Umstrittenes Bahnprojekt Stuttgart 21 wird 500 Millionen Euro teurer - und später fertig

Hiobsbotschaft für das umstrittenste Großprojekt des Landes: Die Kosten für Stuttgart 21 steigen nach SPIEGEL-Informationen wohl auf über 6,5 Milliarden Euro. Und die Eröffnung 2021 klappt auch nicht.

Visualisierung von Stuttgart 21
Deutsche Bahn/ Aldinger & Wolf

Visualisierung von Stuttgart 21


Es gibt schlechte Nachrichten. Es gibt ungünstige Zeitpunkte. Und es gibt Nachrichten, die kommen einfach zu einem verdammt ungünstigen Zeitpunkt. So wie am Freitag, als eine mehrseitige Unterlage die Aufsichtsräte der Deutschen Bahn für die Sitzung des Kontrollgremiums Mitte Juni erreichte.

Wenige Tage nachdem die Schweiz mit der Eröffnung des Gotthard-Basistunnels aller Welt demonstriert hat, wie Großprojekte erfolgreich gemanagt werden, erleidet das derzeit größte Infrastrukturprojekt der Bundesrepublik einen erneuten Rückschlag.

Die Bahn, die für Stuttgart 21 bislang Kosten von knapp sechs Milliarden Euro veranschlagt hatte, fürchtet nun, dass es mehr als 6,5 Milliarden Euro werden. Das sind gut 500 Millionen Euro zusätzlich.

Der kleine Lichtblick dieser düsteren Nachricht ist, dass der nun kalkulierte Betrag von 6,511 Milliarden Euro noch innerhalb jener 6,526 Milliarden Euro liegt, die der Aufsichtsrat vor drei Jahren als Finanzierungsrahmen - also als Obergrenze inklusive großzügigem Risikopuffer - bewilligt hatte. In der Unterlage für das Kontrollgremium heißt es deshalb beschwichtigend: "Die Bestandsaufnahme zeigt, dass selbst bei komplettem Eintreten der festgestellten Termin- und Kostenrisiken der in 2013 definierte und vom Aufsichtsrat beschlossene Finanzierungsrahmen eingehalten würde."

Für eine streng mathematische Betrachtung stimmt das. Allerdings verbleibt bis zu dieser Obergrenze nur noch ein Mini-Puffer von 15 Millionen Euro - auf die Gesamtkosten von 6,5 Milliarden Euro bezogen sind das gerade einmal rund 0,2 Prozent. Hinzu kommt, dass der neue Betrag nicht mehr allzu weit von jenen 6,8 Milliarden Euro entfernt ist, die von der Bahn einst als absolute Schmerzgrenze definiert wurden.

"Neue, extern induzierte Risiken seit 2013"

Problematisch ist auch, dass sich die üppige Kostensteigerung von mehr als 500 Millionen Euro innerhalb von nur drei Jahren ergeben hat. Zumal Stuttgart 21 noch immer mehr Modell als Realität ist, gerade einmal 1,5 Milliarden Euro sind bislang verbaut worden - und damit weniger als ein Viertel der nun unterstellten Gesamtkosten.

Dass es bei der nächsten umfangreichen Kostenschätzung, die voraussichtlich in zwei bis drei Jahren stattfinden wird, nochmals teurer wird, ist zwar aus heutiger Sicht Spekulation. Die Erfahrung lehrt allerdings, dass Megaprojekte in der Regel im Lauf der Zeit nicht günstiger werden. Bis 2009 glaubte die Bahn, Stuttgart 21 sei für rund drei Milliarden Euro zu haben. Nun wäre es bereits ein riesiger Erfolg für das Unternehmen, wenn es mehr als doppelt so viel würde.

Allerdings ist die Bahn für die finanzielle Misere nicht allein verantwortlich. Wie aus der brisanten Unterlage weiter hervorgeht, geht die Kostensteigerung vor allem auf "neue, extern induzierte Risiken seit 2013" zurück. So mussten unter anderem die Fluchtwege im neuen Hauptbahnhof aufwendig umgeplant werden, im Tunnelbau kommen neue Verfahren zum Einsatz, und die Auflagen beim Lärmschutz sind gestiegen.

Allein mit 45 Millionen Euro zusätzlichen Ausgaben kalkuliert der Konzern, weil er eine Handvoll Bäume, in denen Juchtenkäfer wohnen oder vermutet werden, nicht fällen darf, und weil er rund zehntausend Eidechsen umsiedeln muss. Mit weit mehr als 160 Millionen Euro Mehrkosten rechnet die Bahn, weil die Planfeststellungsverfahren für einzelne Bauabschnitte länger dauern und Genehmigungen von Behörden später als veranschlagt erteilt werden.

Immerhin will das Unternehmen nun versuchen, die Kostensteigerung zu begrenzen. Mit unzähligen Maßnahmen soll dafür gesorgt werden, dass der ursprüngliche Zeitplan wieder halbwegs der Maßstab ist. Schließlich gilt: Je schneller die Bauarbeiten vorangehen, desto günstiger wird es. Jedes Jahr Verzögerung bei Stuttgart 21 kostet 100 Millionen Euro. Deshalb schlägt die Bahn den Aufsichtsräten unter anderem vor, auf bestimmten Bauabschnitten die Arbeitszeiten zu erhöhen oder auf eine Verlegung der A8 zu verzichten. In dem Dokument heißt es, der Vorstand "strebe an", so den ursprünglich vereinbarten Kostenrahmen und den geplanten Termin für die Inbetriebnahme Ende 2021 einzuhalten.

Wer etwas anstrebt, hat den Glauben allerdings häufig längst verloren. Im Konzern ist deshalb zu hören, statt einer Eröffnung im Dezember 2021 sei eher Ende 2023 realistisch. Wohlgemerkt: Das ist der Stand von Mitte 2016. In siebeneinhalb Jahren kann noch viel passieren.

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Seite 1
blabla55 03.06.2016
1.
Ne,das hätte ich nicht gedacht.
knochenhaus 03.06.2016
2. Mit Ankündigung
Schon komisch. Die Kosten wurden von Kritikern schon früh als Argument genutzt. Aber die Verantwortlichen haben das immer ins Lächerliche gezogen.
fkiefer 03.06.2016
3. Vorbild Gotthard-Tunnel
Gerne werden die Schweizer hierzulande für ihre unterstellte Langsamkeit belächelt. Fakt ist, dass der Gotthard-Tunnel ohne erhöhte Kosten 1 Jahr früher als geplant fertig wurde.
Hasengetia 03.06.2016
4. Willkommen in der BRD -
Bananen Republik Deutschland!
Vanagas 03.06.2016
5. Ich sage das Ding wird über 10 Milliarden . . . .
. . . . teuer. Irre!
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