Superreiche Ein Prozent der Bevölkerung besitzt ein Viertel des Vermögens

Die Kluft zwischen Arm und Reich ist in Deutschland weiter gewachsen: Laut einer DIW-Studie besitzen die oberen zehn Prozent der Bevölkerung über 60 Prozent des gesamtdeutschen Vermögens. Die Armen dagegen verschulden sich immer stärker.


Berlin - Diamanten, Uhren, Schmuck: Die Umsätze und Gewinne der Luxusindustrie sind 2008 deutlich geschrumpft. Ein Branchenexperte sagte dazu dem "Handelsblatt", dass Luxusgüter inzwischen wieder wahrer Luxus werden, sprich: dass in der größten Rezession der Nachkriegszeit nur noch die Superreichen ausgiebig Reichtümer konsumieren.

Millionär mit "Golden Zeus"-Zigarre (400 Euro): Bedenkliches Wohlstandsgefälle
AP

Millionär mit "Golden Zeus"-Zigarre (400 Euro): Bedenkliches Wohlstandsgefälle

Eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) zeigt dieselbe Entwicklung: Seit 2002 hat sich das Wohlstandsgefälle in Deutschland bedenklich vergrößert. Die reichsten zehn Prozent der Bevölkerung steigerten ihren Anteil am Gesamtvermögen von 2002 bis 2007 von 57,9 auf 61,1 Prozent, wie DIW-Autor Markus Grabka am Mittwoch in Berlin erläuterte. Mehr noch: Die reichsten ein Prozent der Bevölkerung vereinigen inzwischen 23 Prozent allen Vermögens auf sich.

Die ärmeren 70 Prozent besitzen hingegen zusammen nur neun Prozent des gesamten Vermögens. 27 Prozent der Erwachsenen haben überhaupt nichts auf der hohen Kante beziehungsweise Schulden, wie es weiter hieß. Bei den ärmsten zehn Prozent wuchs der Anteil an der Verschuldung von 1,2 auf 1,6 Prozent.

Verteilung des individuellen* Nettovermögens

Verteilungskennwerte 2002 2007
Ärmste 10% -1,2 -1,6
10-20% 0,0 0,0
20-30% 0,0 0,0
30-40% 0,4 0,4
40-50% 1,3 1,2
50-60% 2,8 2,8
60-70% 7,0 6,0
70-80% 11,8 11,1
80-90% 19,0 19,0
Reichste 10% 57,9 61,1

* Personen in privaten Haushalten im Alter ab 17 Jahren. Anteil am Gesamtvermögen in Prozent. Quellen: SOEP; Berechnungen des DIW Berlin. DIW Berlin 2009

Ost-West-Gefälle nimmt zu

Auch die Kluft zwischen West- und Ostdeutschland hat sich der Studie zufolge weiter geöffnet. Während im Westen die Nettovermögen seit 2002 um gut elf Prozent wuchsen, schrumpften sie in den neuen Ländern um knapp zehn Prozent, einschließlich Inflation sogar um 17 Prozent.

Hinter der Entwicklung im Osten stecken laut Grabka vor allem der Wertverlust von Immobilien und die hohe Arbeitslosenquote. Bei Arbeitslosen und angelernten Arbeitern sei die Zahl der Menschen ohne Vermögen oder mit Schulden mit Abstand am höchsten.

Auch die Hartz-IV-Regelung, nach der Langzeitarbeitslose zuerst ihr Vermögen aufbrauchen müssen, habe wohl zum Schrumpfen der Werte beigetragen, sagte der Wissenschaftler. Er warnte vor wachsender Gefahr von Altersarmut vor allem im Osten.

6,6 Billionen Gesamtvermögen

Das Gesamtvermögen der Deutschen schätzt das DIW im Saldo (also abzüglich der Verschuldung) auf 6,6 Billionen Euro. Zu den Vermögenswerten zählt das Institut Häuser und Grundstücke, Geld, Wertpapiere, private Versicherungen, aber auch Gold, Schmuck und wertvolle Sammlungen.

Ansprüche an die Rentenversicherung wurden nicht mitgerechnet, vor allem, weil sie kaum zu erfassen seien, sagte Grabka. Auf alle Erwachsenen umgerechnet ergibt sich für 2007 ein mittlerer Vermögenswert von rund 88.000 Euro, rund zehn Prozent mehr als 2002. In der "unteren Hälfte" der Bevölkerung sind es aber im Schnitt nur 15.288 Euro, was einem Zuwachs von 1,9 Prozent seit 2002 entspricht.

Die obersten zehn Prozent besitzen im Durchschnitt 222.295 Euro - das ist ein Plus von 6,1 Prozent. Das Vermögen des reichsten Prozents der Bevölkerung wuchs sogar um zehn Prozent auf 817.181 Euro. Die Vermögenszuwächse seien also da besonders hoch gewesen, wo bereits viel Vermögen vorhanden gewesen sei, schlossen die Forscher.

Das Ende der aktuellen Entwicklung ist offenbar noch nicht erreicht. Laut DIW-Prognose wird das Wohlstandsgefälle in Deutschland noch weiter wachsen: "Die Erbschaftsteuerreform (Zusammenfassung aller Änderungen nach dem Klick...) wird zu einer weiteren Vermögenskonzentration führen", kritisiert Grabka. "Ein neuerliches Überdenken dieser Reform wäre deshalb geboten."

Den Auftrag zur Studie "Gestiegene Vermögensungleichheit in Deutschland" hatte die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung erteilt. Die Forscher werteten Daten des sogenannten Sozioökonomischen Panels von rund 11.000 Haushalten aus, das als repräsentativ für die Gesamtbevölkerung gilt.

ssu/AFP/AP



© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.