Telekom-Gewinnwarnung Analysten hören die positiven Signale

Mit seiner überraschenden Gewinnwarnung am Wochenende hat Telekom-Chef René Obermann die Anleger aufgeschreckt. Umso erstaunlicher ist es, dass das Echo der Analysten keineswegs so negativ ausfällt, wie es zu erwarten gewesen wäre.

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Berlin - Nach der Amtsübernahme im vergangenen Dezember war es vorübergehend ruhig geworden um den neuen Konzernvorstand René Obermann. Ein wenig Zeit hatte er sich ausbedungen, um die Situation zu analysieren und eine Strategie zu formulieren, wie sich die Deutschen Telekom Chart zeigenkünftig im Wettbewerb behaupten will. Gestern schließlich trug er Analysten aus aller Welt die Ergebnisse seiner Bestandsaufnahme vor - und sorgte damit für ein Echo, das mit dem Begriff Paukenschlag nur unzureichend beschrieben ist.

Telekom-Chef Obermann: Aggressiver als sein Vorgänger
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Telekom-Chef Obermann: Aggressiver als sein Vorgänger

Eher schon kommt die Reaktion der Anleger einem Donnerhall gleich: Um mehr als sechs Prozent rutschte der Kurs der Telekom-Aktie im frühen Handel ab und erholte sich auch im weiteren Verlauf des Tages nur unwesentlich.

Nach Einschätzung von Chris-Oliver Schickentanz von der Dresdner Bank ist der Bonner Telefonriese damit sogar noch ganz gut bedient. "Wenn man die aktuellen Eckdaten in Rechnung stellt, die den Wert des Unternehmens bestimmen, so wäre selbst ein Kursabschlag von rund zehn Prozent in Ordnung gegangen", sagte er SPIEGEL ONLINE. Immerhin sei der Gewinn je Aktie nach der Korrektur der Prognose um deutliche 15 Prozent geschrumpft, das Ebitda um sieben Prozent. "Legt man diese Werte zu Grunde, so ergibt sich ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von 19 bis 20. Das ist nicht gerade ein Wert, der zum Kauf reizt".

Mehr Geld für Service

Doch auch wenn Obermanns Ergebnisprognose für das laufende Jahr gestern um bis zu 1,2 Milliarden Euro niedriger ausfiel als die Schätzung seines Vorgängers vor einem halben Jahr - die Analysten hielten sich mit vernichtender Kritik auffällig zurück. Lediglich die Citibank empfiehlt Anlegern seit heute, sich möglichst schnell von den Aktien zu trennen. Für Stefan Borscheid dagegen lassen sich aus den Ausführungen Obermanns durchaus positive Signale herauslesen. Immerhin, so schreibt der Chefanalyst der WestLB in einer ersten Kurzbeurteilung, verschaffe sich der Telekom-Chef damit mehr Spielraum in den Verhandlungen mit den Gewerkschaften, wenn es darum geht, Kostensenkungen durchzusetzen - sein Vorgänger Kai-Uwe Ricke hatte die Auseinandersetzung viel zu lange hinausgezögert.

Tatkraft beweist Obermann nach Meinung der Analysten auch mit seiner Ankündigung, künftig deutlich mehr Geld für die Verbesserung des Services auszugeben. So soll das Filialnetz ausgebaut und die Qualität der Call Center spürbar verbessert werden. Das Verharren in der Warteschleife soll in Zukunft ebenso zur Ausnahme werden, wie lange Wartezeiten beim technischen Service. Viel Geld wird nach Einschätzung von Schickentanz die Verbesserung der IT-Systeme kosten. "Am Ende", so ist er sich sicher, "wird sich der Aufwand aber auszahlen".

Eine Strategie lässt sich aus den Ausführungen Obermanns gleichwohl nicht herauslesen. "Die kurzfristigen Ziele, die Obermann gestern formuliert hat, sollten für ein kundenorientiertes Unternehmen eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein", kritisiert Theo Kitz von der Münchener Privatbank Merck Fink & Co. Durch bloße Ankündigungen jedenfalls lasse sich der Kundenschwund kaum stoppen. Der Aderlass hatte sich im letzten Quartal des vergangenen Geschäftsjahres überraschend noch verstärkt.

Konkrete Pläne vermisst

Konkrete Pläne vermisst auch Dresdner-Bank-Analyst Schickentanz: "In dieser Hinsicht hat Obermann gestern nichts Neues geliefert", sagt er. Überraschungen hebe sich der Telekom-Chef möglicherweise bis zur CeBIT im März auf.

In welchen Bereichen Handlungsbedarf besteht, darüber besteht allerdings schon seit langem Einigkeit: so stellt der schlechte Service noch immer das größte Ärgernis für die Kunden dar, die Preise liegen zum Teil erheblich über denen der Konkurrenz und auch die Flexibilität, auf Markttrends zu reagieren lässt zu wünschen übrig. Alle drei Faktoren hatten zuletzt dazu beigetragen, dass die Zahl der Kündigungen im vierten Quartal des vergangenen Geschäftsjahres noch einmal unerwartet deutlich angestiegen war.

Vieles spricht dafür, dass Obermann die Probleme erkannt hat und sie aggressiver angeht als sein Vorgänger, ist sich Schickentanz sicher und spricht sich indirekt dafür aus, ihm die dafür notwendige Zeit einzuräumen. Veränderungen seien bei einem Unternehmen wie der Deutschen Telekom aller Erfahrung nach eher langfristig durchzusetzen. "Dazu sind die Beharrungskräfte im Apparat einfach zu groß."

Der Aktienkurs werde sich ebenfalls eher auf lange Sicht erholen, fügt der Experte hinzu. Gleichwohl rät er anders als seine Kollegen von der Citibank nicht zum Verkauf. "Die Basis ist gut, und Obermann hat noch einige Möglichkeiten, den Kurs positiv zu beeinflussen - etwa durch den Verkauf von Immobilien."

Mit einer Maßnahme könnte Obermann aber schon ohne großen Aufwand die Analysten auf seine Seite ziehen - oder zumindest vermeiden, sie gegen sich aufzubringen. Dazu müsste er nur die Telefonkonferenzen auf einen normalen Arbeitstag verlegen. Der Sonntagnachmittag nämlich ist auch den als Workaholics bekannten Bankmanagern heilig.



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