Suchmaschinen Microsoft schluckt Verbraucherportal Ciao

Microsoft motzt seine Suchmaschine auf: Knapp eine halbe Milliarde Dollar kostet die Übernahme von Ciao, dem europäischen Branchenprimus für Produktsuchen. Microsoft holt damit eine verpasste Gelegenheit nach - Google betreibt seit Jahren erfolgreich ein solches Portal.

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Hamburg - Microsoft will das Verbraucherportal Ciao.de übernehmen. Der Software-Riese schluckt dafür dessen Muttergesellschaft Greenfield Online für insgesamt 486 Millionen Dollar. Derzeit wird die Übernahme noch kartellrechtlich geprüft, doch Microsoft und Greenfield rechnen damit, dass der Deal ohne Probleme über die Bühne geht.

Verbraucherportal Ciao: Markenträchtiger Zukauf für Microsoft

Verbraucherportal Ciao: Markenträchtiger Zukauf für Microsoft

Ciao ist einer der führenden Preisvergleichsdienste in Europa. Das Portal ist in sieben europäischen Ländern aktiv, allein in Deutschland hat es 4,4 Millionen Einzelnutzer pro Monat. In dem Katalog von Ciao stehen rund vier Millionen Produkte und mehr als fünf Millionen Produktbewertungen, die künftig über die Microsoft-Suchmaschine "Live" durchsucht werden können.

Strategisch ist die Übernahme für Microsoft ein Schritt, um das Portfolio von "Live" aufzumotzen. Im Suchmaschinengeschäft ist Microsoft bislang der ewige Dritte. Der weltweite Anteil der Suchanfragen lag 2007 bei gerade mal 3,5 Prozent. Gegenüber Google mit seinen 60,8 Prozent Marktabdeckung ist der Softwaregigant damit ein Zwerg - allerdings einer mit Wachstumsambitionen. Rund 2,5 Milliarden Dollar pro Jahr will Microsoft-Chef Steve Ballmer in den Ausbau der lukrativen Online-Sparte stecken.

Microsoft erhofft sich von dieser Investition hohes Wachstum. Der Markt für Online-Werbung wird nach Schätzungen der New-Yorker Marktforschung EMarketer bis 2012 ein Volumen von 51 Milliarden Dollar erreichen.

Im Ausbau des Online-Geschäfts ist die Ciao-Übernahme eine punktuelle Vertiefung. "Das Suchmaschinengeschäft lebt von Zusatzfunktionen, mit denen man sich in speziellen Sparten von der Konkurrenz abhebt", sagt Thomas Liskamm, Analyst bei der Dresdner Bank, SPIEGEL ONLINE. Der Deal mit Greenfield sei ein Schritt, um Google in der Vermarktung von Shopping-Aktivitäten Paroli zu bieten.

Der Angriff kommt allerdings reichlich spät: Google betreibt bereits seit Jahren eine solche Produktsuche. In den USA ging der Suchdienst namens "Froogle" Ende 2002 an den Start, in Deutschland gibt es ihn seit November 2004. Inzwischen wurde "Froogle" in "Google Produktsuche" umbenannt.

Der Ciao-Einkauf dürfte so gesehen auch ein Versuch sein, eine verpasste Gelegenheit nachzuholen. Denn das 1999 gegründete Portal ist in Deutschland und in weiteren europäischen Ländern Marktführer - Microsoft dürfte von seiner starken Marke profitieren und, sofern die Übernahme glatt über die Bühne geht, bei Preisvergleich-Suchanfragen zu einem ernst zu nehmenden Konkurrenten für Google avancieren.

Ciao wird durch die Übernahme indes filetiert. Seit 2002 bietet das Portal neben dem Preis- und Produktvergleich auch einen Online-Marktforschungsdienst an. Ciao-Mitglieder können über diesen an Umfragen teilnehmen. Füllen sie die Fragebögen vollständig aus, bekommen sie dafür geringe Geldbeträge.

Der Umfrage-Bereich hat mittlerweile 600 Angestellte - und wird laut Microsoft kurz nach der Übernahme weiterverkauft. "Marktforschung passt nicht zum Kerngeschäft von Microsoft", sagt Dorothee Ritz, Deutschlandchefin Consumer und Online, SPIEGEL ONLINE. Wer den Marktforschungsbereich kaufen soll, sagte sie nicht. Die 200 Angestellten der Verkaufsportals würden dagegen im "großen und ganzen übernommen". Ein wichtiger Teil des Deals sei es, die kompetenten Mitarbeiter zu behalten, die diese Firmen aufgebaut haben, so Ritz.

Die großen Drei: Microsoft, Google und Yahoo im Vergleich

Google Microsoft Yahoo
Umsatz in Mrd. US-Dollar* 16,59 51,12 6,97
Gewinn in Mrd. US-Dollar* 4,20 14,07 0,66
Mitarbeiter 16.800 79.000 14.300
Suchanfragen weltweit in Mrd. 37,1 2,2 8,6
Anteil der Suchanfragen weltweit 60,8% 3,5% 14,0%
Suchanfragen mobil USA in Mio. 6,3 1,2 4,2
Anteil Suchanfragen mobil USA 38,3% 7,3% 25,4%
E-Mail-Accounts in Mio. 51 256 262

* Zahlen für Geschäftsjahr 2007
Stand: Februar 2008, Quelle: Unternehmensinformationen

Ein Signal, dass sich Microsoft vom Kauf des Web-Giganten Yahoo abwendet, sei die Übernahme nicht, sagt Ritz. Der Yahoo-Kauf sei nie eine strategische, sondern eine taktische Überlegung gewesen. "Unser strategisches Ziel ist es, uns in der Suche in ausgewählten Feldern optimal aufzustellen. Genau darauf zielt der Erwerb von Ciao ab."

Das sieht auch IT-Experte Liskamm so: "Der Ciao-Deal zielt klar auf den europäischen Markt, bei dem Yahoo-Deal hingegen geht es Microsoft darum, die weltweite Suchmaschinenpräsenz schlagartig zu erhöhen. Das Geschäft mit Greenfield wäre wahrscheinlich auch zustande gekommen, wenn die Yahoo-Übernahme geklappt hätte."

Der Yahoo-Deal scheint im Juli endgültig geplatzt zu sein. Erst wies Yahoo Microsofts rund 47 Milliarden Dollar schwere Kaufofferte als zu niedrig zurück. Anschließend schlug der lila IT-Gigant eine Offerte für einen Anteil von 16 Prozent und das Suchmaschinengeschäft aus.



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