Tarifgespräche Interner Gewerkschafts-Ärger behindert Einigung im Bahn-Streik

Verkehrte Welt bei der Bahn: Statt gemeinsam für mehr Lohn zu kämpfen, bekriegen sich die Gewerkschaften untereinander. Auch wenn die Warnstreiks vorerst zu Ende sind, heißt das für Bahnkunden keine Entwarnung - denn die Streithähne setzen sich noch immer nicht an einen Tisch.

Von


Hamburg - "Überzogen", "schädlich", "unverhältnismäßig" - das sind Worte, mit denen normalerweise Arbeitgeber Streiks kommentieren. In diesen Tagen kommt die Kritik jedoch von anderer Seite: Bei der Deutschen Bahn sind es die Gewerkschaften selbst, die verbal übereinander herfallen.

Bahn-Mitarbeiter in Mainz: Spaltung des Arbeitnehmerlagers
REUTERS

Bahn-Mitarbeiter in Mainz: Spaltung des Arbeitnehmerlagers

Die einen wollen nicht mit den anderen an einem Tisch sitzen, die anderen wiederum warnen vor einer Spaltung des Arbeitnehmerlagers. Die Leidtragenden sind die Bahnkunden: Wegen des internen Zoffs müssen sie sich auf einen langen Streik einstellen.

Drei Gewerkschaften, die sich gegenseitig bekämpfen - in Deutschland ist das einmalig. In der Regel haben die Organisationen die Branchen untereinander aufgeteilt: Dienstleistungen für Ver.di, Metall und Elektro für die IG Metall, Chemie für die IG BCE. Gegenseitige Streitereien - wie zum Beispiel in Frankreich zwischen den christlichen, sozialistischen und trotzkistischen Gewerkschaften - werden so von vorneherein vermieden.

Anders ist es bei der Deutschen Bahn: Gleich drei Arbeitnehmerorganisationen fühlen sich für das Unternehmen zuständig: die Gewerkschaft der Lokführer GDL, die größte Bahngewerkschaft Transnet und die Beamtengewerkschaft GDBA. Für Konzernchef Hartmut Mehdorn wird es dadurch doppelt schwierig, die aktuelle Tarifauseinandersetzung zu beenden. Denn die GDL will keine gemeinsamen Verhandlungen mit den anderen beiden Gewerkschaften führen.

Heute Vormittag kam Mehdorn deshalb nur mit Vertretern von Transnet und GDBA zusammen, die Lokomotivführer blieben dem Treffen bewusst fern. Der Konzern und die anwesenden Arbeitnehmer kamen sich offensichtlich näher - Transnet stellte sogar ein Ende der Warnstreiks in Aussicht. Doch ohne Einigung mit der GDL dürfte das den Arbeitskampf kaum beenden. Morgen wollen sich nun alle Beteiligten zusammensetzen; die GDL legt allerdings größten Wert darauf, dass es dabei nur um "ein Gespräch" und "nicht um Verhandlungen" gehe.

Das Problem ist fast so alt wie die Bahn. Im Jahr 1867 gründete sich die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL), nach eigenen Angaben ist sie die älteste Arbeitnehmerorganisation Deutschlands. Zu ihren Mitgliedern gehören auch Schaffner und Zug-Kellner - die Mehrheit der Bahnmitarbeiter bleibt allerdings außen vor.

Schalterangestellte, Bahnhofskräfte und Gleisarbeiter sind deshalb bei Transnet organisiert, der mit Abstand größten Bahngewerkschaft. Hinzu kommt außerdem noch die Gewerkschaft Deutscher Bundesbahnbeamter und Anwärter (GDBA). Sie vertritt die Interessen der Staatsbediensteten, die noch vor der Privatisierung der Bundesbahn 1994 eingestellt wurden.

Bei ihren Streikaktionen gehen die Gewerkschaften einzeln vor. Gestern traten zum Beispiel die Lokführer in den Ausstand. Heute sind sie zwar wieder zum Dienst erschienen, dafür rief aber Transnet zur Arbeitsniederlegung auf. Selbst wenn sich eine der Gewerkschaften mit der Konzernführung auf einen neuen Tarifvertrag einigen würde - die jeweils andere würde vermutlich weiterstreiken.

Vor allem die GDL ist sich ihrer Macht bewusst: Ähnlich wie die Piloten bei der Lufthansa wissen die Lokführer, dass ohne sie nichts läuft. Mit wenigen tausend Mitgliedern kann die Organisation daher den gesamten Bahnbetrieb lahm legen.

So unterschiedlich die Gewerkschaften ihren Arbeitskampf führen, so verschieden sind auch ihre Forderungen. Transnet und GDBA haben eine Tarifgemeinschaft gebildet, die für sieben Prozent mehr Lohn und Gehalt kämpft. Die Bahn bietet bisher zwei mal zwei Prozent in den kommenden beiden Jahren.

Deutlich mehr verlangt hingegen die GDL: Geht es nach ihr, dann soll es für die Lokführer bis zu 31 Prozent mehr Lohn geben. Die Gewerkschaft will deshalb einen eigenen Spartentarifvertrag - und über diesen auch nur allein verhandeln.



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.