Terror-Krise Zehntausende verlieren ihre Jobs

Die Terrorattacken haben der US-Wirtschaft einen herben Schlag versetzt. Neben den Airlines müssen viele Unternehmen Gewinnwarnungen aussprechen. Analysten befürchten eine große Entlassungswelle.

Von Carsten Matthäus


New York: Diese Statue saß einst auf einer Bank vor dem World Trade Center. Jetzt trägt sie Blumen.
DPA

New York: Diese Statue saß einst auf einer Bank vor dem World Trade Center. Jetzt trägt sie Blumen.

Washington - Knapp 70.000 Mitarbeiter in nur einer Woche. Das ist die traurige und noch vorläufige Bilanz der Stellenstreichungen bei den amerikanischen Fluggesellschaften. Um mindestens zwanzig Prozent wird der Umsatz im Luftverkehr zurückgehen, so die einhellige Meinung der Airline-Manager. Sie wollen sich gar nicht ausmalen, was passiert, wenn weitere Terroraktionen das Land in Aufruhr versetzen.

Diese Unsicherheit veranlasst auch andere US-Unternehmen dazu, die Zahl ihrer Mitarbeiter auf ein Mindestmaß zu beschränken. Schon vor der Katastrophe wurden angesichts der schwachen Konjunktur Investitionen zurückgestellt. "In der näheren Zukunft haben die Unternehmen jetzt mit noch einem höheren Maß an Unsicherheit zu kämpfen", so George Chamillard, Chef von Teradyne. Sein Unternehmen produziert Testsysteme für die Computerindustrie. Vorsorglich kürzte Chamilliard die Zahl der Stellen um 1000 auf rund 8000.

Die Vorboten für weitere Stellenstreichungen sind allerorten. Rund fünfzig US-Unternehmen haben in den vergangenen Tagen Gewinnwarnungen ausgesprochen, darunter der Medienkonzern Viacom, der Autokonzern Ford, der Online-Broker Charles Schwab und der Filmhersteller Eastman Kodak Chart zeigen.

In den nächsten Monaten wird es vor allem die Tourismusindustrie treffen, schätzen Analysten. So habe beispielsweise Park Place Entertainment den Bau eines 450-Millionen-Dollar-Hotels auf unbestimmte Zeit verschoben, berichtet das "Wall Street Journal". Im Gastgewerbe wird es jedoch nicht die spektakulären Entlassungsmeldungen geben, da hier die Betriebe kleiner und die Fluktuation ohnehin sehr groß ist.

Momentan ändern alle Analysten ihre Voraussagen für den amerikanischen Arbeitsmarkt. J.P. Morgan beispielsweise schraubte die Prognose für das Gesamtjahr um einen Viertel Prozentpunkt auf 5,1 Prozent Arbeitslosigkeit hoch. Nach Ansicht von David Wyss, Chefanalyst von Standard & Poor's, wird diese Zahl am Jahresende bei 5,5 Prozent liegen und in den darauffolgenden Monaten auf sechs Prozent ansteigen.

In Prozentzahlen sieht dies vergleichsweise harmlos aus. Doch eine Steigerung auf 5,5 Prozent würde bedeuten, dass allein im Jahr 2001 rund zwei Millionen US-Amerikaner ihren Arbeitsplatz verloren haben werden.

Noch offen ist die Frage, wie stark die Angst vor weiterem Terror die Konsumenten von größeren Anschaffungen abhält. In der Autoindustrie ist General Motors (GM) bereits vorgeprescht. Wer jetzt einen Neuwagen kauft, dem wird derzeit eine Finanzierung über 36 Monate angeboten, bei der er überhaupt keine Zinsen zahlen muss. Dennoch stufte die Ratingagentur Moodys die Kreditwürdigkeit von GM und DaimlerChrysler Chart zeigen wegen der Unsicherheit des Automarktes herab.

Auch bei dem Neubau oder dem Erwerb von Hauseigentum gibt es bisher keine beruhigenden Daten. Laut US-Notenbank Federal Reserve zeigte sich zwar die Immobiliennachfrage der Privathaushalte angesichts niedriger Zinsen robust. Die Aktivität der Unternehmen ist ihren aktuellsten Erhebungen zufolge jedoch schwach. Und das war vor den Anschlägen.

Einziger Hoffnungsschimmer ist derzeit die US-Regierung: "Es ist eine paradoxe Situation. Auf der einen Seite ist da diese schreckliche Tragödie, auf der anderen Seite senkt die Regierung die Steuer und gibt mehr aus. Beides zusammen wird der Wirtschaft helfen", so Martin Regalia, Chefvolkswirt der US-Handelskammer.

Von dieser verstärkten Aktivität werden nach Ansicht von Wyss vor allem die Branchen Rüstung, Telekommunikation und Bau profitieren. Hier könnten seiner Meinung nach wieder rund 500.000 neue Stellen entstehen, gesetzt den Fall, es gibt keine weitere Eskalation der Gewalt.

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