Tarifgehalt Löhne in Frankreich wachsen schneller als in Deutschland

Bescheidene Deutsche, anspruchsvolle Franzosen: Die Tarifgehälter in der Bundesrepublik sind 2006 nur um 1,6 Prozent gestiegen. In Frankreich haben die Arbeitnehmer dagegen ordentlich zugelangt - obwohl die Wirtschaft dort schwächer wächst.


Hamburg - Deutsche Arbeitnehmer werden real immer ärmer, während französische immer mehr Lohn bekommen. Im Jahr 2006 stiegen die tariflichen Monatsverdienste in Frankreich um 2,8 Prozent, wie das Statistische Bundesamt in Wiesbaden berichtet. In Deutschland lag das Plus gerade einmal bei 1,6 Prozent.

Bergarbeiter in Deutschland: Weniger Lohn trotz stärkeren Wachstums
DPA

Bergarbeiter in Deutschland: Weniger Lohn trotz stärkeren Wachstums

Für die Arbeitnehmer hierzulande ist das besonders ärgerlich: Denn die Inflation liegt höher als im Nachbarland - real bleibt vom Gehalt also noch weniger übrig. Während die Verbraucherpreise in Frankreich um 1,6 Prozent gestiegen sind, erhöhten sie sich in Deutschland um 1,7 Prozent und damit stärker als die Löhne.

Das Statistische Bundesamt veröffentlicht einmal im Jahr gemeinsam mit dem französischen Statistischen Zentralamt (INSEE) Daten zur Lohnentwicklung in beiden Ländern. Zulagen und Prämien sowie Einmalzahlungen werden nicht berücksichtigt. Nach Angaben der Statistiker ist es bereits das dritte Mal in Folge, dass die Tariferhöhungen in Deutschland unter denen in Frankreich liegen.

Für das Jahr 2006 ist das umso erstaunlicher, als die Gesamtwirtschaft in Deutschland mit 2,7 Prozent stärker gewachsen ist als in Frankreich mit 2,0 Prozent. Keynesianische Ökonomen wie der Wirtschaftsweise Peter Bofinger fordern deshalb ein stärkeres Lohnwachstum für die deutschen Arbeitnehmer. Wirtschaftsliberale Wissenschaftler warnen hingegen, Frankreich als Vorbild zu betrachten: Die hohen Lohnabschlüsse dort bedrohten die Substanz der gesamten Volkswirtschaft.

Lohnzuwachs 2006 - Deutschland und Frankreich im Vergleich

Deutschland Frankreich
Gesamtwirtschaft 1,6 2,8
Bergbau 0,3 2,7
Verarbeitendes Gewerbe 2,3 2,7
Energie 0,6 2,8
Bau 1,1 3,2
Handel 1,0 2,8
Verkehr und Nachrichten 1,3 3,1
Finanzbranche 1,2 2,4
Zum Vergleich: Inflation 1,7 1,6

Tarifverdienst, Veränderung zum Vorjahr in Prozent
Quelle: Statistisches Bundesamt

Am stärksten sind die tariflichen Monatsgehälter hierzulande im Verarbeitenden Gewerbe mit 2,3 Prozent gestiegen. Dies lässt sich insbesondere auf die Tariferhöhungen in der Metallindustrie zurückführen, die im Juni 2006 in Kraft getreten waren. Die IG Metall hatte ein Gehaltsplus von drei Prozent erreicht. In Frankreich stiegen die Tarifverdienste im Verarbeitenden Gewerbe um 2,7 Prozent. Dieser Anstieg war zwar höher als in Deutschland, entsprach für französische Verhältnisse aber nur einer durchschnittlichen Tariferhöhung.

Die höchsten Tariferhöhungen konnten die französischen Arbeitnehmer im Baugewerbe mit durchschnittlich 3,2 Prozent durchsetzen. Ein Grund für diese Entwicklung war die große Nachfrage französischer Bauunternehmer nach qualifizierten Arbeitskräften. Demgegenüber stiegen in Deutschland die Tariflöhne im Baugewerbe gerade einmal um 1,1 Prozent.

Diese Zunahme erstreckte sich aber nicht auf den gesamten Bausektor. Im Bauhauptgewerbe kam es wegen einer Arbeitszeitverlängerung sogar zu einem Rückgang der Stundenlöhne um 2,5 Prozent. Auch im Bergbau sowie in der Energie- und Wasserversorgung haben sich die deutschen und französischen Tarifverdienste stark unterschiedlich entwickelt (siehe Tabelle).

Zum absoluten Lohnniveau gemessen in Euro machte das Statistische Bundesamt keine Angaben. Früheren Untersuchungen zufolge ist es in Deutschland höher als in Frankreich. Nach den heute vorgelegten Zahlen dürfte der Abstand aber immer kleiner werden.

wal



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Seite 1
double_pi, 06.07.2007
1.
man sollte mehr beteiligung am gewinn für die mitarbeiter zulassen! dann wäre die diskussion um ständige lohnpreiserhöhungen hinfällig!
jinky, 06.07.2007
2.
Zitat von sysopDie Wirtschaft brummt, die Gewinne der Unternehmen steigen. Können jetzt auch die Arbeitnehmer mehr Geld verlangen - oder würde das den Aufschwung gefährden?
Ist doch ganz einfach: In der Rezession müssen Arbeitnehmer weniger Geld akzeptieren, weil alles sonst noch schlechter wird. Im Aufschwung dürfen sie nicht mehr Geld verlangen, weil alles sonst wieder schlechter wird. Michel aus Lönneberga stellte in ähnlicher Situation die Frage: "Wenn ich kein Geld habe, KANN ich keine Limonade trinken. Wenn ich welches habe, DARF ich keine Limonade trinken. Wann also SOLL ich Limonade trinken?" Aber das war ja auch ein kleiner Junge, der keinerlei Ahnung von gesamtwirtschaftlichen Zusammenhängen hatte, nicht wahr?
Gast100100, 06.07.2007
3.
Wenn man jahrzehntelang Wohltaten in der Politik bestellt braucht man sich nicht zu wundern wenn irgendwann die Rechnung kommt. Die Deutschen haben kein Brutto sondern ein Netto-Problem.
affordable, 06.07.2007
4.
Zitat von Gast100100Wenn man jahrzehntelang Wohltaten in der Politik bestellt braucht man sich nicht zu wundern wenn irgendwann die Rechnung kommt. Die Deutschen haben kein Brutto sondern ein Netto-Problem.
Aber Sie wollten an dieser Stelle nicht Frau merkel zitieren? ;-)
exi, 06.07.2007
5.
Zitat von sysopDie Wirtschaft brummt, die Gewinne der Unternehmen steigen. Können jetzt auch die Arbeitnehmer mehr Geld verlangen - oder würde das den Aufschwung gefährden?
... schlechte Bezahlung produziert 'Dienst nach Vorschrift' und würgt jede Produktion schneller ab als eine ehrliche Entlohnung. Und wo soll denn überhaupt ein Problem sein? Deutschland geht es so gut, daß sich die Manager eine 30% Lohnsteigerung erlauben konnten. Da ist es nur recht und billig, wenn auch die Arbeiter eine 30% Steigerung bekommen.
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