Supermarktkette Wal-Mart gibt Kampf um New York auf

Mit aller Macht wollte Wal-Mart in die Großstädte der USA einziehen - vor allem New York sollte als Prestige-Standort dienen. Doch nun hat der Chef der Supermarkt-Kette das Projekt aufgegeben. Einmal mehr wird deutlich: Wal-Mart stößt in der Heimat an seine Grenzen.

Von Johannes Kuhn


New York - "Mir ist es egal, ob wir jemals dort sein werden", erklärte Wal-Mart-Boss Lee Scott gegenüber der "New York Times". Ein überraschendes Eingeständnis, hatte der Konzern doch in den vergangenen Jahren vehement in den New Yorker Markt gedrängt.

Wal-Mart-Filliale in den USA: Zaghaftes Loslösen vom Niedrigpreis-Image
Getty Images

Wal-Mart-Filliale in den USA: Zaghaftes Loslösen vom Niedrigpreis-Image

Doch in der Acht-Millionen-Metropole formte sich schnell Widerstand: Gewerkschaften, Lokalpolitiker, Kleingewerbetreibende und Anwohner verbündeten sich, um Wal-Mart an der Eröffnung einer ersten Filiale zu hindern. Das Argument: Dumpinglöhne und Dumpingpreise würden der Wirtschaft mehr schaden als nutzen. So gelang es den Gegnern sogar, den Eigentümer eines neuen Einkaufszentrums zu überreden, Wal-Mart von der Liste möglicher Mieter zu streichen. Der Konzern versuchte mit Anzeigenkampagnen, die örtliche Bevölkerung auf seine Seite zu ziehen - offensichtlich vergebens.

Wal-Mart betreibt den Großteil seiner Filialen in Kleinstädten und auf dem Land. In Metropolen wie New York, Los Angeles, Cleveland oder Chicago trifft der Konzern auf teils heftige Widerstände. Konzernchef Scott vermutet als treibende Kraft dahinter die Gewerkschaften.

Kein Wachstum mehr auf dem Land

In den Riesen-Städten spielt Wal-Mart bislang kaum eine Rolle. Doch sie sind mit ihrer gewaltigen Zahl potenzieller Kunden die einzige Chance des Konzerns, um auf dem Heimatmarkt wieder Boden gut zu machen. Denn der Umsatz wächst in den USA schon seit längerem nicht mehr wie gewünscht, eine Trendwende ist bislang ausgeblieben. Zwar eröffnet die Kette ständig neue Märkte, doch sehen Experten als Folge daraus vor allem Kannibalisierungs-Effekte. Weil es auf dem Land schon ein dichtes Netz an Wal-Mart-Märkten gibt, nehmen die neuen Filialen den bereits bestehenden die Kunden weg, anstatt neue anzulocken. Aus diesem Grund drängt das Unternehmen so vehement in die noch nicht erschlossenen Großstädte.

Doch Wal-Mart leidet auch unter einem Imageproblem: Jüngst ließ die amerikanische Justiz eine Sammelklage von Mitarbeiterinnen zu. Der Vorwurf gegen das Unternehmen: Diskriminierung von Frauen. Während zwei Drittel aller Wal-Mart-Mitarbeiter weiblich sind, schrumpft der Anteil auf der Management-Ebene auf ein Drittel. Durch die Gerichtsentscheidung können 1,6 Millionen aktuelle und ehemalige Mitarbeiterinnen den Konzern auf Schadensersatz verklagen.

Auch das Niedrigpreis-Image macht der Supermarkt-Kette zu schaffen. Eine amerikanische Zeitung schrieb jüngst in Anlehnung an einen Kreditkarten-Werbespot: "Jährliche Verkäufe: 340 Milliarden Dollar. Profit: 12 Milliarden Dollar. Das richtige Image finden: Unbezahlbar." Konkurrenten wie Target erreichen längst höhere Wachstumsquoten und gehen auf Expansionskurs, gelten als angesagter und jünger. Ende des vergangenen Jahres musste deshalb US-Marketingchefin Julie Roehm nach weniger als zwölf Monaten auf dem Posten ihren Hut nehmen.

Erste Versuche, eine kaufkräftige Kundschaft anzuziehen, gibt es: So eröffnete vergangenes Jahr ein Versuchs-Supermarkt, in dem die Kunden unter anderem Sushi und teure Weine kaufen können. Eine neue Modelinie setzt sich preislich und vom Design von den bislang angebotenen Textilien ab.

"Künstliche Kontroverse"

Doch das hilft wenig, wenn die Einkaufsatmosphäre alles andere als einladend ist. Im Internet beschreibt ein Kunde sein Einkaufserlebnis so: "Einige Supercenter in dieser Gegend waren in so schlechtem Zustand, dass man fast damit rechnete, auf dem Parkplatz erschossen zu werden." Auch wenn Wal-Mart seine Filialen nach und nach auf Vordermann bringt - die Investoren werden ungeduldig. Die Investment-Bank Goldman Sachs stufte die Wal-Mart-Aktie zu Beginn des Jahres von "kaufen" auf "neutral" herab.

Einen weiteren Rückschlag kassierte der Konzern vor wenigen Tagen, als er verkünden musste, den Plan für ein eigenes Bankgeschäft zurückzuziehen. Wal-Mart begründete die Entscheidung mit langwierigen Bewilligungsverfahren und einer "künstlichen Kontroverse". Wieder einmal hatten Aktivistengruppen und Politiker - diesmal unterstützt von Bankenverbänden - gegen die Pläne des Konzerns mobil gemacht. Der Rivale Target hatte die Banklizenz vor einigen Jahren ohne Probleme erhalten.

Da der Druck auf Wal-Mart-Boss Scott wächst, plant dieser nun, das Auslandsgeschäft auszubauen. Das internationale Geschäft macht momentan rund 22 Prozent des Gesamtumsatzes aus. Vor allem China und Indien sollen die neuen Stützpfeiler des Konzerns werden. Doch im internationalen Geschäft bewies Wal-Mart bislang nicht immer eine glückliche Hand: Vergangenes Jahr zog man sich aus Südkorea und Deutschland zurück.

Hierzulande sind die Folgen des Rückzugs immer noch zu spüren: Die Gewerkschaft Ver.di hat heute vermeldet, dass in Niedersachsen etwa 750 Arbeitsplätze an neun ehemaligen Wal-Mart-Standorten bedroht seien. Wal-Mart hatte seine defizitären Deutschland-Filialen an die Handelskette Metro verkauft.



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