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Tatort Finanzmarkt: Ein Krimi, der die Welt verändert

Von Ansbert Kneip

Die globale Finanzkrise kam keineswegs überraschend. Wer den Weg in die Katastrophe rekonstruiert, stößt auf eine Kriminalstory unvorstellbaren Ausmaßes: mit skrupellosen Zockern, einfallsreichen Jongleuren, düsteren Propheten. Der SPIEGEL hat ihr nachgespürt - Protokoll einer Recherche.

Hamburg - Was verbindet einen Ingenieur aus Ohio mit der evangelischen Landeskirche in Oldenburg? Was hat ein Hamburger Rentner zu tun mit Richard Fuld, dem langjährigen Chef der Lehman Brothers Bank in New York? Die Krise an den Finanzmärkten verknüpft Schicksale von Menschen rund um den Globus.

Londoner City 2008: "Schulden an sich sind nichts Schlimmes ..."
AFP

Londoner City 2008: "Schulden an sich sind nichts Schlimmes ..."

Wenn also die Kirche und der Rentner ihre Ersparnisse verlieren und der Ingenieur aus Ohio sein Haus, dann hat das viel zu tun mit dem Wirken von Lehman Brothers und anderen Banken, mit der steten Optimierung von Geldanlagemöglichkeiten, man kann auch sagen: Gier.

Im neuen SPIEGEL 47/2008:

Das Kapital-Verbrechen
Anatomie einer Weltkrise, die gerade erst begonnen hat

Illustration DER SPIEGEL
Acht SPIEGEL-Redakteure und -Mitarbeiter haben in den vergangenen Wochen recherchiert, wie es zur größten Finanzkrise seit 1929 kommen konnte, einer Krise, die 23 Billionen Dollar Wertverlust an den Börsen der Welt brachte, die bislang 21 Banken allein in den USA in den Ruin trieb.

Seit Wochen versuchen die Regierungen der größten Wirtschaftsnationen, die Finanzmärkte und die Krise in den Griff zu bekommen, so auch am Wochenende in Washington. Den Weg in die Katastrophe zeichnet nun der SPIEGEL in seiner Titelgeschichte nach. In ihr wird deutlich, wie einfallsreiche, skrupellose Finanzjongleure jahrelang mit Milliarden zockten und die Risiken rund um den Globus versteckten.

Vor allem aber zeigen die Recherchen, dass in den Finanzmärkten Gefahren für die Weltwirtschaft lauern, die viel größeren Schaden anrichten können als die Immobilienkrise, die für die aktuellen Probleme verantwortlich ist. Eine 57-Billionen-Dollar-Blase, entstanden vor allem durch spekulative Kreditversicherungen, droht, zu platzen und die Weltrezession dramatisch zu verschärfen.

"Die Lage ist schlimmer, als die Leute glauben"

Dass der US-Immobilienmarkt überhitzt war, hatte sich bereits im vergangenen Jahr abgezeichnet. Welche Gefahr darin lag, erfuhr Wirtschaftsredakteur Beat Balzli im Juli vergangenen Jahres, als im Berliner SPIEGEL-Büro Jamie Dimon, der Chef von JP Morgan Chase, zu Gast war. Auf die Frage, ob sich aus der Krise am US-Immobilienmarkt eine Rezession entwickeln könnte, antwortete Dimon unter anderem: "Die Lage ist schlimmer, als die Leute glauben."

Ein weiteres Schlüsselerlebnis für Balzli war ein Besuch bei der Bundesbank Anfang 2008. In der Abteilung, die den deutschen Banken die Liquidität zuteilte, herrschte schon seit Monaten Ausnahmezustand. Während sich das Geschäft früher auf langweilige Routinegeschäfte beschränkte, pumpte die Europäische Zentralbank (EZB) jetzt beinahe täglich Geld in den Markt.

Mittels Auktionen ersteigerten die Banken das Geld, das sie gegen Sicherheiten erhielten. Während früher die Zinsgebote nur knapp über dem Leitzins lagen, zahlten die Banken nun beinahe jeden Preis. Panisch versuchte jeder, sich EZB-Liquidität zu sichern, weil er von anderen Banken keine Kredite mehr bekam und selber auch keine mehr gab.

Ebenfalls im vergangenen Jahr hatte Klaus Brinkbäumer, Reporter in New York, von leerstehenden Häusern und Zwangsversteigerungen in den USA berichtet. Als er jetzt die Vororte von Cleveland, Ohio, besichtigte, hatte sich die Lage noch einmal verschlimmert: Ganze Straßenzüge standen leer, Häuser verfielen. Dort traf Brinkbäumer Tim Smith, einen Ingenieur, der jetzt wieder in einer Mietwohnung lebt, weil er mit den Raten fürs Haus nicht mehr nachkam. Ursprünglich hatte Smith mal einen Vertrag mit der Hausbank um die Ecke, am Ende kaufte dann, zusammen mit Tausenden anderen Kreditforderungen, der Deutsche Bank National Trust die Forderungen auf. Ein normales Massengeschäft im Cyberspace der Banken - und dann schaltete die Bank eine Agentur ein als Abwickler all dieser lästigen Gespräche mit echten Menschen wie dem Ingenieur Smith.

"Für den Anleger nicht relevant"

Banker zum Reden zu bringen, fiel auch den SPIEGEL-Journalisten nicht immer leicht. Redakteur Hauke Goos wollte bei der DZ Bank, einer Genossenschaftsbank aus Frankfurt am Main, etwas über deren "Cobold-Anleihe" erfahren. Die DZ Bank hatte der Kirche in Oldenburg Cobold-Anleihen verkauft, in denen sich Anteile der Pleitebank Lehman Brothers befanden. Die Kirche merkte von der Gefahr nichts.

Alle Risiken seien in der Produktinformation genannt, hieß es dazu bei der DZ Bank. Informationen, die über die Produktinformation hinausgingen, gebe man nicht bekannt. Was aber bedeutet es, fragte Goos, dass sich der Kurs der Anleihe nach Kreditderivaten richtet? Welche Rolle spielen die sogenannten Credit Default Swaps? Und wenn ein Anleger beispielsweise für 10.000 Euro Cobold-Anleihen erworben hat, und diese 10.000 Euro sind jetzt weg - wer hat dann das Geld? 20 Sekunden Pause in der Leitung. "Gute Frage", sagt die freundliche Pressedame. Noch einmal 15 Sekunden Schweigen. "Das muss ich erfragen." Sie notiert die Fragen, verspricht, einen kompetenten Gesprächspartner zu suchen. Drei Tage später kommt die Antwort der DZ Bank. Diese Informationen, heißt es knapp, seien "für den Anleger nicht relevant".

Der New Yorker Korrespondent Frank Hornig versuchte diejenigen ausfindig zu machen, die in den neunziger Jahren bei JP Morgan "Bistro" erfunden hatten, das Urprodukt der Kreditblase. Die meisten aus dem Team arbeiten längst woanders, über ihre Erfindung sprechen wollte kaum einer, oder wenn, dann nur unter Zusicherung von Anonymität. Etwas offener zeigte sich Andrew Donaldson, der zurzeit eine Investmentfirma in London leitet und bis 2005 bei JP Morgan war.

"Wir leben noch"

Als Hornig Donaldson in seinem Büro nicht weit vom Picadilly Circus besuchte, stellte er sich auf einen stolzen Finanzmanager Mitte oder Ende 50 ein, so wie ihn das Foto auf seiner Firmen-Web-Seite zeigt: mit Anzug, Krawatte und selbstbewusstem Gesichtsausdruck. An diesem Nachmittag sah Donaldson jedoch wie ein Schiffbrüchiger aus, sein Hemd weit geöffnet, die Haare zerzaust.

"Danke, okay, es ist Montag, wir leben noch", antwortete er auf die Begrüßungsfrage, wie es ihm gehe. Dann gab er Hornig einen Lektüretipp, das Buch heißt "Bad Money" und beschreibt, wie Schulden in den vergangenen 20 Jahren die US-Wirtschaft befeuert haben. "Ein interessantes Buch", sagte Donaldson: "Schulden an sich sind nichts Schlimmes. Es ist nur, wissen Sie, man muss halt sicherstellen, dass auch genug Kapital vorhanden ist."

SPIEGEL-Reporter Ullrich Fichtner besuchte in Zürich eine Messe der internationalen Großbanken, sprach mit Bankern aus mehreren Ländern und gewann den Eindruck: Die Banker, die die Welt an den Rand des Ruins getrieben haben, sind nun damit beschäftigt, wie sie zu Krisengewinnlern werden können. Fichtner ließ sich von einem Risikomanager der Credit Suisse in einem dreistündigen Hintergrundgespräch erklären, warum die Krise noch lange nicht vorbei ist und das Schlimmste noch bevorstehen könnte.

In Basel besuchte Fichtner die Bank für internationalen Zahlungsausgleich, wo ihm Spezialisten die Zusammenhänge der Weltkrise darlegten. Mit vielen Finanzexperten diskutierte er die komplizierten innovativen "Finanzprodukte", die geholfen hatten, die Kreditblase aufzupumpen. Fichtner sammelte die Recherchen und Texte der Kollegen ein und verschraubte sie zu einem Wirtschaftskrimi, zur Chronik eines Kapital-Verbrechens.

Den Krimi können Sie nachlesen - im aktuellen SPIEGEL.

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