne fehlten. So stießen die Bauarbeiter bei der seit 1994 laufenden Sanierung auf zahlreiche Überraschungen. Die Kosten steigen nach derzeitigem Stand um 71 Millionen Euro – einen Teil davon schießt der Bund zu.

Thorium-Hochdrucktemperaturreaktor Hamm-Uentrop
(Sektor Energie)

Kostensteigerung 336 Prozent

Das zweite Atomkraftwerk in den Flop Ten. 1971 Baubeginn, 1985 fertiggestellt statt wie geplant 1976, bereits 1989 wieder stillgelegt. Mehrkosten: 3,1 Milliarden Euro.

Bonner Kreuzbauten
(Sektor Gebäude)

Kostensteigerung 251 Prozent

In den kreuzförmig angeordneten Hochhäusern des Gebäudeensembles saßen und sitzen Bundesministerien und Behörden. Gebaut wurden die Häuser Anfang der Siebziger, teurer wurden sie um 99 Millionen Euro.

Schürmannbau, Bonn
(Sektor Gebäude)

Kostensteigerung 245 Prozent

Geplant als Bürogebäude für die Abgeordneten des Bundestags, gebaut ab 1989, als die Mauer fiel. 1993 wurde der Rohbau durch ein Hochwasser schwer beschädigt, jahrelang ruhte der Bau. 2002 schließlich fertiggestellt, da war das Parlament mitsamt den Abgeordneten aber schon in Berlin. Beherbergt heute die Deutsche Welle. Kostete 497 Millionen Euro mehr als geplant.

Gesundheitskarte
(Sektor Informations- und Kommunikationstechnologie)

Kostensteigerung 208 Prozent

Seit Beginn 2015 ist sie nun endlich im Einsatz: die elektronische Gesundheitskarte. Eigentlich sollte sie bereits 2006 eingeführt werden, was allerdings an Kritik und widerstreitenden Interessen zahlreicher verschiedener Akteure scheiterte. Bislang betragen die Mehrkosten fast 3,4 Milliarden Euro.

Den Bau von Stuttgart 21 finanzieren unter anderem die Deutsche Bahn, der Bund, das Land Baden-Württemberg und die Stadt Stuttgart. Für das Projekt waren 1998 zunächst umgerechnet 2,5 Milliarden Euro veranschlagt. Heute liegt der Betrag bei 6,5 Milliarden Euro, ein Anstieg um 160 Prozent. Die ursprünglich geplante Eröffnung im Jahr 2021 ist bereits um zwei Jahre verschoben worden.

Für den Berliner Großstadtflughafen BER wurde im September 2006 der erste Spatenstich getan. Seit 2012 ist der Airport bereits fast fertig, aber nicht im Betrieb und verursacht weitere Kosten. Als Hauptursache für die Verzögerungen und die folgende Kostenexplosion führen die Verantwortlichen ein hochkomplexes Brandschutzmeldesystem an, das der TÜV bemängelt hatte.

Das von der Flughafengesellschaft Berlins, Brandenburgs und des Bundes (FBB) verantwortete Projekt sollte zunächst etwa 2,5 Milliarden Euro kosten. Bis 2013 hat sich das veranschlagte Budget mehr als verdoppelt, auf mindestens 5,4 Milliarden Euro. Mit mehr als fünf Jahren Verspätung sollen Ende 2017 die ersten Passagiere abgefertigt werden können.

Mal eben eine halbe Milliarde drauflegen

Ein weiteres Beispiel ist die Elbphilharmonie in Hamburg. Der extravagante Konzertsaal war zwar deutlich günstiger als die Projekte in Stuttgart und Berlin, doch auch hier ist die Kostensteigerung mit fast 150 Prozent beträchtlich. Bei Vertragsabschluss sollte der Umbau des Hafenspeichers nur etwa 352 Millionen Euro kosten, doch bis zur strukturellen Fertigstellung 2014 musste mehr als eine halbe Milliarde Euro draufgelegt werden. Die Eröffnung findet mit sieben Jahren Verspätung im Januar 2017 statt.

Allerdings müssen nicht bei jedem größeren Bauvorhaben die Kosten ausufern. Ein Positivbeispiel ist die Allianz Arena in München. Zwar war die Heimspielstätte des FC Bayern und 1860 München nicht unumstritten, aber die 2005 eröffnete Arena blieb im Kostenrahmen. Gute Schlagzeilen machte das Bauprojekt auch nachträglich, weil der Bau 16 Jahre früher als geplant abbezahlt wurde, wie Bayern-Vorstand Karl-Heinz Rummennige 2014 bekannt gab.


Mehr Infografiken der Woche finden Sie auf der Themenseite.

loe/che

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insgesamt 24 Beiträge
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Seite 1
MatthiasPetersbach 16.09.2016
1.
naja, verschätzt ist das falsch Wort. Oft wird nur der richtige Preis des Vorhabens verschleiert und nur Dinge zugezählt, die unabläßlich sind. Und der Rest kommt dann "überraschend" dazu. Weil sonst der Aufruhr vorprogrammiert bzw.. die Kosten/Nutzenfrage gestellt und negativ beantwortet wird. Wenn ich ein Einfamilienhaus baue, kann ich entweder nur die Baukosten der Hütte annehmen - oder auch die Neben- und Erschließungskosten, die Garage und die Aussenanlagen. Wenn ich wissen will, was mich die ganze Aktion kostet, ist das letztere sinnvoll.
auweia 16.09.2016
2. Muc
Im März 1963 gründeten der Freistaat Bayern und die Landeshauptstadt München die Kommission Standort Großflughafen München. (Quelle: Wikipedia) Der Flughafen München wurde am 17. Mai 1992 in Betrieb genommen, also nur knapp 30 Jahre danach. Die Baukosten haben sich von den ursprünglich angesetzten 800 Millionen D-Mark bereits 1989 auf 5,2 Millionen D-Mark erhöht - das ist eine Steigerung von 650 %, durchgewunken von FJS seligen Angedenkens. Hinzu kommen noch eine Milliarde für Grundstückskäufe und damals noch nicht berechnete Kreditzinsen. (Datenquelle: Die Zeit, 24.03.1989) Unsere lieben Freunde in Bayern haben also eigentlich wenig Anlaß, lautstark gegen die inkompetenten preußischen Verschwender zu wettern, die man aus dem Länderfinanzausgleich herauswerfen sollte....
jamsrhb 16.09.2016
3. Das hat nicht mit verschätzen zu tun.
Die Projekte werden von den Städten/Ämtern ausgeschrieben und dann können die Baufirmen Angebote abgeben. Allein die Ausschreibungen sind schon mächtige Fehlerquellen, da jeder Arbeitsschritt aufgeführt werden muss. Praktisch jeder Handgriff wird beschrieben. Da kann die Ausschreibung für ein simples Blumenbeet mit einem kleinen gepflasterten Teil schon mal gerne 5 Seiten lang werden. Bei einem Projekt wie dem BER kommen da ganz schnell Zehntausende von Seiten zusammen. Dass da dann jede Menge Fehler drin sind ist fast schon zwangsläufig. Dazu kommt, dass die öffentlichen Auftraggeber dazu verpflichtet sind dem günstigsten Angebot den Zuschlag zu geben, nicht dem realistischsten! Dadurch wird natürlich Schlamperei, Ungenauigkeit und durch Kostendrückerei verursachten Mängeln Tür und Tor geöffnet.
bernte83 16.09.2016
4. Ausschreibungssystem überdenken
Das aktuelle Ausschreibungssystem hat etwas von Selbstbetrug. Es geht auch anders. Für die Magnete des LHC hat das CERN bspw. drei verschiedene Hersteller beauftragt, statt nur einen. Wäre einer Pleite gegangen, hätten die anderen lediglich ihre Produktion vergrößern müssen, und es wäre nicht zu dramatischen Verzögerungen gekommen.
Rolly 16.09.2016
5. Stuttgart21
Soweit ich mich erinnere haben die Kritiker bereits von Anfang an der Bahn und den Befürwortern vorgeworfen, mit falschen Zahlen die Öffentlichkeit über die wahren Kosten des Projekts zu täuschen. Dies sollte im Artikel ruhig erwähnt warden. p.s.: Euer Eingabeformular sollte dringend überprüft warden, die Verlängerung des Fensters bei jedem Tastendruck ist etwas komisch :-)
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