Tarifrunde IG Metall streikt sich warm

Minus-Angebot, Hinhaltetaktik, Beleidigung: Mit deutlichen Worten lehnt die IG Metall das Tarifangebot der Arbeitgeber ab, Tausende Beschäftigte legten zeitweise die Arbeit nieder. Ab Montag sollen die Warnstreiks auf ganz Deutschland ausgeweitet werden.


Frankfurt/Main - Die IG Metall hat massive Warnstreiks für die kommende Woche angekündigt. Das bisherige Tarifangebot der Arbeitgeber sei "eine Beleidigung", sagte IG-Metall-Vize Detlef Wetzel. Das "Minus-Angebot" erkenne weder die Leistung der Menschen an, noch gleiche es die Preissteigerung aus. "Auf dieser Basis ist eine schnelle Einigung nicht möglich." IG Metall-Bezirksleiter Hartmut Meine warf bei einer Kundgebung in Hannover den Arbeitgebern Hinhaltetaktik vor. Mit einem völlig unzureichenden Angebot hätten sie die Warnstreiks provoziert. Mit mehr Geld in der Tasche könnten die Beschäftigten auch den Konsum im Inland beleben.

Warnstreik in Paderborn: "Eine Beleidigung"
DDP

Warnstreik in Paderborn: "Eine Beleidigung"

"Die Wucht der Warnstreiks wird massiv sein", sagte der bayerische IG Metall-Chef Werner Neugebauer bei einer nächtlichen Kundgebung. Allein in Bayern könnten in den nächsten zehn Tagen mehr als 200 Betriebe mit mehr als 100.000 Beschäftigten betroffen sein. Dann könnten sich die Warnstreiks auch über mehrere Stunden hinziehen.

Die Gewerkschaft verlangt für die bundesweit rund 3,6 Millionen Beschäftigten der deutschen Schlüsselindustrie acht Prozent mehr Geld. Die IG Metall hatte am Freitag bei der dritten Verhandlungsrunde in Bamberg das Angebot der Arbeitgeber über eine Lohnerhöhung von 2,1 Prozent im kommenden Jahr und Einmalzahlungen von 0,8 Prozent für November und Dezember 2008 abgelehnt.

Am Freitag wurden die Verhandlungen in mehreren Bezirken vertagt. Verhandelt wurde für die mehr als zwei Millionen Beschäftigten der Branche in Bayern, Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen und in den Bezirken Mitte (Hessen, Rheinland-Pfalz, Saarland) und Küste.

Warnstreiks "erst der Auftakt"

Kaum war die Friedenspflicht um, begannen Metaller in mehreren Bundesländern mit ersten Warnstreiks: Mehr als 8000 Beschäftigte der Metallindustrie haben in der Nacht zum Sonnabend die Arbeit niedergelegt. Damit wollen sie ihrer Forderung nach acht Prozent mehr Lohn Nachdruck verleihen. Schwerpunkt der Protestaktion war Ingolstadt, wo 4000 Beschäftigte des Automobilherstellers Audi um Mitternacht protestierten. In Neckarsulm beendeten nach Angaben der Gewerkschaft rund tausend Audi-Mitarbeiter um 4.30 Uhr vorzeitig ihre Schicht. Auch in weiteren Unternehmen in Bayern und Baden-Württemberg sowie in Rheinland-Pfalz und Norddeutschland gab es noch in der Nacht Protestaktionen.

Der Zweite Vorsitzende der IG Metall, Detlef Wetzel, zeigte sich mit den Aktionen zufrieden. "Aber das ist erst der Auftakt. In der nächsten Woche wird es bundesweit eine massive Warnstreikwelle geben", sagte er der Nachrichtenagentur AP. Die Leute hätten einfach die Nase voll und würden nicht hinnehmen, "dass sie, nachdem sie als Steuerzahler für die Finanzkrise geradestehen, jetzt als Arbeitnehmer nochmal Opfer werden von diesen gierigen Geldverbrennern". Voraussichtlich am 10. oder 11. November werde es zur letzten Verhandlungsrunde kommen. Gleichzeitig werde auch der Vorstand der IG Metall tagen und möglicherweise über eine Urabstimmung entscheiden.

Trotz der verhärteten Fronten setzen beide Seiten nach wie vor auf eine Lösung am Verhandlungstisch. Eine Einigung wird auch vom Ergebnis der weiteren Verhandlungen im Pilotbezirk Baden-Württemberg abhängen. Falls es bis zum 10. November nicht zu einem Abschluss kommt, will der Vorstand der IG Metall dann entscheiden, ob er seine Mitglieder zu einer Urabstimmung über Streikmaßnahmen aufruft.

Arbeitgeber warnen vor Job-Verlust

Die Arbeitgeber nannten die Forderung der Gewerkschaft "absurd" und "bizarr". Sie verweisen vor allem darauf, dass sich die konjunkturelle Lage der Branche in den vergangenen Tagen und Wochen dramatisch verschlechtert habe.

Die Arbeitgeber bekräftigten ihre Warnung vor einem Verlust von Arbeitsplätzen. "Wenn wir möglichst viele der im Aufschwung geschaffenen 250.000 neuen Arbeitsplätze über die Krise retten wollen, muss die Lohnsteigerung niedriger ausfallen als beim letzten Mal", sagte Gesamtmetall-Hauptgeschäftsführer Ulrich Brocker der "Hannoverschen Allgemeinen Zeitung". Fast 40 Prozent der aktuell befragten Unternehmen wollten frei werdende Stellen nicht mehr besetzen, und zehn Prozent stellten sich auf betriebsbedingte Kündigungen ein.

ore/AP/ddp/dpa



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