Tageszeitungen Streiken in der Krise

In der Tageszeitungsbranche sind 2000 Redakteure im Ausstand. In vielen Redaktionen ist der Arbeitskampf allerdings umstritten. Denn mancher Großverlag steckt in der Krise.

Von Alexander Bürgin


 Streik bei den Tageszeitungen: Vielerorts heftige Diskussionen
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Streik bei den Tageszeitungen: Vielerorts heftige Diskussionen

Beim "Mannheimer Morgen" ist es der Tag der Volontäre, freien Mitarbeiter und Praktikanten: Sie dürfen endlich einmal ihr Können unter Beweis stellen, während 65 der 80 gestandenen Redakteure im Streiklokal sitzen und das weitere Vorgehen beraten. Vier Druckseiten dünner ist das Blatt am Freitag. Horst Roth, Chefredakteur und Mitglied der Geschäftsleitung, ärgert sich über den Ausstand: "Bei jedem Streik stehen wir in der ersten Reihe."

Bundesweit haben sich über 2000 Redakteure aus 70 Redaktionen dem unbefristeten Warnstreik angeschlossen - und nächste Woche werden es mehr als 100 sein, kündigt die Gewerkschaft Ver.di an. Der Bundesverband der Zeitungsverleger (BDZV) soll so unter Druck gesetzt werden, im Tarifstreit nachzugeben.

Die Tarifgespräche zwischen Gewerkschaften und den Zeitungsverlegern waren Mitte Januar nach fünf Verhandlungsrunden gescheitert. Der Bund Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) verlangt Abstriche bei Urlaubsgeld, Urlaubstagen und ein Einfrieren der Gehälter bis Mitte 2005. Zudem soll eine so genannte Öffnungsklausel ermöglichen, "durch Einzelfalllösungen betriebsbedingte Kündigungen zu vermeiden."

Die Gewerkschaft Ver.di und der Deutsche Journalistenverband (DJV) fordern dagegen eine tarifvertragliche Regelung, die lediglich bei Tageszeitungen in wirtschaftlicher Not befristete Eingriffe in den Tarifvertrag ermöglichen soll, sowie eine branchenübliche Gehaltserhöhung für die rund 14.000 Tageszeitungsredakteure.

Rumoren in der Branche

Die Krise vieler deutschen Tageszeitungen stärkt die Position der Zeitungsverleger. Im April 2003 konnte die "Frankfurter Rundschau" nur durch die Bürgschaft des Landes Hessen in zweistelliger Millionenhöhe gerettet werden. Auch die "Frankfurter Allgemeine" strich in den letzten beiden Jahren jeweils 100 Stellen. Viele Verlage verhängen einen Einstellungsstopp. In manchen Redaktionen wird heftig diskutiert, ob in dieser angespannten Situation Streiks überhaupt angebracht sind.

Kein Wunder also, dass bei der "Frankfurter Rundschau", die in ihrer Berichterstattung meist mehr Verständnis für die Rechte der Arbeitnehmer erkennen lässt als andere Blätter, leisere Töne angeschlagen werden. "Unsere schwierige finanzielle Lage erlaubt es uns nicht, als erste auf der Matte zu stehen", so der Betriebsrat gegenüber SPIEGEL ONLINE. Sollte der Konflikt nächste Woche aber eskalieren, wolle man nicht im Abseits stehen. Auch bei der "Stuttgarter Zeitung" wurde in der Redaktion darüber diskutiert, ob der Streik zum jetzigen Zeitpunkt die richtige Strategie ist.

Fein heraus ist die "Tageszeitung" in Berlin, kurz taz genannnt. Für das stets am Rande der Existenz schwebende Blatt ist ein Streik kein Thema. Dort wird sowieso unter Tariflohn gearbeitet. Wenig Verständnis findet der Streik auch beim Betriebsrat der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", kurz FAZ genannt: "Den Zeitungsverlagen geht es schlecht, da kann man nicht auch noch streiken," heißt es dort im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Beim großen Konkurrenten im Süden hingegen sieht man die Lage ein wenig anders. Rainer Olbert, Nachrichtenredakteur der "Süddeutschen Zeitung", der wie 180 seiner Kollegen im Süddeutschen Verlag die Arbeit niederlegte, lässt das Argument des FAZ-Betriebsrats nicht gelten: "Die Zeitungsverleger dürfen die schwierige wirtschaftliche Lage nicht dazu nutzen, einen Horrorkatalog aufzustellen." Hinnehmbar sei eine Lohnerhöhung, die nur die Inflation ausgleiche, inakzeptabel sei aber, Leistungen zu kürzen, sagt er.

Neue Verhandlungen kommende Woche

Während in den Redaktionen über die Teilnahme oder Fortführung des Streiks debatiert wird, haben sich DJV-Hauptgeschäftsführer Hubert Engeroff und Ver.di-Vize Frank Werneke mit dem Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger am Freitagnachmittag auf einen neuen Verhandlungstermin geeinigt: Die Tarifparteien treffen sich am Mittwoch in Frankfurt am Main.

Der Chefredakteur des "Mannheimer Morgens" hofft, dass dies seine Belegschaft dazu bringen wird, den Streik nächste Woche nicht fortzuführen. Doch die bleibt vorerst hart. Bis Dienstag nächster Woche wird weiter gestreikt.



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