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Telekom und die Presse: Pannen, Panik, Paranoia

Verfolgungswahn in Bonn: 2005 und 2006 drangen ständig Telekom-Interna an die Presse, der Konzern fahndete mit Geheimdienstmethoden nach Verrätern. Tatsächlich waren nicht Einzelne Schuld an den Indiskretionen - sondern verheerende Managementfehler, analysiert Thomas Hillenbrand.

Hamburg - Jedes Frühjahr veranstaltet die Telekom ihr Internationales Pressekolloquium, kurz IPK. Es ist das Medienevent des Dax-Konzerns. Die Bonner laden Dutzende Journalisten aus aller Herren Länder ein, zeigen neue Produkte, präsentieren ihre Geschäftsstrategie. Höhepunkt der Zusammenkunft für die Presse ist eine Party, auf der man sich ungezwungen mit Telekom-Vorständen und anderen Top-Managern austauschen kann. Wenn es neben der Hauptversammlung einen Pflichttermin für den Telekom-Boss gibt, dann ist es diese Feier.

Ex-Telekom-Chef Ricke: Panische Angst vor der Presse
AP

Ex-Telekom-Chef Ricke: Panische Angst vor der Presse

Vorstandschef Kai-Uwe Ricke tauchte im März 2006 auf seiner eigenen Party nicht auf. Warum? Der ohnehin medienscheue Telekom-Boss hatte ganz offenkundig panische Angst vor der Presse entwickelt. Nicht ganz ohne Grund: Er hatte gerade seine Gewinnprognose verfehlt und einen umfangreichen Stellenabbau angekündigt. Die Kunden flohen in Scharen. Da geht man unangenehmen Fragen gerne aus dem Weg. Nach diesem Pflichttermin im Berliner Funkturm schwänzte Ricke 2006 auch die obligate Party bei der Computermesse Cebit.

Den meisten meiner Kollegen war Rickes U-Boot-Taktik zu diesem Zeitpunkt egal. Mir auch, denn die Informationen aus dem Inneren der Magenta-Behörde flossen überreichlich. Ob "Capital", "Wirtschaftswoche", "Financial Times Deutschland" oder SPIEGEL - alle paar Tage grub ein auf die Telekom angesetzter Fachredakteur eine exklusive Geschichte aus und gab die Meldung an die Nachrichtenagenturen: "Russen wollen bei Telekom einsteigen" (FTD), "Machtkampf im Telekom-Vorstand" (WiWo) - und so weiter.

Krieg der Sparten

Bei der Telekom gab es im Umgang mit Journalisten zu diesem Zeitpunkt keinerlei Disziplin mehr. Ricke soll intern beklagt haben, dass die Telekom "löchrig wie ein Schweizer Käse" sei. Schuld daran war auch er selbst: Der Ende 2006 wegen fortgesetzter Erfolglosigkeit abgesägte Vorstandschef hatte in seiner vierjährigen Amtszeit nach meinem Eindruck ein Klima der Paranoia und der Missgunst geschaffen, wie ich es bis dahin in keinem anderen Großkonzern erlebt habe. Er ließ es zu, dass die drei Konzernsparten T-Mobile (Mobilfunk), T-Com (Festnetz) und T-Systems (Geschäftskunden) von ihren Chefs René Obermann, Walter Raizner und Lothar Pauly wie eigenständige Fürstentümer geführt wurden.

Zwischen den Dreien herrschte Krieg. Mal fand es Obermann ärgerlich, dass Raizner auch Handys verkaufen durfte. Mal wollte Pauly Raizner eine neue EDV bauen, Raizner kaufte die aber lieber bei IBM. In internen Sitzungen gab es Schreiduelle zwischen den Vorständen. Entsprechend bekämpften sich auch die Vasallen der verschiedenen Chefs bis aufs Blut. Jeder bei der Telekom - ob Manager, Gewerkschafter oder externer Dienstleister - war 2006 auf irgendwen sauer, weil der ihm das Projekt zerschossen oder sonst wie Steine in den Weg gelegt hatte. Und alle wollten der Presse ihre Sicht der Dinge darlegen.

"Rufen Sie dazu bitte deren Pressestelle an"

Selbst die Pressestellen des Konzerns bekämpften einander. Ganz richtig, Plural: Die Ricke-Telekom hatte nicht eine Anlaufstelle für Journalisten, sonder vier. Eine für jeden der Spartenfürsten, eine für Ricke. "Rufen Sie dazu bitte deren Pressestelle an", war ein Standardsatz. Ich habe selbst erlebt, wie der Kommunikationschef der Sparte X eine Medienveranstaltung hinter dem Rücken der Sparte Y organisierte. Irgendwann rief mich dann eine der anderen Pressestellen an und riet mir, die Rede des betreffenden Vorstands von Sparte X nicht so ernst zu nehmen.

Miteinander sprachen die verschiedenen Kommunikationsleute offenbar selten. "Ich bekomme die Pressemitteilungen von T-Mobile auch erst eine halbe Stunde, bevor sie eine Meldung rausgeben", klagte etwa ein PR-Mann einer verfeindeten Konzerneinheit.

Personalien, Gewinnprognosen, Produktstarts - dass in einem derartigen Klima alles irgendwo durchsickert und niemand mehr in der Pressestelle anruft, hätte bei der Telekom eigentlich niemanden verwundern dürfen. Trotzdem hatte sich in Bonn bei einigen Herren wohl die fixe Idee festgesetzt, es gebe die eine undichte Stelle, das eine Leck, das man nur stopfen müsse - und dann werde sich die Lage beruhigen.

Mehrfach bin ich mit dieser Leck-Theorie konfrontiert worden. Obwohl ich, wie jeder Journalist, auf die Frage "Wo haben Sie das denn her?" beharrlich schwieg, breiteten Presseleute und Manager immer wieder ungefragt ihre Hypothesen vor mir aus. Das Maß an Realitätsferne war dabei erschreckend.

Bloß nicht das T-Mobile-Handy benutzen

Festnetz-Boss Raizner etwa glaubte, es sei "das verdammte Middle-Management", das andauernd quatsche. Ein Pressesprecher hatte einen bestimmten Ex-Mitarbeiter im Verdacht. Ein anderer mutmaßte, die Betriebsräte würden der Presse ständig geheime Unterlagen zuschustern. Oder ein intriganter Unternehmensberater. Dass die Telekom in Wahrheit an hundert Stellen leckte, weil sich alle im Konzern irgendwie hassten, kam anscheinend niemandem in den Sinn.

Als der Konzern Mitarbeiter, Aufsichtsräte und Journalisten zu bespitzeln begann, um "das Leck" zu finden, fiel das den Betroffenen zunächst nicht auf. Allerdings erscheint einem so manches im Nachhinein seltsam. Einige meiner Kontakte bestanden seinerzeit darauf, nicht über ein Telekom-Handy zu telefonieren, sondern verwendeten Geräte von E-Plus oder Vodafone.

Ich fand das damals ein bisschen paranoid. Aber offenbar wussten die Telekom-Insider besser als ich, wozu ihr Unternehmen fähig war.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. super sache
Nonvaio01 29.05.2008
Endlich werden auch einmal Manager opfer vom Big Brother, bisher war es ja nur der kleine Angestellte. Vielleicht werden Sie daten nun nicht mehr so einfach herraus ruecken wenn Sie wissen das keiner davor gesichert ist. Verhindern kann man es eh nicht mehr, dann muesste jeder jeden Ueberwachen.
2. putzig....
kaymac 29.05.2008
hach ist es nicht niedlich wie man sich da im großen Sandkasten Telekom gegenseitig die Förmchen und Schippchen weggenommen hat, laut krakeelt und sich dann auch noch wundert wenn andere es mitbekommen? Ich frage mich ernsthaft ob es in diesen Riesenfirmen noch Führungskräfte gibt die nicht an einer halbparanoia gepaart mit Narzissmus leiden, oder wer weiss vielleicht ist das ja eine der inoffiziellen Vorraussetzungen um da "oben" mitzumischen. Geht es da eigentlich noch um Sachthemen? Verantwortung? Wenn diese "Herren", die nun wirklich hoch genug bezahlt werden (man fragt sich wofür) einfach nur ihren Job machen würden, wie man es vom Durchschnittsarbeitnehmer auch erwartet und der hat ganz sicher keine eigene Pressestelle. Das Ganze Spektakel ist einfach nur noch peinlich, nur den Verursachern sicher nicht. Aber auch diese Art der Unternehmensführung ist bereits seit Jahren gang und gebe in Deutschland, vielleicht weil in gewissen Etagen hoch gezahlt wird aber kritische Prüfung als Majestätsbeleidigung gesehen wird. Moderner Feudalismus....wer weiss vielleicht prägen die Unternehmen bald eigene Währungen und wir führen wieder zig kleine Firmenfürstentümer ein? Hofnarren fänden sich in der ach so Konzernfreundlichen Politik sicher.
3. ...
Newspeak, 29.05.2008
Der einzige Vorteil bei der ganzen Angelegenheit ist, daß wieder einmal die ganze Verkommenheit des Systems Bundesrepublik aufgezeigt wird. Selbst wer den Mannesmann-Vodafone Skandal noch als Ausrutscher bezeichnet hat, selbst wer bei Siemens immer noch über eine unglückliche Häufung von Einzelfällen spekulierte, selbst der muß doch langsam eingestehen, daß die gesamte deutsche Management-"Elite" der DAX-Unternehmen keinerlei Anstand besitzt, Privilegien hortet, Mitarbeiter ausbeutet und in höchstem Maße kriminelle Energie zeigt. Hoffentlich geht die Telekom den Bach runter...solche Konzerne braucht wirklich niemand! Allein, bis der erste Spitzenmanager mal wirklich zur Verantwortung gezogen wird, wird es wohl noch dauern. Wer bei jeder Kritik an überzogenen Gehältern die große zu tragende Verantwortung neu beschwört, der soll auch mal die Haftung übernehmen und für kriminelle Machenschaften eine zeitlang in den Knast wandern!
4. Na und?
n0 by, 29.05.2008
Richter und Staatsanwälte sind über Jahre hinaus beschäftigt, die Siemens-Schmiererei juristisch 'aufzuarbeiten'. Bei Lidl, Aldi oder welchen Discountern auch immer kämpft das Managment gegen die Angestellten mit interner Klo-Spionage. Bei Telekom hört der 'Große Bruder' mit, was wiederum die Gerichte auf Jahre beschäftigt. Derweil fehlt massiv 'Staatspersonal' wie Steuerfahnder, um die ins 'benachbarte Ausland' versickernden Steuermillionen für sozialnötige und - nützliche Aufgabe zu retten. Die Skandale, zu denen 'Schreibtischtäter' in Industrie, Medien, Justiz, Wissenschaft und Forschung Akten füllen, stinken immer mehr zum Himmel. Auf den Straßen derweil prügelt sich das weniger schriftgewandte Fußvolk von 'schwarzen Blocks' verschiedener rot-brauner Couleur zum Zeitvertreib. Was fehlt noch, bevor nach Berlin-Bonner Zustände im Zuschnitt von Weimar irgendeine schreib- oder schreigewandte Maulhure den nächsten Führer mimt? n0by, zensiert wie immer
5. Die halbseidenen Zustände in den halbstaatlichen Unternehmen
Nicisling 29.05.2008
Man fragt sich doch, warum es die Telekom seit Jahren nicht schafft die Kundenabwanderung zu stoppen. Jetzt wird einem klar, mit was man sich dort während der Jahre wirklich beschäftigte. Dabei scheint der berüchtigte Stil der Callcenter nur dem inneren Zustand zu entsprechen der bei der Telekom herrscht. Jetzt ist es heraus wie es in diesem Halb-Staat-Unternehmen zugeht und wieder stellt sich die Frage nach den Verantwortlichen, die dort im Aufsichtsrat natürlich von allem keine Ahnung hatten. Das Heucheln der Politik, ins Gigantische bei den Skandalen der Landesbanken und der KFW getrieben, (Mathäus-Meier und Sommer, beide im Verwaltungsrat der KFW sitzen auch im Aufsichtsrat der Telekom) wird auch hier weiter einsetzen. Ein Lob der Presse, solche Mißstände immer wieder ans Licht zu zerren. Erst wenn das nicht mehr möglich ist, es also plötzlich keine solchen Skandale mehr geben sollte, dann wird es wirklich gefährlich. Die permanente Verwicklung der politischen Kaste in unserem Land lässt allerdings befürchten, daß man genau da ansetzen wird, um die Veröffentlichung solcher Zustände zukünftig verhindern zu können. Lafontaine hat es im Saarland schon vorgemacht und die Presse dort an den politischen Haken genommen.
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