Teuerung: Sinkende Inflationsrate schafft Spielraum für Zinssenkung

Von Sebastian Dullien

Hoffnungsschimmer am Geldmarkt: Dank sinkender Ölpreise geht die Inflation zurück. Damit können sich Verbraucher wieder mehr leisten. Zudem hat die Europäische Zentralbank jetzt Spielraum für Zinssenkungen - und damit für die Bekämpfung der Finanzkrise.

Berlin - Zwar fiel der Rückgang der Inflation von 3,3 im Juli auf 3,1 Prozent im August zunächst noch recht gering aus. Die Details der Daten sowie die jüngsten Entwicklungen auf dem Rohölmarkt zeigen jedoch, dass sich der Abwärtstrend fortsetzen wird. Für die Wirtschaft ist das eine gute Nachricht. Denn die Europäische Zentralbank (EZB) gewinnt so Spielraum, um auf die jüngste Zuspitzung der Finanzkrise mit Zinssenkungen zu reagieren.

EZB in Frankfurt: Uneingeschränkt gute Nachricht
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EZB in Frankfurt: Uneingeschränkt gute Nachricht

Vor allem der Rückgang der Energiepreise seit Juli ist für den aktuellen Inflationsrückgang verantwortlich: Der Preis für ein Barrel (159 Liter) Rohöl der Nordseesorte Brent fiel von seinem Maximum bei fast 145 Dollar im Juli auf im Schnitt nur noch etwas mehr als 110 Dollar im August. Die Folgen haben die Verbraucher unmittelbar zu spüren gekommen: In Deutschland gaben auch die Benzinpreise wieder nach. Nach gängigen Erhebungen war der Liter Normalbenzin im Juli bereits fünf Cent billiger als noch zwei Monate zuvor.

Zudem verspricht sich diese Entwicklung fortzusetzen. Schon vor den Finanzmarktturbulenzen am Montag waren die Rohölnotierungen weiter auf rund 100 Dollar pro Barrel gefallen. Durch die Krisenangst nach der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers sackte der Preis gestern weiter Richtung 90 Dollar pro Barrel ab. Auch wertete der Euro wieder spürbar auf. In Euro gerechnet ist damit Rohöl in den vergangenen Wochen noch einmal fast zehn Prozent billiger geworden – eine Entwicklung, die sich im September oder Oktober auch in fallenden Benzinpreisen niederschlagen wird.

Da ein beträchtlicher Teil der deutschen Inflation des vergangenen Jahres durch den Ölpreisanstieg verursacht worden ist, bedeutet ein Rückgang der Energiepreise eine deutliche Entlastung des Inflationsdrucks. Würden die Rohölpreise auf das Vorjahresniveau zurückfallen, läge die Inflation in Deutschland derzeit nur bei knapp zwei Prozent.

Die fallende Inflation ist dabei eine uneingeschränkt gute Nachricht: Zum einen entlastet sie Verbraucher, was tendenziell den schwächelnden Konsum stützen könnte. Ein Grund für die Kaufzurückhaltung der Deutschen war zuletzt, dass durch steigende Heiz- und Benzinkosten praktisch alle Lohnzuwächse aus dem jüngsten Aufschwung konterkariert wurden. Wenn jetzt die Inflation nachgibt, bleibt von den Lohnabschlüssen mehr übrig für zusätzliche Ausgaben.

Zudem gewinnt die EZB Spielraum, um die Zinsen zu senken. Der abnehmende Teuerungsdruck ist nicht nur ein deutsches Phänomen, sondern ist in der gesamten Euro-Zone zu beobachten, auch wenn die Inflation im Währungsraum insgesamt zuletzt noch bei 3,8 Prozent lag. Mit dem aktuellen Dollarkurs und den derzeitigen Ölpreisen könnte die Inflation im Euro-Raum insgesamt schon zum Jahresende wieder eine zwei vor dem Komma erreichen - und damit zumindest wieder in Sichtweite des Inflationsziels der europäischen Zentralbank von "nahe, aber unter zwei Prozent" kommen.

Vor allem dürfte der fallende Ölpreis die Angst der Notenbank vor dem sogenannten "Zweitrunden-Effekten" dämpfen: Die Zentralbanker hatten in den vergangenen Monaten immer wieder gewarnt, dass es eine große Gefahr sei, wenn die Gewerkschaften wegen der hohen Energiepreise ein kräftiges Lohnplus verlangen würden. Ein solches Plus könnte dann – ähnlich wie in den siebziger Jahren – die Kosten der Unternehmen in die Höhe treiben und diese ihrerseits zu neuen Preiserhöhungen zwingen. Mit fallenden Energiepreisen schwindet dieses Risiko nun rapide.

Hinzu kommt, dass die globale Finanzkrise zunehmend die Wirtschaft belastet und damit weiter den Inflationsdruck dämpft: Bereits seit dem Frühjahr steigt in der Euro-Zone insgesamt wieder die Arbeitslosigkeit. Auch in Deutschland rechnen viele Experten damit, dass schon zum Jahresende die Zahl der Jobsuchenden wieder zunimmt. In Zeiten steigender Arbeitslosigkeit aber wird es für die Gewerkschaften schwieriger, hohe Lohnforderungen durchzusetzen. Auch dies dürfte die Angst vor Zweitrundeneffekten verringern.

Wie schnell die EZB allerdings den neuen Spielraum zu Zinssenkungen nutzt, hängt jetzt davon ab, welche Fraktion sich im Rat der Zentralbank durchsetzen kann – und für wie bedeutend die Notenbanker die Folgen der jüngsten Zuspitzung der Finanzkrise einschätzen. Gestern gab es an den Märkten bereits Spekulationen, dass die Europäer noch diese Woche in konzertierter Aktion mit der US-Notenbank Fed die Zinsen senken könnten. Allerdings ist ein solcher Schritt eher unwahrscheinlich, weil die Frankfurter wohl zu recht fürchten würden, dass das Vorhaben nur zwei Monate nach der jüngsten Zinserhöhung als Panik gewertet werden könnte.

Als wahrscheinlicher gilt derzeit unter den Experten deshalb, dass die Banker im Frankfurter Euro-Tower mit ihrer Zinssenkung noch einige Monate warten, bis sich der Energiepreisverfall deutlicher in weiter fallenden Inflationszahlen niedergeschlagen hat. Spätestens im Frühjahr 2009 sollten dann aber die Zinsen fallen.

Sebastian Dullien ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Fachhochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin

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