Sun-Microsoft-Deal: Luke wechselt auf die dunkle Seite der Macht

Von Tom Hillenbrand, New York

Ironie des Schicksals: Sun-Chef Scott McNealy schließt Frieden mit dem Microsoft-Konzern und räumt damit das Scheitern seiner jahrelangen Konfrontationsstrategie ein. Der bisher ärgste Widersacher hilft dem Gates-Konzern nun sogar, die Dominanz von Windows gegenüber Linux weiter zu zementieren.

Sun-Chef McNealy, Microsoft-Chef Ballmer: Schulterklopfen für den Erzfeind
AFP

Sun-Chef McNealy, Microsoft-Chef Ballmer: Schulterklopfen für den Erzfeind

New York - Fast alle im Silicon Valley hassen Microsoft, aber keiner traut sich, das auch zu sagen. Todd Bradley zum Beispiel, der Chef des Kleincomputerherstellers palmOne, dem der Windows-Konzern die Hälfte seines Marktanteils weg gebissen hat - er hätte allen Grund den Redmondern mal verbal eins überzubraten. Macht er aber nicht. Man müsse, sagt er stattdessen ganz handzahm, Microsoft ernst nehmen, das Unternehmen sei ein wichtiger Partner.

Auch andere Tech-Granden widerstehen der Versuchung. Ein Ausfall gegen Microsoft bringt einem vielleicht Sympathie in der Szene ein, ist aber erwiesenermaßen schlecht fürs Geschäft.

Nur einer hat sich immer getraut, gewissermaßen stellvertretend für alle anderen. Sun-Microsystems-Mitbegründer und Vorstandschef Scott McNealy war immer vorneweg, wenn es darum ging Windows ("Zugeschweißtes Gewölle"), das Redmonder Führungsduo ("Ballmer und Butthead") sowie Microsoft als Ganzes ("der Todesstern") zu schmähen und sich selbst als den Verfechter des Schönen, Wahren, Guten ("Ich bin Luke Skywalker") in Szene zu setzen.

Ende mit Schrecken

Allein - geholfen hat es nichts. Nach fast 15-jähriger Totalopposition gegen Redmond muss McNealy jetzt gleich schaufelweise Kreide fressen. Das Kooperationsabkommen, das er und Microsoft-Boss Steve Ballmer gemeinsam bekannt gegeben haben, läuft im Wesentlichen auf drei Dinge hinaus. Erstens: Sun zieht alle seine Klagen gegen Microsoft zurück, macht in Zukunft keine Schwierigkeiten mehr und bekommt dafür knapp zwei Milliarden Dollar. Zweitens: Sun erhält von Microsoft regelmäßig technische Informationen, damit Suns Server besser mit Windows-Computern kommunizieren können. Drittens: Microsoft verleiht vielen Sun-Servern eine so genannte Windows Certification. Dieser Microsoft-Stempel signalisiert dem Kunden, dass ein Produkt reibungslos mit Windows funktioniert.

Kurzfristig dürfte die Einigung keinem der beiden Ex-Kontrahenten einen wesentlichen Vorteil verschaffen. Mittel- und langfristig könnten die Auswirkungen jedoch gravierend sein. Die wichtigsten Punkte im Überblick:

  • Warum ist McNealy eingeknickt?

    Wohl kaum aus Altersmilde, auch wenn der Sun-Chef bei der Pressekonferenz von einem "Sieg der Weisheit" sprach. Grund ist eher die nackte Not. Sun schreibt seit nunmehr elf Quartalen rote Zahlen, der Marktanteil des Unternehmens sinkt stetig. Zu lange hat McNealy ausschließlich auf kostspielige Premium-Server mit eigenen Chips und eigener Software (Solaris-Betriebssystem) gesetzt. Damit ist das Unternehmen zu einer Art Apple der Serverwelt geworden: Es hat erstklassige Produkte, bei denen alles reibungslos funktioniert - bis auf die für Unternehmen lebenswichtige Anbindung an das dominierende Betriebssystem Microsoft.

    Scott McNealy: Größere Probleme als Microsoft
    AP

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    Ebenfalls Ausschlag gebend dürfte gewesen sein, dass Microsoft nicht mehr Suns größtes Problem ist. Der härteste Wettbewerber des Server-Herstellers ist der Discounter Dell, der den Kaliforniern mit Billigservern die Preise kaputt macht. Der zweite große Widersacher Suns ist IBM. Der Computer- und Chipriese setzt sich vehement für das kostenlose Betriebssystem Linux ein, das viele Kunden anstelle von Solaris auf ihren billigen Dell- oder HP-Servern installieren. Sich weiter mit Redmond, dem großen Linux-Feind, anzulegen, machte für Sun schon seit Längerem keinen Sinn mehr.
  • Was bedeutet das Abkommen für das laufende EU-Verfahren gegen Microsoft?

    Zunächst nichts. Sun hatte gemeinsam mit anderen IT-Unternehmen in Brüssel geklagt, weil Microsoft sich bisher beharrlich weigerte, Daten für seine Serverprotokolle an Wettbewerber weiterzugeben. Dass Sun seine Klage jetzt zurückzieht, ist aus Verfahrenssicht zunächst egal, denn die Kommission hat ihr Urteil bereits gefällt. Ein zweiter Aspekt des EU-Verdikts, in dem es um den Mediaplayer der Firma RealNetworks ging, hat mit dem Serverstreit ohnehin nichts zu tun.

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    Gravierender sind die langfristigen Auswirkungen. Die personell eher schmächtige Kommission hat weniger Beamte hat als die Stadtverwaltung von Amsterdam - ihre Wettbewerbsdirektion kann gegen den juristischen Apparat des 32-Milliarden-Umsatz-Unternehmens Microsoft nur einige Dutzend Mann in Stellung bringen. Die Kommission ist deshalb darauf angewiesen, von Microsoft-Gegnern mit technischen Expertisen und Gutachten munitioniert zu werden. Mit Sun hat Brüssel jetzt seinen wichtigsten Helfer verloren. Das wird sich bei weiteren Klagen gegen Microsoft zeigen, die bei der EU anhängig sind: Eine befasst sich mit Redmonds aktuellem Betriebssystem Windows XP, eine weitere mit Microsofts umstrittener Software-Lizenzpolitik.
  • Wer ist der Gewinner?

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    Microsoft. Das Unternehmen ist seinen nervigsten und klagefreudigsten Konkurrenten für schlappe zwei Milliarden Dollar losgeworden - angesichts einer Kriegskasse von mehr als 50 Milliarden Dollar ist das ein Pappenstiel. In Zukunft wird es den Kartellbehörden - siehe oben - wesentlich schwerer fallen, gegen Microsoft vorzugehen. Indem Sun Microsystems, nach wie vor der Goldstandard bei Servern, seine Technologie stärker an Microsofts Windows koppelt, gewinnt Redmond ebenfalls. Gemeinsam können Sun und Microsoft, die beide auf ihre eigenen Betriebssysteme Windows und Solaris setzen, fortan eine Anti-Linux-Achse bilden.
  • Wer sind die Verlierer?

    Alle, die ein Interesse daran haben, Microsofts Dominanz Grenzen zu setzen. Der größte Verlierer ist aber zweifelsohne der stolze Scott "Luke Skywalker" McNealy. Jahrelang hat er gegen Gates' Unternehmen (McNealy: "Das böse Imperium") Angriffe geflogen. Jetzt ist er - gewissermaßen zur dunklen Seite der Macht konvertiert. Neben der Meldung über den Friedensschluss ging zudem eine andere Sun-Pressemitteilung unter: Das Unternehmen hat seinen bisherigen Vizepräsident Jonathan Schwartz zum Chief Operating Officer ernannt. Von McNealy übernimmt Schwartz zudem das Amt des Präsidenten. Es könnte sein, dass McNealys lange Regentschaft bei Sun dem Ende entgegen geht.
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